May Ayim

Mis en avant

deutschland im herbst

es ist nicht wahr
daß es nicht wahr ist
so war es
erst zuerst dann wieder

so ist es

kristallnacht:
im november 1938
zerklirrten zuerst
fensterscheiben
dann
wieder und wieder
menschenknochen
von juden und schwarzen und
kranken und schwachen von
sinti und roma und
polen von lesben und
schwulen von und von
und von und von
und und

erst einige dann viele

immer mehr:
die hand erhoben und mitgemacht
beifall geklatscht
oder heimlich gegafft
wie die
und die
und der und der
und der und die
erst hin und wieder
dann wieder und wieder

schon wieder?

ein einzelfall:
in november 1990 wurde
antonio amadeo aus angola
in eberswalde
von neonazis
erschlagen
sein kind kurze zeit später von einer
weißen deutschen frau
geboren
ihr haus
bald darauf
zertrümmert

ach ja

und die polizei
war so spät da
daß es zu spät war
und die zeitungen waren mit worten
so sparsam
daß es schweigen gleichkam
und im fernsehen kein bild
zu dem mordfall

zu dem vorfall kein kommentar:

im neuvereinten deuschland
das sich so gerne
viel zu gerne
wiedervereinigt nennt
dort haben
in diesem und jenem ort
zuerst häuser
dann menschen
gebrannt

erst im osten dann im westen
dann
im ganzen land

erst zuerst dann wieder

es ist nicht wahr
daß es nicht wahr ist
so war es

so ist es:
deutschland im herbst
mir graut vor dem winter

May Ayim (Photo: Orlanda Frauenverlag)

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Mehmet Kubaşık ✝ 04.04.2006

An der Steinwache Dortmund, Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors

Rund 300 Teilnehmer bei Demonstration für Mehmet Kubaşık
RN-Dortmunder Zeitung – 6. April 2024
Von Lukas Wittland
Vor 18 Jahren wurde Mehmet Kubaşık in der Dortmunder Nordstadt von Rechtsextremisten ermordet. Am Donnerstag erinnerten Angehörige und Demonstranten an den Dortmunder.
Am 4. April vor 18 Jahren wurde Mehmet Kubaşık aus rassistischen Gründen in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt mit zwei Schüssen in den Kopf getötet. Ermordet von den Rechtsterroristen des selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Zum Gedenken an ihn und neun weitere Opfer des NSU zogen am Donnerstagnachmittag rund 300 Personen in einer andächtigen Demonstration vom ehemaligen Kiosk der Familie Kubaşık in der Mallinckrodtstraße zum Denkmal für die NSU-Opfer an der Steinwache am Hauptbahnhof. Die Familie Kubaşık lief an der Spitze des Demonstrationszugs. Laut Polizei verlief die Demonstration ohne Zwischenfälle. In der Vergangenheit hatten Rechtsextremisten versucht, die Veranstaltung zu stören.
Blumen für die Ermordeten
An den Gedenkorten legten Angehörige und Demonstrierende Blumen für Mehment Kubaşık und die anderen Ermordeten nieder. Die Gedenkdemonstration wird seit der Selbstenttarnung des NSU vom Bündnis „Tag der Solidariät – kein Schlussstrich Dortmund“ organisiert. Ali Sirin vom Bündnis forderte wie Gamze Kubaşık, die Tochter des Getöteten, die bei der Schlusskundgebung eine Rede hielt, die vollständige Aufklärung der Terrorserie.
Noch immer sind viele Akten unter Verschluss. „Der Schmerz über den Verlust meines Vaters wird auch nach 18 Jahren nicht weniger“, sagte Gamze Kubaşık. „Wir können es kaum verarbeiten, aber wir haben einen Umgang damit gefunden. Sie haben das Leben meines Vaters ausgelöscht, aber unsere Stimme, sein Andenken und seine Menschlichkeit leben in uns und unserem Handeln weiter.“
© 2024 rn.de

Gamze Kubaşıks Vater Mehmet wurde am 4. April 2006 von den rechtsextremen Terroristen des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ermordet. © Christian Pozorski

Vor 18 Jahren erschossen Rechtsterroristen Mehmet Kubaşık
RN-Dortmunder Zeitung – 4. April 2024
Am 4. April 2006 ermordeten Rechtsextremisten Mehmet Kubaşık in Dortmund.18 Jahre später hält seine Tochter Gamze das Gedenken weiter am Leben. Am Rechtsstaat zweifelt sie.

Der 4. April 2006 ist der Tag, über den Gamze Kubaşık sagt, sie werde ihn nie vergessen. Wie soll das auch gehen? Denn an diesem Tag vor 18 Jahren starb ihr Vater durch zwei Schüsse in den Kopf. Erschossen in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt. Die Mörder sind rechtsextreme Gewalttäter des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Von 2000 bis 2007 begehen sie in Deutschland drei Sprengstoffanschläge und erschießen zehn Menschen. Neun ihrer Opfer haben eine Migrationsgeschichte.

Mehmet Kubaşık ist in der Türkei geboren. 1991 kam er mit seiner Frau Elif und seiner ältesten Tochter Gamze nach Deutschland. Später bekommt das Ehepaar noch zwei Söhne. 2003 übernimmt die gesamte Familie die deutsche Staatsbürgerschaft.
Einige Wochen vor seinem vierzigsten Geburtstag wird Mehmet Kubaşık ermordet. Seine älteste Tochter Gamze ist damals gerade 20 Jahre alt. Nach dem Unterricht in der Berufsschule will sie ihren Vater an einem Dienstag vor 18 Jahren im Kiosk ablösen. Schon aus der Ferne sieht sie Rettungswagen, Polizei und viele Menschen. Anfangs denkt sie sich nichts dabei.
Als sie näher kommt, hört sie jemanden etwas sagen: „Oh nein, da ist die Tochter.“ Sie habe in den Kiosk gehen wollen, erinnert sich Gamze Kubaşık, ein Polizist hält sie auf. Ob sie nicht die Absperrung sehe, fragt er und bringt sie zu einem Wagen. „Ich möchte zu meinem Vater gehen, was ist mit meinem Vater passiert?“, fragt die damals 20-Jährige.

Der Tatort an der Mallinckrodtstraße im April 2006© Nils Foltynowicz (Archiv)

Anfangs habe man ihr gesagt, dass er verletzt sei, dass es ihm gut gehe. Das stimmt nicht. Aber sie glaubt es zunächst. „Ich habe nicht daran gedacht, dass mein Vater nicht mehr lebt“, sagt die heute 38-Jährige. Dann beugt sich ein älterer Polizist zu ihr herunter. „Ich konnte sofort an seinen Augen erkennen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Er sagt: „Frau Kubaşık, Ihr Vater ist tot.“
Sie erinnere sich, dass sie ein starkes Piepen auf dem Ohr hatte, dann habe eine Polizistin gesagt: „Sie wird blass.“ Als sie ihre Augen wieder öffnet, liegt sie im Krankenwagen und hört die Schreie ihrer Mutter, erinnert sich Gamze Kubaşık.

Nun, 18 Jahre später, steht sie auf dem Platz an der Kreuzung der Mallinckrodtstraße und Münsterstraße, der seit 2019 den Namen ihres Vaters trägt.

Opfer wurden kriminalisiert
Dass es den Mehmet-Kubaşık-Platz gibt, ist für sie etwas ganz Besonderes. Sie will, dass das Gedenken hochgehalten wird. Auch deshalb geht sie in Schulen und spricht über ihren Vater, das Verbrechen an ihm und wie der getötete Mehmet Kubaşık, die anderen Mordopfer und ihre Familien kriminalisiert wurden.

Mehmets Kubasik Witwe Elif Kubaşık kniet, begleitet von Angehörigen, weinend vor der Gedenktafel nieder. Nur wenige Meter von dieser Gedenkstätte entfernt starb am 4. April 2006 ihr Ehemann, hingerichtet von Rechtsextremisten. Foto (c) RN-Archiv

Am Tag nach dem Mord an ihrem Vater und Ehemann sitzen Gamze und Elif Kubaşık sechs Stunden auf der Wache und werden von Polizisten befragt. „Was können Sie sich vorstellen, wer Ihren Vater ermordet hat?“, sei die erste Frage gewesen. Danach sei gefragt worden, ob ihr Vater etwas mit Drogen zu tun gehabt hätte, ob er sie verkauft hätte – auch an Minderjährige, erinnert sich Gamze Kubaşık. Ihrer Mutter werden Fotos von Frauen vorgelegt, mit denen Mehmet Kubaşık ein Verhältnis gehabt haben soll.Damals hätten die Beamten gesagt, dass sie so etwas nicht fragen würden, wenn sie keine Beweise hätten. „Heute weiß ich, dass man uns etwas unterstellen wollte.“
„So fingen die Gerüchte an“
Mehmet Kubaşık wird in der Türkei begraben. Während die Familie dort war, seien Polizisten mit dem Foto des Getöteten durch die Nachbarschaft gelaufen und hätten gefragt, ob er Drogen an Minderjährige verkauft habe, sagt Gamze Kubaşık.
Sie fragen nach Verbindungen zur Mafia und zur PKK. „So fingen die Gerüchte an.“ Freunde und Bekannte glauben der Polizei. Hinter ihrem Rücken bekommt Gamze Kubaşık mit, wie getuschelt wird, wie gesagt wird, dass man sich von ihr fernhalten solle.
Ihre Geschwister bekommen Probleme in der Schule. Ihre Mutter geht besonders früh einkaufen, damit sie niemandem begegnet. Gamze Kubaşık verlässt ein Jahr lang nicht die Wohnung. Gleichzeitig gehen diskriminierende und rassistische Begriffe wie „Döner-Morde“ durch die Medien.

Die Deutsche-Presse-Agentur benutzte den Begriff noch Ende 2011. Angehörige empfinden das als „Entmenschlichung“ der Opfer. „Jeder Tag war ein Albtraum“, sagt Gamze Kubaşık.

„Man hat meinen Vater ein zweites Mal umgebracht, indem man seine Ehre kaputtgemacht hat. Das ist etwas, mit dem ich bis heute nicht klarkomme. Seine Ehre war meinem Vater sehr wichtig.“ Sie und ihre Familie haben immer gewusst, was ihrem Vater unterstellt wird, kann nicht stimmen. „Mein Vater hat Kinder geliebt.“ Von ihrer Mutter habe er immer einen strengen Blick bekommen, wenn er den Kindern wieder mehr in die gemischte Tüte getan hat. Ihm sei das egal gewesen.
Erschüttertes Vertrauen
Gamze Kubaşık sagt, ihre Mutter hätte die Polizei gefragt, ob es nicht Neonazis gewesen sein könnten. Die Beamten hätten geantwortet, dass sie dann ein Bekennerschreiben hinterlassen hätten. Die Polizei ermittelte auch in den anderen Mordfällen zunächst nicht wegen eines rassistischen Motivs, obwohl es Zeugenaussagen über Personen gab, die „wie Nazis“ ausgesehen hätten.

Dass rechtsextreme Terroristen Mehmet Kubaşık und neun weitere Menschen ermordet haben, erfährt Gamze Kubaşık erst Ende 2011, als zwei Täter des NSU-Kerntrios nach einem Banküberfall von der Polizei verfolgt werden und sich selbst erschießen. Ihre Komplizin Beate Zschäpe veröffentlicht Bekennervideos. Als Gamze Kubaşık davon erfährt, ist es „wie ein Schlag ins Gesicht“.
Aber es ist auch der Tag, an dem sie spürt, welche Last sie all die Jahre mit sich herumgetragen hat. Die Gewissheit ist für sie, ihre Mutter und ihre Geschwister eine Erleichterung. Aber die fehlende Aufklärung hat Gamze Kubaşıks Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert. Auch nach fünf Jahren NSU-Prozess und dem Versprechen der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel einer „lückenlosen Aufklärung“ bleiben bei Gamze Kubaşık viele Fragen: „Was wusste der Verfassungsschutz? Was steht in den geheimen Akten? Wurde mein Vater gezielt ausgewählt oder war er ein Zufallsopfer? Welche Unterstützer hatten die Terroristen in Dortmund?“ Durch Erkenntnisse aus dem Prozess gegen Beate Zschäpe und aus mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gilt es als gesichert, dass der NSU als Netzwerk mit bis zu 200 Personen im Hintergrund gearbeitet hat – auch in Dortmund. In den Ermittlungsakten finden sich einige Verbindungen in die Ruhrgebietsstadt.
Da sind Briefkontakte zwischen Zschäpe und einem Dortmunder Neonazi. Es gibt Patronenschachteln, die am ausgebrannten NSU-Versteck in Zwickau gefunden wurden und mit dem Namen „Siggi“ beschriftet waren – möglicherweise ein von Ermittlern nie untersuchter Hinweis auf den mittlerweile gestorbenen Dortmunder Neonazi Siegfried Borchardt.
Hinzu kommen Kontakte des NSU-Trios zu Combat-18-Vereinigungen in Dortmund und etliche weitere Beziehungen zwischen Mitgliedern der rechten Szene dieser Zeit. Gamze Kubaşık kämpft weiter um Aufklärung und darum, dass das Schicksal ihres Vaters nicht vergessen wird.

Mehmet Kubaşık wurde am 4. April 2006 in Dortmund ermordet – von Rechtsextremisten. Weil er nicht in ihre Vorstellung von Deutschland gepasst hat. Mehmet Kubaşık hat seine Ehefrau und seine Kinder geliebt. Er war Fan von Fenerbahçe Istanbul und Borussia Dortmund.
Er hat gerne gegrillt und seinen roten BMW liebevoll gepflegt. Er hatte Humor. An diesem Donnerstag (4.4.) wird ihm 18 Jahre nach seiner Ermordung um 17 Uhr mit einer Demonstration gedacht. Sie startet dort, wo der Kiosk von Mehmet Kubaşık war, an der Mallinckrodtstraße 190.
© 2024 rn.de

Zum Ostermarsch 2024

Die Ostermärsche 2024 stehen im Zeichen der Kriege in der Ukraine und in Gaza. (dpa / Bernd Thissen) Nein, im Zeichen des Friedens !! (Ed.)

Welche Bedeutung haben die Ostermärsche noch?
deutschlandfunk – 30.03.2024
Bei den Ostermärschen gehen wieder tausende Menschen in Deutschland für Frieden auf die Straße, Themen sind die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Politiker warnen vor einseitigen Botschaften, aus Sicht von Wissenschaftlern muss sich die Friedensbewegung grundsätzlichen Fragen stellen.
Erster Ostermarsch vor mehr als 60 Jahren
Die Ostermärsche der deutschen Friedensbewegung haben eine mehr als 60-jährige Geschichte. Inspiriert wurden die ersten Aktionen von britischen Friedensaktivisten, die an Ostern 1958 einen dreitägigen Protestmarsch zum Atomwaffen-Forschungszentrum Aldermaston organisierten.
Der erste Ostermarsch in Deutschland fand 1960 vor einem Truppenübungsplatz im niedersächsischen Bergen-Hohne bei Celle statt. Ihren Höhepunkt erreichte die Friedensbewegung in den 1980er Jahren, als Hunderttausende Menschen gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenwaffen (in D, Ed) protestierten. Danach wurden die Ostermärsche kleiner, erlebten aber während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und am Persischen Golf zwischenzeitlich stärkeren Zulauf.
2024: Ukraine und Gaza im Fokus
Die Initiatoren der diesjährigen Ostermärsche fordern ein Ende der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Dazu brauche es Verhandlungen und Entspannungspolitik statt Kriegsrhetorik.
Auf der Seite des Netzwerks Friedenskooperative heißt es weiter: „Neben diesen beiden herausgestellten Kriegen wollen wir gleichzeitig aber die vielen weiteren Konflikte und Kriege auf der ganzen Welt nicht vergessen. Auch die traditionellen Forderungen der Friedensbewegung nach Abrüstung und der Abschaffung der Atomwaffen werden Thema sein.“ In einer Pressemitteilung betont das Netzwerk, der Ostermarsch-Aufruf sei von „mehr als 2.000 Einzelpersonen und 71 Organisationen“ unterzeichnet worden. Das sei ein ermutigendes Zeichen.
Geplant sind zahlreiche Kundgebungen. Unter dem Motto „Kriegstüchtig – nie wieder“ werden etwa in Berlin am Karsamstag etwa 6.000 Teilnehmer erwartet. Ostermärsche sind außerdem in München, Leipzig, Stuttgart, Köln und Bremen geplant. Auch am Ostersonntag und Ostermontag gibt es in zahlreichen Städten Aktionen – unter anderem in Hamburg, Frankfurt am Main und Frankfurt (Oder).
Forderungen nicht mehrheitsfähig?
Der Bielefelder Friedens- und Konfliktforscher Andreas Zick rechnet nicht damit, dass die Initiatoren der Ostermärschen viele Menschen mobilisieren. Ihre Forderungen seien in Deutschland nicht mehrheitsfähig, sagte er im ARD-Fernsehen. „Das Konzept von Frieden hat sich verändert und damit auch die Akzeptanz für begrenzte Waffengewalt.“ So teile eine große Mehrheit der Bevölkerung die Meinung, dass die Ukraine auch die Demokratie verteidige und weiter mit Waffen unterstützt werden müsse.
Zudem sei die Friedensbewegung – anders als früher – sehr heterogen, betonte Zick. Auf Protestmärschen demonstrierten inzwischen auch Rechtsextreme mit dem Symbol der Friedenstaube.
Immer weniger junge Menschen auf Ostermärschen
Am 01.April in Dortmund nahmen sichtlich viele junge Menschen teil (Ed.)
Der Friedensforscher Tobias Debiel von der Universität Duisburg-Essen kritisierte, dass die Friedensbewegung den Anschluss an die jüngere Generation verloren habe. Diese könne mit den gängigen Schwarz-Weiß-Schemata der älteren Friedensaktivisten nichts mehr anfangen, sagte Debiel dem Evangelischen Pressedienst. Um jüngere Menschen zu erreichen, müsse deshalb „das Klima- und Umweltthema stärker mit Friedensfragen verbunden werden“.
Debiel kritisierte in diesem Zusammenhang zudem, dass es einigen Friedensaktivisten schwer falle, beim russischen Angriffskrieg in der Ukraine „Ross und Reiter“ zu nennen.
Politiker warnen vor Naivität
Politikerinnen und Politiker warnten ebenfalls vor einer einseitigen Parteinahme in den globalen Kriegen und Konflikten. Bundeskanzler Scholz sagte in einer Videobotschaft, alle sehnten sich nach einer friedlicheren Welt. Frieden ohne Freiheit aber heiße Unterdrückung – und Frieden ohne Gerechtigkeit gebe es nicht.
Der CDU-Vorsitzende Merz erklärte, für Frieden zu demonstrieren sei alles andere als verwerflich. Friedfertigkeit allein sei jedoch keine ausreichende Antwort. Merz betonte, es wäre sehr zu wünschen, wenn sich die Ostermarschierer in diesem Jahr vor allem an Putin richteten und ihn aufforderten, den Angriffskrieg gegen die Ukraine sofort zu beenden.
Bundesaußenministerin Baerbock warnte die Friedensbewegungen vor einer einseitigen Parteinahme zu den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten. „Menschlichkeit ist unteilbar. Alles andere ist brandgefährlich“, sagte sie den Funke-Medien.
Linke: Zeichen für Frieden und gegen Krieg
Der Co-Vorsitzende der Linken, Schirdewan, kritisierte hingegen die „Kriegsrhetorik“ der Bundesregierung. Er hoffe, dass möglichst viele Menschen auf die Straße gehen und ein kraftvolles Zeichen für Frieden und gegen Krieg setzen, sagte Schirdewan der Rheinischen Post. Man brauche eine Politik in Deutschland und Europa, die dafür sorge, dass in der Ukraine wieder Frieden herrsche und „nicht das Recht des Stärkeren.“
Der frühere Linken-Bundestagsabgeordnete van Aken sagte im Deutschlandfunk, die Geschichte habe gezeigt, dass es für fast jeden Krieg eine zivile Lösung gebe. Die müsse man nun suchen. Dafür müsse man „den Panzer aus dem Kopf rauskriegen“, meinte van Aken, der als Referent für internationale Konflikte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitet.
© 2024 dlf.de

Von Dorstfeld nach Dortmund: letzte Etappe des Ostermarsches Rhein-Ruhr

Foto (c) RN 01.04.2024

FÜR DEN FRIEDEN
Waffenstillstand jetzt! Für Frieden in Israel und Palästina !
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!
Für Abrüstung

Sofortiger Waffenstillstand und Stopp der Waffenlieferungen – endlich mal wieder was, worauf sich alle Marschierer*innen einigen können. So sah es jedenfalls aus…. DKP moderierte, MLPD durfte Fahnen schwenken, die Europa-Abgeordnete Özlem Demirel aus der Linken hielt eine flammende Rede.(Ed)

08.03.2024 Internationaler Frauenkampftag

Bildergalerie in der taz zum Internationalen Frauenkampftag

Montgomery, Alabama 1956:Ein Jahr zuvor hatte sich ROSA PARKS geweigert; ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen freizugeben

New York, CSD 1970: 1. Jahrestag des Stonewall-Aufstands

Baton Rouge, Louisiana, 2016: Ieshia Evans bei den Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt Foto (c) JONATHAN BACHMAN

Mexico-City 2019: Am Internationalen Kampftag gegen Gewalt an Frauen Foto (c) Carlos Tischler

Foto (c) Tolga Ildun: Istanbul 2022: Iranische Bürger:innen, die in der Türkei leben, protestieren nach dem Tod von Mahsa Jina Amini gegen das iranische Regime

© 2024 taz.de

Internationaler Frauentag: Ikonen der Frauenbewegung

Suffragetten 1911 in London demonstrieren für ein allgemeines Frauenwahlrecht

So radikal wie ihre « Schwestern » in England, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, waren die deutschen Frauenrechtlerinnen nicht. Doch auch sie kämpften tapfer um ihre Rechte.

Foto (c) akg-images: Berlinerinnen demonstrieren 1912 für das Frauenwahlrecht

Ende des 18. Jahrhunderts begannen Frauen in Europa, mehr Rechte für sich einzufordern. Schon damals beteiligten sie sich an revolutionären Aktionen, vor allem in Frankreich, das nach der Revolution von 1789 den Boden für Menschenrechte, Mitbestimmung und Gleichberechtigung bereitete. In Deutschland sollte es noch ein gutes halbes Jahrhundert dauern, bis eine große Zahl von Frauen wirklich politisch wurde und sich äußerte.

Die Wegbereiterin

Vom Frauenwahlrecht zu #MeToo:
Die lange Gechichte der Frauenbewegung,
in 18 Bildern auf dw.com

1843 trat eine junge Frau namens Louise Otto-Peters an die Öffentlichkeit, die lautstark die Meinung vertrat. Ihr Credo: Die Teilnahme von Frauen an den Interessen des Staates sei « kein Recht, sondern eine Pflicht ». Die damals erst 24-Jährige war schon als Teenager auf sich allein gestellt, wurde sie doch bereits mit 16 Jahren Vollwaise. Allerdings verfügte sie nach dem Tod ihrer Eltern über ein großes Vermögen. Sie erfüllte sich ihren Berufswunsch und wurde Schriftstellerin, verfasste Gedichte, Essays, sozialkritische Romane und journalistische Artikel. Letztere veröffentlichte sie unter dem männlichen Pseudonym Otto Stern. Die Regierung wurde auf sie aufmerksam und versuchte, sie mundtot zu machen. Doch Louise ließ sich nicht einschüchtern und gründete 1865 den « Leipziger Frauenbildungsverein ».

Im gleichen Jahr fand in Leipzig eine große Frauenkonferenz statt. Die Zeitungen schrieben damals verächtlich von der « Leipziger Frauenschlacht » – das war den 120 Teilnehmerinnen ziemlich gleichgültig. Sie gründeten den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), dessen Vorsitz Louise Otto-Peters fast 30 Jahre lang inne hatte. Eine Initialzündung, die die Gründung zahlreicher Frauenvereine in ganz Deutschland nach sich zog.

Schulbildung für Mädchen

Erstes und wichtigstes Ziel: Bildung für Frauen und Mädchen. Während eine ordentliche Schulbildung für Jungen ganz normal war, mussten Mädchen aus Arbeiterschichten früh Geld verdienen; bürgerliche Töchter bereitete man auf das Eheleben vor. Mädchen, die lesen und schreiben konnten, konnten sich glücklich schätzen.Die Lehrerin Helene Lange nahm sich des Problems an und verfasste eine Petition an den preußischen Schulminister. Die Forderungen: verbesserte Mädchenbildung, mehr Einfluss von Lehrerinnen auf die Erziehung der Schülerinnen, eine bessere Ausbildung für Lehrerinnen. Doch die Frauenrechtlerinnen brauchten einen langen Atem. Schließlich gelang ihnen in den Jahren 1899 und 1900 die Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten. Und 1908 wurde das Mädchenschulsystem zur Staatssache erklärt.

Das politische Bewusstsein wird stärker

Die junge Clara Eißner besuchte ein Lehrerinnenseminar in Leipzig, lernte dort den Allgemeinen Deutschen Frauenverein kennen und begann, sich zu engagieren. Was damals als skandalös galt: Sie lebte mit dem Russen Ossip Zetkin zusammen, ohne dass die beiden verheiratet waren, nahm seinen Namen an und bekam von ihm zwei Söhne. Als Erzieherin trat sie in die Sozialistische Arbeiterpartei, die spätere SPD, ein und begann, für die vollständige berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen. Sie gründete die Frauenzeitschrift « Die Gleichheit ». Clara Eißner alis Zetkin ist Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung – im Gegenteil zur bürgerlichen Frauenbewegung ging es hier vor allem um die Rechte der Arbeiterinnen.

Schwarz-Weiß Foto einer Frau mit Hut
Clara Zetkin – Sie hat den Internationalen Frauentag ins Leben gerufenBild: dpa/picture alliance

Sie initiierte 1910 mit dem Internationalen Frauentag einen Kampftag für Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Sozialismus. Der wurde 1911 erstmals begangen. Unter dem Motto: « Heraus mit dem Frauenwahlrecht! »

Das Recht, die Politik mitzubestimmen

Mitstreiterinnen für das Frauenwahlrecht in Deutschland waren auch Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Sie hatten 1902 den deutschen « Verein für Frauenstimmrecht » gegründet.Augspurg und Heymann waren weniger friedfertig als ihre deutschen « Schwestern » – sie wollten ihre Rechte mit den gleichen brutalen Mitteln einfordern wie die Suffragetten in England, die ihren Forderungen mit Hungerstreiks, Vandalismus und Großdemonstrationen Nachdruck verliehen.

Augspurg studierte Jura in der Schweiz – so etwas war Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland undenkbar. Sie promovierte und hatte nun die nötigen juristischen Kenntnisse, um im Deutschen Reichstag für Reformen zu kämpfen.

Der Kampf trägt Früchte

Es gab Kooperationen mit Vereinen aus anderen europäischen Ländern, die Suffragettenbewegung in England war inzwischen so stark geworden, dass niemand mehr daran vorbei kam. Während Frauen in den Niederlanden und in Skandinavien zum Teil schon seit Jahren wählen durften, kämpften die Frauen in Deutschland, Österreich, Polen und in England bis 1918 um ihr Wahlrecht, in anderen Ländern noch länger.

Am 30. November 1918, knapp drei Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, verkündete die neue deutsche « Reichsregierung »: « Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen. » Umgesetzt wurde das neue Recht kurze Zeit später: im Januar 1919.

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Wochenendrebellen – über die Liebe, Fußball, Autismus

Rezension – Wir Wochenendrebellen
Das FCSBlog 2.0 – 23.10.2017
Mit dem Papa ins Fußballstadion. Das ist der klassische Beginn vieler Fankarrieren. In „Wir Wochenendrebellen“ geht Vater Mirco mit seinem 2005 geborenen Sohn Jason ins Stadion. Jason ist Asperger-Autist und davon überzeugt, dass er erst einmal alle Vereine gesehen haben muss, um sich einen auszusuchen. Logisch, oder? ….Weiterlesen

Das Buch ist 2017 erschienen – jetzt kam gerade der Film in die Kinos.

Wir Wochenendrebellen – Ein Buch über die Liebe, Fußball, Autismus

wochenendrebell.de – 2023
Von Jason

Das erste Buch von Jason und Mirco von Juterczenka.

Unser erstes Buch ist ein Fußballbuch welches wiederum auch gar kein richtiges Fußballbuch ist. Es ist kompliziert.  „Wir Wochenendrebellen“ ist im August 2017 im Benevento-Verlag erschienen und seit August 2019 im Goldmann-Verlag als Taschenbuch erhältlich. Der Drehbuchautor Richard Kropf hat sich die Filmrechte gesichert und das Buch stand auf der Shortlist für das Fußballbuch des Jahres 2018. Die von Marc Rothemund inszenierte Verfilmung mit Florian David Fitz, Cecilio Andresen und Aylin Tezel in den Hauptrollen wird 2023 in die deutschen Kinos kommen.

Das Buch erzählt von unseren Stadion-Abenteuern in Dortmund, Aue und in Kiel, sowie von unseren Erlebnissen beim VfR Aalen, dem FC St.Pauli und auf Schalke. Zudem gibt es ein Kapitel zum Auftritt von Papsis Lieblingsverein, der Fortuna aus Düsseldorf, die zu Gast waren bei der TSG 1899 Hoffenheim.

Die Fußballkapitel wechseln sich ab mit Abschnitten und Passagen über den Umgang meiner Eltern mit meinem Autismus, der Rolle meiner Mami und meiner Schwester innerhalb des Wochenendrebellen-Imperiums und dem Highlight des Buches, meiner ausführlichen Einleitung wie es zu der keinesfalls verrückten, sondern sehr logischen Idee kam, sich erst einmal alle Fußballvereine anschauen zu wollen, bevor ich mich für einen Lieblingsverein entscheide.

Das Buch kann behilflich sein um die Diversität innerhalb des Autismus-Spektrums besser zu verstehen und beschreibt auch meinen Lernprozess zu meinem heute sehr selbstbewusstem Umgang mit meiner Behinderung. Noch besser eignet es sich aber für Eltern, Angehörige und Menschen, die sich beruflich bedingt mit Autismus und Autisten beschäftigen.

Ich bin ein gutes Beispiel was möglich ist, wenn Beziehungen von bedingungsloser Akzeptanz geprägt sind und das Beste an dieser Erkenntnis ist, dass sie nicht für Autisten gilt, sondern in Beziehungen jeglicher Art ein Grundpfeiler des Fundaments für ihre effiziente Funktion ist. Klingt unromantisch, ist aber so. Alle Menschen sind gleich. Sie werden aber nicht im gleichen Umfeld geboren und verfügen nüchtern über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt nicht im geringsten über das Potential an Chancen und Möglichkeiten. Ich bin aufgewachsen mit der selbstverständlichen Verfügbarkeit von Wasser. Es für mich völlig unbegreiflich, wie wir mit dieser Situation so leben können, wie wir es tun. Deswegen unterstützten wir mit der Lesereise zu „Wir Wochenendrebellen“ die Neven Subotic Stiftung, die sich um die nachhaltige Wasserversorgung in Nord-Äthiopien kümmern. Du findest auf dieser Seite Rezensionen zum Buch, Bestellmöglichkeiten und Rückmeldungen von Blogs und Medien, sowie Videos von Auftritten, wo wir über das Buch sprechen durften. Viel Spaß, euer Jason.
(Hervorhebung von der Blogautorin)
© 2023 wochenendrebell.de


“Wochenendrebellen” im Kino: Ein Autist kann ein Vorbild sein!
“Wochenendrebellen” ist ein deutscher Kinofilm über Fußball, Familie und Autismus. Mit den echten Wochenendrebellen haben wir über den tollen Film gesprochen.
gq-magazin.de – 28.09.2023
Von Anna Rinderspacher
Jason von Juterczenka ist genau richtig, so wie er ist: Klimaschützer, Astronom, Fußballfan und Autist. Seit seinem achten Lebensjahr ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsverein und reist dafür mit seinem Vater Mirco durch die Stadien Europas. Eine bemerkenswerte Geschichte, die nun verfilmt wurde.
Dass ihr Kind anders ist, als seine Altersgenossen, stellen Mirco (Florian David Fitz) und Fatime (Aylin Tezel) schon früh fest, weil Jason (Cecilio Andresen) beim Spielen unentwegt hin und her wippt – Stimming nennt man diese Aktivität, die dem Nervensystem hilft, sich im Fall einer Reizüberflutung zu regulieren und bei Autist:innen häufig zu beobachten ist. Wie niederschmetternd diese Diagnose für das Elternpaar ist, macht der Film von Marc Rothemund ohne viele Worte deutlich: In Fatimes hilflosen Blicken, in Mircos aufgebrachtem Gestikulieren, in den vielen Momenten der stillen Überforderung, die sie mit Jason von hier an täglich erleben.
Vom Alltagscrasher zum Wochenendrebellen
Mit der Diagnose brechen aber vor allem Ängste über das Paar herein. Können wir unser Kind vor der Welt beschützen? Wird ihn die Gesellschaft je so akzeptieren, wie er ist? Wer kümmert sich um Jason, wenn wir es einmal nicht mehr können? Zudem stellen auch die von Jason aufgestellten Familienregeln die Nordrhein-Westfalen vor große und kleine Herausforderungen: Unter anderem bringt den Jungen Lebensmittelverschwendung aus der Fassung und die einzelnen Bestandteile seines Essens dürfen sich auf dem Teller nicht berühren.
Als sein Sohn eines Tages erklärt, dass er einen Lieblingsfußballverein finden will und gedenkt, zu diesem Zweck jedes Wochenende in ein anderes Fußballstadion der ersten, zweiten und dritten Liga zu reisen, staunt Mirco daher nicht schlecht: Dichtes Gedrängel, lautes Grölen und unfreiwillige Bierduschen – ob das nicht ein bisschen zu weit außerhalb der Komfortzone seines autistischen Kindes ist? Oder ist es vielleicht am Ende außerhalb seiner eigenen?
Schonungslose Einblicke
Was im ersten Moment vielleicht wie eine kitschige Hollywood-Story klingt, ist die bemerkenswerte, tatsächliche Geschichte von Mirco und Jason von Juterczenka, die das Vater-Sohn-Gespann in seinem Buch “Wir Wochenendrebellen” festgehalten hat. Und soviel können wir garantieren: Die Verfilmung beschönigt die Einschränkungen, die ein Leben mit Autismus mit sich bringt nicht. Aufgrund seiner Kauzigkeit hat es der junge Jason schwer, bei seinen Klassenkameraden Anschluss zu finden; eine ältere Frau an der Haltestelle hält ihn für verzogen, weil er darauf besteht, immer auf demselben Sitz auf den Schulbus zu warten. Und als man ihm im Bordbistro der Deutschen Bahn einen Teller serviert, auf dem sich Nudel und Soße berühren und der Kleine daraufhin einen derartigen Tobsuchtsanfall bekommt, dass er und sein “Papsi” aus dem Zug geworfen werden, ist das selbst als unbeteiligter Zuschauer so unangenehm zu sehen, dass man sich der ein oder andere auf seinem Kinosessel winden wird. Für alle diese Dilemmata bietet der Film keine einfachen Lösungen an, weil es diese schlichtweg nicht gibt.

Stattdessen, ist es Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Richard Kropf gelungen, das eigentlich Bewegende und Spannende an Jasons und Mircos Situation einzufangen: Die aktive Bemühung der beiden, die Bedürfnisse des jeweils anderen zu verstehen und zu achten. Anders gesagt: die immense Liebe zwischen dem sehr besonderen Jungen und seinem Vater. Am Ende von “Wochenendrebellen” steht aber auch eine Erkenntnis, die selbst Menschen bewegen wird, die bislang wenig bis gar keine Berührungspunkte mit dem Thema Autismus hatten: Autist:innen haben keine andere Wahl, als sie selbst zu sein, ganz egal wie unbequem das für ihr Umfeld ist. Und gerade weil ihre Besonderheiten auffallen, fordern sie uns heraus, unseren eigenen Blickwinkel auf die Welt und das Leben hin und wieder zu verändern – was könnte bereichernder sein als das?
Mirko und Jason von Juterczenka mit Cecilio Andresen und Florian David Fitz
In einer Szene des Films hat das echte Vater-Sohn-Gespann einen Gastauftritt (hintere Reihe).
Die echten Wochenendrebellen im Interview
Was das echte Vater-Sohn-Gespann über die Verfilmung seiner Geschichte und ein Leben mit Autismus denkt, haben uns Mirco und Jason von Juterczenka im Interview verraten.

GQ.de: Welche Szene in “Wochenendrebellen” hat Sie am meisten berührt, als Sie den fertigen Film das erste Mal gesehen haben?
Mirco von Juterczenka: Als Aylin Tezel, die meine Frau spielt, vor der Schulrektorin sitzt und ihr klar macht, dass ihr Sohn sich niemandem gegenüber bewähren muss. Zum einen, weil der Dialog sich so fast 1:1 zugetragen hat, und zum anderen, weil Aylin die echten Emotionen dieser Situation und das Kämpferische von Fatime über Mimik und Sprache so gut eingefangen hat.
Jason von Juterczenka: Ich kann es sogar auf einen Satz runterbrechen: “Der Jason ist schon richtig, so wie er ist.” Denn genau das ist die Message des Films: Es gibt nichts zu verbessern oder gar zu heilen; Autist:innen haben eine andere Perspektive auf die Welt, aber keine falsche, oder gestörte.
Welche Sorgen hattet ihr im Blick auf die Verfilmung eurer Geschichte?
Mirco von Juterczenka: Wie Autismus im Film dargestellt wird. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der autistischen Gemeinschaft. Denn falls der Film ein Erfolg wird, könnte es sein, dass er den Blickwinkel der Gesellschaft auf Autismus prägt.
Jason von Juterczenka: Im Blick auf meine Figur hatte ich Bedenken, dass Verhaltensweisen, die mit Autismus assoziiert werden ins Lächerliche gezogen werden könnten. Oder Klischees reproduziert werden.
Was hat Ihre Angst gelindert?
Jason von Juterczenka: Ich habe den Drehbuchautor Richard Kropf und den Regisseur Marc Rothemund schon vor Drehbeginn kennengerlernt, daher wusste ich, wem wir unsere Geschichte überlassen. Wir standen während der Entwicklung in direktem Kontakt und ich hatte ein großes Mitspracherecht, was die Inszenierung und das Wording betrifft. Tatsächlich konnte ich mir vorher nicht vorstellen, dass irgendjemand mich spielen kann. Als ich aber dann das Casting-Video von Cecilio Andersen, der mich spielt, gesehen habe – die Nudelszene im Bordbistro – war ich überzeugt. Es war so realitätsgetreu, dass ich beim Zuschauen wieder sauer auf Papsi geworden bin, weil ich mich so in die Situation zurückversetzen konnte, dabei war sie zu dem Zeitpunkt über zehn Jahre her.
Mirco von Juterczenka: Diese Szene tut unglaublich weh und wird glaube ich auch beim Publikum im Kino Beklemmung auslösen, weil sie wirklich grandios umgesetzt ist.

Szene aus WochenendrebellenJasons Ausraster im Bordbistro wirft einen beklemmenden Blick darauf, wie frustrierend Autismus für alle Betroffenen sein kann.

Haben Sie irgendwann aufgehört, Ihrem Umfeld das Verhalten Ihres Sohnes zu erklären?
Mirco von Juterczenka: Ja, sehr schnell sogar. Es gibt immer noch Momente, in denen mir Jasons Verhalten unangenehm ist, wobei ihm mittlerweile glaube ich auch mein Verhalten manchmal unangenehm ist. Erklärungen bringen einen in diesen Momenten aber nicht weiter, das ist verlorene Liebesmühe, zumal man Autismus nicht mal so eben in zwei Minuten erklären kann; dazu ist das Thema zu vielfältig.
Der Film begleitet Sie auf der Suche nach Jasons Lieblingsfußballverein, der jedoch besondere Kriterien erfüllen muss. Schnelle Fragerunde: In welchem deutschen Stadion gibt es die besten Fans?
Mirco von Juterczenka: FC St. Pauli.
In welchem wird besonders nachhaltig vorgegangen?
Jason von Juterczenka: Von den Bundesliga-Vereinen bei Mainz 05. Die Trinkbecher sind aus Maisstärke und sie verwenden erneuerbare Energie.
Und wo gibt es das coolste Maskottchen?
Mirco von Juterczenka: Jason mag den Geißbock vom 1. FC Köln; das geht natürlich für mich als Fortuna Düsseldorf-Fan nicht. Deswegen würde ich sagen, der Adler von Frankfurt.

Abgesehen von Fußball interessieren Sie, Jason, sich sehr für Klimaschutz. Welche Hoffnung haben Sie diesbezüglich aufgegeben?
Jason von Juterczenka: Die Hoffnung auf die Menschen. Wir werden die Erderwärmung nicht auf 2 Grad reduzieren können, auch wenn es physikalisch gesehen möglich wäre. Aber Optimismus ist finde ich auch gar nicht so wichtig, sondern, dass wir Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel die Wasserversorgung in Äthiopien auszubauen. Das wird Menschenleben retten. Auch wenn klar ist, dass sehr viele Menschen aufgrund der Klimaveränderungen sterben werden; das muss man auch so aussprechen.
Wie sieht eine bessere Welt denn aus?
Jason von Juterczenka: Eine bessere Welt muss in erster Linie gleicher und gerechter sein. Im Großen und Ganzen sind wir uns glaube ich alle sogar einig, wie das aussehen müsste: Kein Hunger, keine Armut, Trinkwasserversorgung für alle, Restauration von Ökosystemen, globale Partnerschaften und Frieden. Die Nachhaltigkeitsziele der UN bilden das eigentlich sehr gut ab.
Mirco von Juterczenka: In der Theorie sind ja auch fast alle Menschen diesbezüglich solidarisch; nur wenn es dann darum geht, sich tatsächlich persönlich einzuschränken, wird es schwierig.
Was möchten Sie anderen Autist:innen und ihren Familien mitgeben?
Mirco von Juterczenka: Eltern von Kindern auf dem Spektrum würde ich raten, mehr Zeit in das Stärken von Stärken zu investieren und Räume zu schaffen, die Entfaltung möglich machen.
Jason von Juterczenka: Und ich möchte Autist:innen sagen, dass sie sich nicht auf ihre Defizite reduzieren lassen sollen. Ihr seid nicht gestört und auch keine Last. Autismus ist eine andere Verschaltung des Gehirns, die mit vielen Behinderungen einhergeht. Aber er geht auch mit viel Behilflichkeit einher. Wenn man Autist:innen den Raum gibt, sich zu entfalten, können diese der Welt eine Menge geben. Wir brauchen Autisten.
© 2023 gq-magazin.de

Florian David Fitz über seinen Film “Wochenendrebellen”, Autismus, und warum er ein Herz für Außenseiter hat
Vor allem eine Erkenntnis hat Florian David Fitz vom Dreh mitgenommen: « Man kann Autismus nicht wegerziehen. »
gq-magazin – 5. Oktober 2023
Von Anna Rinderspacher
GQ.de: Herr Fitz, Sie sind selbst kein Fußballfan. Was hat Sie an diesem Crashkurs Fankultur überrascht?
Florian David Fitz:
Am meisten hat mich überrascht, wie schön ich es im Stadion fand. Diese Reise hat mir gezeigt, was ich als Fußballmuffel verpasse, nämlich dieses Gemeinschaftserlebnis, das etwas ganz Liebevolles und Essenzielles für den Menschen ist. Für einen Verein sein Leben lang zu brennen, kann einem viel Halt im Leben geben.
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© 2023 gq-magazin.de

« Ich finde, wir zeigen ganz gut, dass Autismus keine Störung ist »
Die Wochenendrebellen kommen ins Kino.
ZEIT – 28.09.2023
Interview: Fabian Scheler

ZEIT ONLINE: Eure Geschichte läuft ab heute in den Kinos. Seid ihr zufrieden mit dem Film?

Jason: Ich weiß nicht, ob ein Film in die Kinos hätte kommen können, mit dem ich nicht zufrieden gewesen wäre. Die Stellen, die ich nicht gut fand, wurden fast alle abgeändert oder sind rausgeflogen.

Mirco: Es gab in der Entstehung und Produktion Höhen und Tiefen. Aber das Ergebnis ist besser, als ich es mir je hätte denken können.

(…)
ZEIT ONLINE: … euer zweites Buch erscheint demnächst und jetzt sehen euch sehr viele Menschen auf der Kinoleinwand. War das für euch nie ein Problem, dass euer Leben so öffentlich stattfindet?

Mirco: Ich sehe das entspannt, weil alles, was mit meinem Job zu tun hat, sehr getrennt davon stattfindet. Die Entscheidung wurde uns auch in dem Moment abgenommen, als wir für den Grimme Online Award nominiert gewesen waren. Ich hatte vorher zu Jason gesagt: Wir gehen dahin und danach ist wieder Ruhe. Er war sich aber sicher, dass wir gewinnen. So kam es und unsere Klarnamen waren in der Welt. Dahinter zurück können wir nicht mehr. Deshalb geht es heute eher darum, zu gucken, ob ich damals Dinge geschrieben habe, bei denen Jason denkt: Was hast du da eigentlich für einen Mist gebaut?

Jason: Natürlich hast du Unsinn geschrieben. Zum Beispiel, dass ich in meiner kurzen Zeit als aktiver Fußballer schlecht gespielt hätte.

Mirco: Du warst schlecht.

Jason: Ich war nicht gut, aber ich war besser als alle anderen auf dem Platz.

Mirco: Du warst der schlechteste.

Jason: Nein, ich war der Beste. Es war ein einziges Durcheinander. Alle liefen wild herum, es gab keine Taktik. Und ich war einfach nicht schnell, also was sollte ich machen, außer den anderen zu sagen, was sie zu tun haben? Das habe ich getan, ich war schließlich auch Kapitän. Aber in diesem Umfeld von inkompetenten Mitspielern war ich einfach unfähig, meine Fähigkeiten zu entfalten. Papsi hat also Unsinn geschrieben, aber keinen schädlichen Unsinn. Nur eben seine beschränkte Meinung.

ZEIT ONLINE: Eine Szene, die auch im Film vorkommt. Wann hast du eigentlich erfahren, dass du auf dem Autismus-Spektrum bist?

Jason: Bis 2011 hatten wir meine Regeln und Routinen als « besondere Logik » zusammengefasst. Auf einem Festival hat Papsi mir dann zwei Bücher in die Hand gedrückt: « Colines Welt hat tausend Rätsel » und « Schattenspringer ». In beiden Büchern geht es um autistische Mädchen. Endlich normale Leute! Papsi hat mich einfach über die Bücher reden lassen und ich bin mehr oder weniger selbst draufgekommen, dass auch ich Autist bin. Sehr früh, ich war gerade sechs Jahre alt, aber das war auch gut so.

ZEIT ONLINE: Als deine Eltern die Diagnose im Film mitgeteilt bekommen, wirken sie sehr betroffen.

Mirco: Ich bin sehr froh, dass die Szene gleich am Anfang kommt und schnell vorbei ist. Es braucht sie für den Film, und im Vergleich mit anderen Diagnoseszenen, die mal angedacht waren, ist sie gut, so wie sie ist. Aber sie ist ein Mix aus mehreren Situationen, die wir selbst auf der Suche nach der Diagnose erlebt haben. Da ging es für uns als Eltern sehr barsch und ruppig zu. Das hätte man auch zeigen können.

ZEIT ONLINE: Fatime, deine Frau, sieht man im Film fast nur zu Hause, sie übernimmt am Anfang die meisten Aufgaben. Ist ihr Einsatz damit hinreichend gewürdigt?

Mirco: Ich war nach unserem ersten Buch schon nicht glücklich, dass sie nur ein Kapitel bekommen hat. Deshalb war es mir enorm wichtig, dass meine Frau als die starke Person gezeigt wird, die sie ist. Aylin Tezel, die Fatime spielt, wollte länger mit ihr telefonieren, um ihre Rolle besser zu verstehen. Also hat Fatime erzählt. Wie sie jeden Tag mit Jason aus dem Haus ist, um die 300 Meter zur Bushaltestelle zu laufen. Eine dreiviertel Stunde, bevor der Schulbus kam. Nur, damit er der Erste dort ist, weil er sonst tobt. Oder wie sie zum einhundertsechsundzwanzigsten Mal die DVD von der Zugfahrt zwischen Gütersloh und Hamm, aufgenommen aus dem Zugführerstand, mit ihm geguckt hat. Es war seine Lieblings-DVD und alleine wollte er sie eben nicht gucken.

Jason: Es ist aber auch eine schöne Strecke.

(…)

ZEIT ONLINE: Ist es ein Aufklärungsfilm über Autismus geworden?

Jason: Die Kriterien dafür erfüllt er nicht ganz. Nur in der ersten Szene wird medizinisch über Autismus gesprochen, danach geht es um unsere Geschichte. Und die hat vielleicht automatisch eine gewisse aufklärende Funktion. Ich mag es zum Beispiel, dass es dem Film gelingt, bei den Problemen zu Hause keinen rein defizitären Blick auf Autismus zu haben. Sondern dass er auch meine Stärken zeigt und mich als Persönlichkeit darstellt, ohne die mich behindernden Aspekte zu vergessen.

ZEIT ONLINE: Also ist nicht Autismus das Problem, sondern der Umgang der Menschen damit.

Jason: Autismus ist nicht heilbar, heißt es immer. Stimmt, das ist es auf keinen Fall. Aber unsere Geschichte stellt ja die Frage, die wir zu selten stellen: Wieso sollte man Autismus eigentlich heilen? Ich finde, wir zeigen ganz gut und ohne es explizit zu sagen, dass man das nicht muss und Autismus keine Störung ist.

(…)

ZEIT ONLINE: Im Film sagt deine Mutter am Bahngleis: « Habt ihr alles? », woraufhin du sagst: « Natürlich nicht, man kann nie alles haben. » Antwortest du da mittlerweile anders?

Jason: Wenn ich eine Frage zum ersten Mal höre, dann beantworte ich sie logisch. Also nein, wir haben nicht alles. Wenn ich die Frage schon mal gestellt bekommen habe, dann weiß ich, wie sie gemeint ist, auch wenn sie unsinnig ist. Dann erledige ich die Aufgabe, die eigentlich mein Gesprächspartner übernehmen sollte, nämlich die Frage anständig zu stellen: Habt ihr alles, was ihr benötigt? Oder wenn jemand eben einen Clown gefrühstückt hat oder seinen Verein in die Wiege gelegt bekommen hat. Ich weiß mittlerweile, was damit gemeint ist und dann lerne ich das auswendig. Bei bestimmten Floskeln weigere ich mich aber weiterhin, sie praktisch zu entkernen. « Wie geht es dir? » beantworte ich immer noch exakt so, wie die Frage zu beantworten ist.

ZEIT ONLINE: Man sieht euch im Film immer wieder streiten. Etwa, wenn sich im Zug Nudeln mit Soße vermischen, obwohl es anders bestellt war, weil es gegen deine Regeln verstößt. Haben sich eure Streits durch das gemeinsame Reisen verändert?

Jason: Selbst die heftigsten Ausraster wurden für den Film abgemildert. Wahrscheinlich, weil man mit mir irgendwie noch sympathisieren muss. Und weil der Film FSK 16 sein soll. Und unsere Streits werden relativ asymmetrisch dargestellt. Es ist nicht so, dass einer den anderen komplett demütigt und der andere lässt es über sich ergehen. So läuft das nie ab. Häufig ist es eine beidseitige Sache, über Minuten und Stunden. Die Frequenz hat sich jedenfalls nicht geändert. Und noch immer ist es manchmal komplett enthemmt. Das einzige, worauf ich achte, ist, dass ich keine diskriminierenden Schimpfwörter verwende. Ansonsten ist alles dabei. Bei Papsi aber auch. Zum Glück findet das oft im Ausland statt. Mittlerweile nehmen wir uns manches weniger zu Herzen, weil wir beide gelernt haben zu verstehen, wann der andere einen schlechten Tag hat.

"Nur in der ersten Szene wird medizinisch über Autismus gesprochen, danach geht es um unsere Geschichte. Und die hat vielleicht automatisch eine gewisse aufklärende Funktion."
 © Jakob Weber/​ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Das setzt Empathie voraus. Fällt dir empathisch sein mittlerweile leichter?

Jason: Ich lerne dazu, aber das Wissen darüber, was bestimmte Gesichtsausdrücke bedeuten und was bestimmte Aussagen meinen, das scheint vielen angeboren zu sein. Mir nicht. Ich werde in meinem ganzen Leben nie anhand des Gesichtsausdrucks deuten können, wenn jemand mir etwas sagen will, was ich vorher noch nie gehört habe. Ich verstehe nicht, wie das funktionieren soll. Alle können das anscheinend, aber für mich hat das fast schon etwas Mystisches.

ZEIT ONLINE: Du hast gesagt, du erzählst deine Geschichte gerne, weil du stolz auf sie bist. Was ist Stolz für dich?

Jason: Ich stehe dem kritisch gegenüber. Wenn man die ganze Welt betrachtet, gibt es wahrscheinlich eher zu viel Stolz und zu wenig Demut. Bei mir überwiegt immer der Blickwinkel auf das, was noch getan werden muss und die Relation zwischen dem, was ich geschafft habe und was ich eigentlich schaffen müsste. Damit werde ich aber mein ganzes Leben lang nicht zufrieden sein. Also versuche ich das große Ganze im Blick zu behalten, erinnere mich aber nebenbei ab und zu mal daran, dass es nicht nichts ist, wenn 1.000 Menschen durch uns Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten haben. Das ist schon richtig, um nicht komplett zu verzweifeln, aber es ist nicht meine primäre Denkweise. Es geht immer um das, was noch geschafft werden muss. Deshalb ist Stolz ein recht seltenes Gefühl, aber dass es in bestimmten Situationen etwas Positives sein kann, das habe ich mittlerweile gelernt.

ZEIT ONLINE: Dass du deinen Verein vielleicht nie finden wirst, macht dich das nicht manchmal rasend?

Jason: Das ist tatsächlich unüblich. Wenn es eine Aufgabe gibt, wäre ich eigentlich ziemlich nervös, wenn ich sie nach zwölf Jahren noch nicht erfüllt habe. Es ist eine Ausnahme, weil ich sehr gut damit leben könnte, wenn wir den Verein nie finden. Dann suchen wir eben immer weiter. Und immer weiter zu suchen, das macht mich auch glücklich.

ZEIT ONLINE: Neben dem Versprechen, solange zu suchen, bis du deinen Lieblingsverein gefunden hast. Was hat dein Vater denn noch versprochen?

Jason: Da ist zunächst das schöne Anschlussversprechen, dass, wenn wir meinen Verein gefunden haben, eine Saison lang alle Heim- und Auswärtsspiele des Clubs und das Trainingslager besuchen müssen.

Mirco: Da hatte ich relativ explizit meinen Lieblingsverein, Fortuna Düsseldorf, im Sinn und dachte, Jason hat Angst davor, dass die Suche und damit unsere Reise endet.

Jason: Diese Versprechen …

Mirco: Ja?

Jason: Unter meinen Bedingungen war mir schnell klar, dass das Versprechen « Wir gucken uns alle Vereine an, bis du einen Lieblingsverein gefunden hast » zu einer Lebensaufgabe werden würde. Ich war überrascht, wie einfach ich das von dir bekommen habe. Heute bist du zwar schlauer, aber es fehlt noch die Fahrt mit dem Shinkansen-Zug in Japan. Anreisen dürfen wir wegen der Klimavereinbarungen nur per Zug. Und einmal warst du auch noch richtig voreilig und unvorsichtig.

Mirco: Nein, nicht unvorsichtig.

Jason: Definitiv warst du das. Du hast versprochen, dass wir die Welt verbessern.

Mirco: Es war der einzige Ausweg, weil es dir richtig beschissen ging.

Jason: Man gibt keine Versprechen, um irgendetwas kurzfristig zu beruhigen.
Mirco: Das war 2014. 2014 bin ich davon ausgegangen, dass …
Jason: Siehst du: unvorsichtig.
Mirco: Ja, okay.
Jason: Du hattest nicht die ausreichende Kenntnis der Fakten. Die Weltverbesserung war fast noch fahrlässiger als das Versprechen mit dem Lieblingsverein.
Mirco: Findest du?Jason: Auf die Suche nach dem Lieblingsverein hast du noch Einfluss. Auf eine bessere Welt muss man sich erst mal Einfluss verschaffen.
© 2023 zeit.de

DIE WUT IST BERECHTIGT

und wie sie berechtigt ist…
ebenso wie meiner Meinung nach die Einschätzung von Aya Cissoko, hier im Interview mit Jonathan Fischer.

MEHR von diesem Freelancer-Journalisten im Mali-Blog.
Er spricht mir oft aus der Seele, besonders wenn er aus Mali schreibt – er hält sich öfter in Bamako auf.

Avatar de jonathanfischer

Die Schriftstellerin Aya Cissoko über strukturellen Rassismus, verweigerte Würde und die Ursachen der aktuellen Ausschreitungen in ihrem Heimatland Frankreich

Aya Cissoko wurde1978 in Frankreich als Tochter malischer Arbeitsmigranten geboren. Sie studierte Politikwissenschaft und wurde 2006 Amateur-Boxweltmeisterin. Als Autorin befasst sie sich seit langem mit dem Spannungsfeld, in dem die Kinder von Migrantenfamilien in Frankreich aufwachsen. Ihr erstes 2011 veröffenlichtes Buch „Danbé“ wurde unter dem Titel „Wohin ich gehe“ verfilmt. 2017 erschien ihr zweites Buch „Ma“. Ebenfalls im Wunderhorn-Verlag veröffentlichte sie 2023 ihre Familiengeschichte „Kein Kind von Nichts und Niemand“. Cissoko lebt und arbeitet in Paris.

Seit letzte Woche bei einer Verkehrskontrolle im Pariser Vorort Nanterre ein Polizist den 17-jährigen Nahel Merzouk erschoss, wird Frankreich von gewalttätigen Unruhen erschüttert. Autos brennen, Geschäfte werden zertrümmert, die Polizei liefert sich Straßenschlachten mit Jugendlichen. Sind Sie überrascht von diesem Ausbruch der Gewalt?

Nein, kein bisschen. Viele haben schon lange davor gewarnt und ich selbst…

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« Sind Wahlen wirklich das Wichtigste? »

Mali zwischen Vielfachkrise und Aufbruch: Eine Superreportage zur Situation der Menschen in Mali über das Gespräch mit der berühmten und beliebten Sängerin, Diva, Unternehmerin, engagierten Bürgerin OUMOU SANGARÉ. Jonathan Fischer, manchmal in Bamako ansässig, hat schon viele Geschichten aus Mali geschrieben, die Ihr auch in den MALI-INFORMATIONEN finden könnt, und es freut mich, dass sein aktueller Artikel am 24.03.23 auch in der WELT erschienen ist, unter dem Titel: Warum die Mehrheit in Mali hinter der russlandfreundlichen Militärjunta steht. Zugunsten einer weiteren Verbreitung, gegen das hiesige Narrativ vom « failed state » und gegen den Vorwurf an die Malier, dass sie ihre Verbündeten selbst bestimmen. Souveränität ist das, was ihnen heute in der Politik am wichtigsten ist.

Foto (c) Jonathan Fischer: Oumou Sangaré in ihrem Haus in einem Außenbezirk Bamakos

Weltstars wie Beyoncé vergöttern sie, in Mali ist die Sängerin Oumou Sangaré eine Volksheldin. Im Gespräch erklärt sie, wie ihre Heimat zum Krisenherd wurde und wer das Land ruinierte.

Maison de Oumou Sangaré » – das hatte dem Taxifahrer als Zielangabe gereicht. Wer in Bamako Songs wie « Diaraby Néné » mitsingen kann, und das sind vom Greis bis zum Kind praktisch alle, der weiß auch, wo die Grande Dame des malischen Pop wohnt. Von der großen Teerstraße am östlichen Ufer des Niger, zweigt an einer Tankstelle – « le station d’Oumou » erklärt der Taxifahrer ehrfürchtig – ein Feldweg ab. Er führt durch Felder und Gemüsegärten, vorbei an halbfertigen Luxus-Rohbauten zu einer etwas abgerockten Villa.

« Oumou Sangaré – Diva » lautet das Kennzeichen des in der Einfahrt parkenden Jeeps. Der Rest wirkt wie ländliches Mali: Ein paar Esel weiden auf dem Nachbargrundstück. Und gleich am Eingangstor recken zwei weiße Pferde und ein Kamel dem Besucher ihre Hälse entgegen. In Mali gelten sie als Glücksbringer. Und Beschützer des Hauses gegen neidische und böse Gedanken. …

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Weltstars wie Beyoncé vergöttern sie, in Mali ist die Sängerin Oumou Sangaré eine Volksheldin. Im Gespräch erklärt sie, wie ihre Heimat zum Krisenherd wurde und wer das Land ruinierte

Maison de Oumou Sangaré » – das hatte dem Taxifahrer als Zielangabe gereicht. Wer in Bamako Songs wie « Diaraby Néné » mitsingen kann, und das sind vom Greis bis zum Kind praktisch alle, der weiß auch, wo die Grande Dame des malischen Pop wohnt. Von der großen Teerstraße am östlichen Ufer des Niger, zweigt an einer Tankstelle – « le station d’Oumou » erklärt der Taxifahrer ehrfürchtig – ein Feldweg ab. Er führt durch Felder und Gemüsegärten, vorbei an halbfertigen Luxus-Rohbauten zu einer etwas abgerockten Villa.

« Oumou Sangaré – Diva » lautet das Kennzeichen des in der Einfahrt parkenden Jeeps. Der Rest wirkt wie ländliches Mali: Ein paar Esel weiden auf dem Nachbargrundstück. Und gleich am Eingangstor recken zwei weiße Pferde und ein Kamel dem Besucher…

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Tunesien gg Kaïs Saïed

3. Massenprotest in Tunis nach Verhaftungswelle
Deutsche Welle – 04.03.2023
Tausende Menschen fordern « Freiheit » für Tunesien. Sie wenden sich gegen Präsident Saied, der die Gewaltenteilung aushöhlt und seine Gegner. verfolgen lässt.

Tunis I Protest gegen Rassismus

Foto (c) Fethi Belaid/AFP: Die Kundgebung im Zentrum der Hauptstadt Tunis wurde vom Gewerkschaftsverband UGTT organisiert

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Tsitsi Dangarembga will Überleben

„Wenn ihr wollt, dass euer Leiden aufhört, müsst ihr handeln“

Foto (c) SZ/ Sebastian Gollnow: Im Oktober 2021 nahm Tsitsi Dangarembga den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main entgegen.

INHALT: 1. Tsitsi Dangarembga: « Überleben »: Eine Antiheldin, zu allem bereit
Süddeutsche Zeitung/buecher.de  – 29. November 2021
2. Gespräch mit Tsitsi Dangarembga « Ich lasse mich nicht vertreiben »
SZ – 23. Juni 2022
3. „Handeln kommt aus der Hoffnung“
taz – 23.10.2021
4. »Ich bin, weil du bist, und weil du bist, bin ich auch«
Ein Debattenbeitrag von Tsitsi Dangarembga
Spiegel – 09.07.2022
5. Haftbefehl gegen Tsitsi Dangarembga erlassen
Deutsche Welle – 27.06.2022
6. Autorin Tsitsi Dangarembga schuldig gesprochen
Deutsche Welle – 29.09.2022

1. Tsitsi Dangarembga: « Überleben »: Eine Antiheldin, zu allem bereit
Süddeutsche Zeitung/buecher.de  – 29. November 2021
Von Miryam Schellbach
Die Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga erzählt in ihrer Romantriologie von einer postkolonialen Nation und ihren Involvierten, Mittätern und Schuldigen – mit Momenten von moralischer Offenheit und schmerzhaftem Sozialrealismus.
Die Schmerzensreiche
Als Tsitsi Dangarembga in der Frankfurter Paulskirche ans Podium trat, um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegenzunehmen, sagte sie, Simbabwe, der Staat, aus dem sie komme, habe niemals Frieden gekannt. Lire la suite

Das Greif sollte bleiben !

Foto (c) Marc Fröhling: Das Greif an der B 54, kurz vor der Stadtgrenze zu Werne.

Greif schließt

Politiker, trauert nicht ums Greif, denn ihr habt nicht um den Erhalt gekämpft
RN – 12.11.2022 11:55
Von Sylvia vom Hofe
Hut ab vor dem Wirt. Er macht keinem Vorwürfe, dass er das Greif dicht machen muss, sondern bedankt sich bei den Unterstützern. Im Rathaus fehlten die aber.
Dass sich Bürgerinnen und Bürger trotz all der Probleme nicht nur um sich selbst sorgen, sondern auch um ihre Lieblingskneipe, ist großartig. Es zeigt, wie wichtig Gemeinschaft ist: am Tresen, auf der Musikbühne und im Rathaus. Dort ist der Einsatz für die urige Kultkneipe Greif allerdings kaum über Worthülsen hinaus gekommen.
Im September druckste der Bürgermeister herum auf die Frage, ob die Stadt Interesse habe an einer Rettung des kulturellen Treffpunkts: Bislang habe der Rat weder Gelegenheit noch Veranlassung gehabt, sich mit der Sache zu beschäftigen.
Eine vertane Chance
Bürgerinnen und Bürger hatten zu diesem Zeitpunkt schon längst die Unterstützergruppe Greif-Guerillas gegründet und Ideen gesammelt. Wie die aussehen, war bislang kein Thema in denn Ausschüssen. Und das versprochene Gespräch des Bürgermeisters mit den Guerillas fand erst statt, als die Schließung schon beschlossen war. Sich kümmern sieht anders aus. Eine vertane Chance – nicht nur fürs Greif, sondern für die Politik.
Jetzt haben die engagierten Bürgerinnen und Bürger den Eindruck, dass es für Politik und Verwaltung keinen Unterschied macht, ob sie aktiv sind oder nicht. Klar, hat die hochverschuldete Stadt, kein Geld. Aber sie ist reich an Menschen mit Fantasie und Power. Ob es gelungen wäre, das Greif zu retten, steht auf einer anderen Karte. Der Versuch hätte aber das schaffen können, was bislang die Kneipe leistete: Gemeinschaft.
© 2022 ruhrnachrichten.de

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Kult-Kneipe muss schließen
Greif-Guerillas enttäuscht von der Stadt: „Ein bitteres Signal“
RN – 10.11.2022 um 17:00
Von Kristina Gerstenmaier (Freie Mitarbeiterin)

Foto (c) Sylvia vom Hofe: Leonie Schulte ist die Sprecherin der Greif-Guerillas. Sie kämpf(t)en gemeinsam für einen Erhalt der Kultkneipe.

„Greif bleibt.“ So lautete das Motto der Greif-Guerillas, die für den Erhalt der Lüner Kultkneipe kämpften. Ihr Wahlspruch hat sich jetzt geändert: „Gute Nacht.“
Es sind zwei Ereignisse, die in den vergangenen Tagen aufeinandertrafen und die zusammen genommen jede Hoffnung haben sterben lassen, doch noch die beliebte Kultkneipe Greif zu retten. Zum einen hat der Greif-Betreiber am Mittwoch (9.11.) bekannt gegeben, mit dem 19. Dezember die Gaststätte an der B54 schließen zu wollen. Gründe seien das marode Gebäude, Personalmangel und auch massive Teuerungen. Zum anderen haben die Greif Guerillas als Kämpfer für den Erhalt des Ladens am Dienstag (8.11.) mit Lünens Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns darüber gesprochen, mit welcher Unterstützung durch die Stadt denn gerechnet werden könne – mit ernüchterndem Ergebnis.
„Woanders geht man aus, Lünen aber geht ein“, heißt es im Facebook-Auftritt der Guerillas im Anschluss. Mit dem Greif verliere Lünen einen Begegnungsort, ein Stück kulturelle Heimat. Das klingt endgültig.
Erhalt wäre möglich gewesen
Es sei klargeworden, sagt Guerilla-Sprecherin Leonie Schulte im Gespräch mit der Redaktion, „dass sich bei der Stadt niemand wirklich verantwortlich fühlt. Das Thema wird ausgesessen. Dort ist man sehr mit sich selbst beschäftigt und es fehlt im wahrsten Sinne die Energie. Das ist ein sehr bitteres Signal.“ Vom Rat wurde das Thema Greif dem Kulturausschuss und dem Ausschuss für Arbeitsmarkt, Wirtschaftsförderung und Innovation zugewiesen.
„Uns war von Anfang an klar, dass es kompliziert werden könnte“, schreibt Schulte auf Facebook. „Dass es Kraft und Kreativität erfordert, um auch unkonventionelle Lösungen zu finden. Genauso klar war uns aber auch, dass es möglich ist (oder wohl eher: dass es möglich gewesen wäre), das Greif zu erhalten — wenn man es denn wirklich gewollt hätte.“
Stadt fehle einfach der Wille
Ob Kleine-Frauns Zurückhaltung und Bob Michaels Entscheidung unmittelbar miteinander zusammenhängen, möchte Leonie Schulte nicht bestätigen. Sie betont: „Unsere Entscheidungen gehen über Bobs Entscheidungen hinaus. Und die Stadt ist nur eine von vielen Lösungen. Aber wir sind auch keine Investoren. Wir wollen nur Öffentlichkeit schaffen und die Leute an einen Tisch bringen.“
In Lünen fehle es aber an etwas Entscheidendem: An dem unbedingten Willen, die Kultur, das Nachtleben, das bisschen Subversive dieser Stadt zu retten.
„Der Vertrauensverlust ist immens“, kommentiert Leonie Schulte. Denn: „Eine Krise fühlt sich anders an“, sagt sie, „wenn ich mich als Kulturschaffender nicht von der Politik allein gelassen fühlen würde.“
Am 16. November tagt der Ausschuss für Kultur, Europa und Städtepartnerschaften, am 22. November der für Arbeitsmarkt, Wirtschaftsförderung und Innovation. Viel Hoffnung setzt Leonie Schulte da allerdings nicht mehr hinein. „Vom Kulturausschuss hat man mir schon gesagt, dass das Thema bei ihnen eigentlich falsch ist.“
© 2022 ruhrnachrichten.de

Kultkneipe Greif in Lünen schließt trotz Welle der Sympathie
Wirt: „Das war mein Lebenswerk“

RN – 09.11.2022 20:12 Uhr
Von Sylvia vom Hofe, Stv. Redaktionsleiterin

Foto (c) RN/Werner Arndt; Marc Fröhling (Archiv) : Bob Michaels, der Chef vom Greif in Lünen-Wethmar, hat eine Entscheidung getroffen, die ihm schwer fällt. Er schließt die Kultkneipe.

Die Tage des Greif sind gezählt. Als Wirt Bob Michaels den Termin mitteilt, hat er „Pipi in den Augen“, wie er es nennt. Schließlich gehe es um sein Lebenswerk.
„Diese Welle der Sympathie …“ Die Stimme bricht ab. Am anderen Ende des Telefons ist es verdächtig still. Er habe einen dicken Klos im Hals, sagt Bob Michaels schließlich und räuspert sich. „Und Pipi in den Augen“, ergänzt er. Das, was er dann sagt an diesem Mittwochabend (9.11.), erklärt seine Gemütsverfassung.
Seitdem bekannt geworden war, dass der Hauseigentümer das Greif verkaufen will, um an der Stelle des rund 100 Jahre alten Gasthauses Wohnungen bauen zu lassen, ist ein Aufschrei durch Lünen gegangen: “Das Greif muss bleiben.“ Eine regelrechte Bewegung hat sich gegründet, die für den Erhalt der beliebten Kultkneipe kämpft. „Diese Welle der Sympathie“, Bob Michaels hat noch einmal angesetzt, „ist einfach überwältigend“. Dennoch: Die Entscheidung steht jetzt für ihn fest: „Am 19. Dezember ist Schluss nach zwölf Jahren.“ Wieder diese Pause. Dieses Räuspern.
„Eigentümer ist nicht Buhmann“
„Das muss man verstehen“, sagt er, „schließlich geht es um mein Lebenswerk“. Bob Michaels weiß, dass nicht nur bei ihm Emotionen im Spiel, sind, wenn es um den gemütlichen Landgasthof an der B 54, kurz vor der Stadtgrenze zu Werne, geht. Menschen jeden Alters haben ihre Greif-Geschichte: Paare, die sich dort gefunden haben, Familien, die regelmäßig zum Burger-Essen kommen, Musik-Fans, die von den Rock-Konzerten der Vorjahre schwärmen, Freunde, die Brettspiele machen, Leute, die an der großen Whisky-Bar fachsimpeln, und solche, die auf den noch neuen Biergarten schwören.
Trotz der großen Gefühle- auch seiner eigenen – appelliert Michaels, sachlich zu bleiben. „Jedem Eigentümer steht es frei, sein Haus zu verkaufen.“ Was er auf keinen Fall will, ist es, dass „der Eigentümer jetzt als Buhmann dasteht“. Es gebe mehrere Gründe, warum es mit dem Greif nicht weitergeht, obwohl die Gäste oft Schlange stehen.
Energetische Sanierung
Allen voran: die fehlende energetische Sanierung des betagten Backsteinbaus. Die Heizkosten müssen in der Vergangenheit schon hoch gewesen sein. Jetzt Mitten in der Energiekrise dürften sie horrend sein. Bob Michaels will sich dazu gar nicht näher äußern. Denn die Dämmung sei nicht die einzige notwendige Investition. „Die Küchenabluftanlage muss auch erneuert werden.“ Erhebliche Kosten, die noch zusätzlich zum verlangten Kaufpreis von 440.000 Euro hinzu gekommen wären. „Der Kauf kam für mich nicht in Frage“, sagt Michaels.
Er verweist auf sein Alter: fast 55 Jahre. Da überlege man sich lange laufende Kredite. Erst recht nach den zwei Corona-Jahren, die ihm mit ihren Einschränkungen das Letzte abverlangt hätten. Und nach der allgemeinen Teuerung. „Das Bier kostet inzwischen 3,20 Euro“, sagt er. Es sei nicht lange her, dass er für 0,3 Liter noch 2,90 Euro berechnet hatte. Bald werden es wohl 4 Euro sein. Diese Steigerungen kann ich einfach nicht mehr weitergeben.“ Und dann sei da noch die Sache mit dem Personal.
Vor Corona hatte Bob Michaels ein 14-köpfiges Team. Jetzt seien es noch fünf. Der Markt sei leergefegt. Und trotz attraktiver Angebote sei kein Personal zu finden. „Wir sind hier am Limit.“ Dennoch: Alle verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machten mit. „Bis zum Schluss.“ Pause.
Gerüchten widersprochen
Und was ist danach? Jetzt schmunzelt der Wirt. „Das ist mein kleines Geheimnis.“ Er hält es so wie im August, als bekannt wurde, dass das Greif zum Verkauf steht. „Ich sage erst dann etwas, wenn ich etwas zu sagen habe.“ Halbgares kommt für den Küchenchef nicht in Frage. Dass Gerüchte gerade nur so ins Kraut schießen, weiß er allerdings. Auf einige geht er ein.
„Nein, ich gehe nicht nach Singapur. Und auch nicht ins Sauerland.“ Ohnehin: „Ich übernehme keinen anderen Betrieb.“ Und er ziehe auch nicht mit dem Greif irgendwo anders ein. „Das Greif kann man nicht transferieren.“ Der Charme des Rock‘n-Roll-Landgasthofs sei eben eng mit dem alten Gemäuer und seiner Lage verbunden. Will er also mit 55 Jahren schon ein Rentnerdasein beginnen? Bob Michaels lacht. Nein, das auch nicht. „Aber vielleicht entwickelt sich ja etwas.“ Eines sei aber sicher: „Ich bleibe in Lünen.“ Dort habe er nicht nur treue Kundinnen und Knden gefunden, sondern auch viele Freundschaften geschlossen.
Weihnachtsfeiern finden statt
Nachzubohren hat keinen Zweck. Nicht nur, weil Bob Michaels meint, was er sagt, sondern auch, weil er keine Zeit mehr hat. Um 18 Uhr öffnen sich die Türen. Die Gäste kommen wieder und wollen bekocht, bewirtet und gut unterhalten sein – wie immer. Nachdem das Online-Reservierungssystem zuletzt offline war, will er es wieder öffnen. Auch um den Zustrom zu kanalisieren. Dass die Kundinnen und Kunden immer sehr zufrieden waren mit dem Greif, solle sich nämlich nicht auf den letzten Metern ändern, sagt er. Darum ist es ihm auch wichtig, dass alle gebuchten Weihnachtsfeiern stattfinden können – bis zum 19. Dezember.
Bevor er sich an den Herd stellt, hat Bob Michaels noch ein Anliegen, „sozusagen als Ex-Gastronom“. Er lacht in den Hörer über den eigenen Scherz. Das kann „die Pipi in den Augen“ aber nicht kaschieren. Es geht nicht nur um ihn und das Greif, als er sagt: „Behandelt die Kultur nicht so stiefmütterlich.“ Der Lüner Bürgermeister habe ihn persönlich angerufen und ihm erklärt, dass die hochverschuldete Stadt ihm nicht zur Seite springen könne. Was Michaels weh tut: Bundesweit zeige sich gerade, dass gerade kleine Clubs mit kleinen Bühnen wie im Greif, oft die einzigen Treffs zum Austausch, in der Krise auf der Strecke blieben. „Mit ihnen geht etwas. Unwiederbringlich.“
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Greif-Guerillas Lünen kämpfen um Kult-Kneipe: „Einen Erfolg gibt es schon
13.09.2022 06:00
Von Sylvia vom Hofe
Die Greif-Guerillas kämpfen für den Erhalt der Kult-Kneipe Greif. Das Echo sei „riesig“, sagt die Initiatorin. Dass ihr Kampf erfolgreich sein kann, zeigt ein Blick über die Stadtgrenze.
Ihre T-Shirts sind schwarz. In großen weißen Lettern ist links „Greif Guerillas“ zu lesen, direkt über dem Herzen. Die Platzierung ist kein Zufall. Schließlich ist der Erhalt der Lüner Gaststätte Greif für sie auch eine Herzensangelegenheit. Und damit sind die Mitglieder der vor fast zwei Wochen gegründeten Initiative nicht alleine: „Wir sind glücklich mit den Reaktionen, die wir täglich bekommen“, sagt Initiatorin Leonie Schulte. Froh sind die Journalistin und ihr enger Kreis von Mistreitern – alles glühende Greif-Fans wie sie selbst – aber auch über erste Erfolge.
Überparteiliches, breites Bündnis entstanden
Die fünf Frauen und Männer sitzen zusammen in Leonie Schultes Wohnzimmer: etwa zweieinhalb Kilometer von dem Haus entfernt, um das es geht: die aktuell für 440.000 Euro zum Verkauf stehende Gaststätte Greif an der Münsterstraße kurz vor der Stadtgrenze zu Werne. „Heimat, Homebase, Treffpunkt, Kult- und Kulturstätte“ in einem, wie die Guerillas auf ihrer Homepage schreiben. Tausende haben das inzwischen gelesen, Hunderte haben auf den verschiedenen Kanälen in den sozialen Medien ihre Zustimmung ausgedrückt. Wichtiger ist Schulte und den anderen aber noch etwas anderes.
„Inzwischen haben sich auch Vertreter verschiedener Parteien bei uns gemeldet.“ Sie spricht von einem „überparteilichen breiten Bündnis“: eher etwas Seltenes in Lünen. Nicht nur unterschiedliche Fraktionen ziehen an einem Strang, sondern auch unterschiedliche Generationen.
Die fünf Männer und Frauen erzählen von Spieleabenden im Greif und von durchgetanzten Nächten, von Familienfeiern, Elternstammtischen und Kindergeburtstagen, Junggesellenabschieden und Konzertabenden, wie es sie weit und breit kein zweites Mal gibt. Das Greif sei etwas Großstädtisches, aber ländlich gelegen: etwas, das keiner missen wolle.
Treffpunkt für Ehemalige des Altlüner Gymnasiums
„Ich kenne Leute aus Nordkirchen und aus anderen Orten des Münsterlandes, die extra hierhin kommen“, sagt Verena Semrau. „Und auch aus Dortmund und aus anderen Teilen des Ruhrgebiets“, ergänzen die Freunde. Und vor allem aus Lünen. „Seit mehr als 30 Jahren treffen sich Ehemalige des Gymnasiums Altlünen immer am 23. Dezember im Greif“, sagt Björn Wiggers aus dem Vorstand des vor fünf Jahren gegründeten Vereins Edga (Ehemalige des Gymnasiums Altlünen) . Selbst ein Mitschüler, der inzwischen in Boston lebt, komme regelmäßig zu den längst legendären Partys.
Die „Riesenresonanz“, die sie erhalten, mache Mut, sagen alle. Das sei schon jetzt ein Erfolg. Leonie Schulte spricht von „Selbstwirksamkeitserleben“: davon, dass Menschen erführen, welchen Unterschied es macht, ob man sich engagiert oder nicht. „Gerade in der aktuellen von Krisen geprägten Zeit braucht es endlich gute Nachrichten“. So eine, wie sie die Menschen in der Nachbarstadt Selm sie bereits zweimal erhielten.
Stadt Selm hatte sich für Gasthaus Suer stark gemacht
„Aufatmen in Selm: Rettung in letzter Minute für das Gasthaus Suer“, war kurz vor Weihnachten 2020 zu lesen. Nachdem die Betreiber und Eigentümer der einzigen verbliebenen Gaststätte in der Selmer Altstadt keinen Nachfolger gefunden hatten, wollten sie schließen. Aus der Kneipe mit Saal hätten Büros oder Wohnungen werden können.
Die Entwicklungsgesellschaft Selm, ein städtisches Tochterunternehmen, war eingesprungen. Sie fand zum Frühjahr 2020 einen Gastronom und verpachtete an ihn. Tresen und Saal waren damit gerettet. Im Ortsteil Bork hatte die Stadt die letzte Kneipe im Zentrum sogar gekauft: Betrieben wird sie im Nebenberuf von dem Lehrer Erdal Macit, einem Mitglied der gleichzeitig gegründeten Interessengemeinschaft Borker Bürger (IGBB), die sich für den Erhalt stark gemacht hatten. [Haus Dörlemann, Ed]
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Greif in Lünen: Geplanter Verkauf sorgt für Emotionen und ein Missverständnis
RN – 31.08.2022 15:30
Von Sylvia vom Hofe

Bob Michaels, Wirt des zum Verkauf stehenden „Greif“ in Lünen-Wethmar, macht zusammen mit seinem Team bis zum 27. September Pause.

Foto (c) Daniel Magalski: Bob Michaels, Wirt des zum Verkauf stehenden GREIF in Lünen-Wethmar, macht zusammen mit seinem Team bis zum 27. September Pause.

Der geplante Verkauf der Lüner Kultkneipe Das Greif schlägt hohe Wellen – auch im Netz. Dass der beliebte Treffpunkt bis zum 27. September geschlossen sein wird, hat aber andere Gründe.
Der Stoßseufzer von Babsi klingt laut und erleichtert, obwohl er nur geschrieben ist – auf der Facebook-Seite des Rock ‚n‘ Roll-Gasthofs Greif. „Gott sei Dank“, ist dort zu lesen, direkt unter der Ankündigung der Betriebsferien. „Ich war schon echt in Sorge. Lünen ohne (…) das wundervolle Greif, welches in seiner Einzigartigkeit echt nicht zu übertreffen ist, wäre wirklich ein tiefer Einschnitt für Lünen.“ Babsi hat sich zu früh gefreut.
Betriebsferien dauern bis zum 27. September
Die Betriebsferien und der durch den Eigentümer geplante Verkauf der Immobilie mitsamt des mehr als 1500 Quadratmeter großen Grundstücks haben nichts miteinander zu tun. Das Team rund um den Wirt Bob Michaels hat die Auszeit bis zum 27. September schon lange geplant. Nach knapp vier Wochen Ferien wird das Greif am letzten Dienstag im September wird öffnen. Ob es dann bereits Neues bezüglich des Verkaufs gibt, ist offen.
Der von den ebenfalls in Wethmar lebenden Eigentümern beauftragte Dortmunder Immobilienmakler sagt, dass es bereits jetzt Interessenten gebe – sowohl solche, die sich für eine Weiterführung der Gastronomie einsetzten, also auch solche, die das mehr als 100 Jahre alte Gebäude lieber abreißen wollen, um dort ein Mehrfamilienhaus zu errichten. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.
Wirt Bob Michaels: „Machen wirklich nur eine Pause“
Bob Michaels, der das Greif seit 2011 betreibt und seitdem zur gefragten Kultkneipe entwickelt hat, gibt sich einsilbig angesichts der Verkaufspläne des Eigentümers: „Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich mich hierzu nicht äußern.“
Nach Veröffentlichung des Berichts über die Anzeigen im digitalen Immobilien-Portal Immonet schrieb er lediglich auf der Facebook-Seite des Greif: „Nachdem der aktuelle Bericht in den Ruhr Nachrichten ziemlich hohe Wellen schlägt und unser Telefon glüht: Euer Landgasthof-Team macht wirklich nur eine Pause.“
Userin Babsi und andere verstanden das als Hinweis, dass es gar keine Verkaufsabsichten und damit auch keine Zukunftssorgen gebe und freute sich schon. Ein Missverständnis.
Reaktion im Netz: „Ohne Greif keine Kultur mehr“
Andere haben die Situation realistischer erfasst. Sie malen sich bereits düster aus, was wäre, wenn das Greif, das auch Konzerte und Live-Events veranstaltet, verschwinden würde: „Ohne Greif keine Kultur mehr in Lünen.“ „Das wäre bitter.“ „Wie schade.“
Dass Kneipen aus dem Ortsbild verschwinden und Platz machen für Wohnbebauung, ist immer wieder zu beobachten – auch in Wethmar. Haus Bössing ist abgerissen, Haus Lüggert ebenfalls, das einstige Steakhaus Fölger wird umgebaut, und der Westfalenkrug ist nur noch Hotel.
Mit der Kultkneipe Greif würde die letzte echte Kneipe mit Tresen und Saal im Ortsteil verschwinden. Dann bliebe in Wethmar nur noch Vereinsgastronomie, allen voran bei TuS Westfalia Wethmar.

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Demo in Dortmund gegen die Unterdrückung im Iran und den Tod von Mahsa „Jina“ Amini

Viele Menschen versammelten sich am Samstag in Dortmund, um gegen die politische Gewalt an Frauen im Iran zu demonstrieren.

Foto (c) Karsten Wickern: In Dortmund wurden am Samstag (24.9.) bei Demonstrationen mehrere Kopftücher verbrannt. Es ist ein Zeichen, um sich mit der getöteten Mahsa „Jina“ Amini zu solidarisieren.

Frauen verbrennen ihre Kopftücher mitten in Dortmund
RuhrNachrichten – 24.09.2022
Hunderte Menschen haben am Samstag vor dem Dortmunder Hauptbahnhof demonstriert. Ihre Wut richtete sich gegen die Gewalt gegen Frauen im Iran. Dabei griffen sie zu einem ungewöhnlichen Mittel.
von Robin Albers, Karsten Wickern
Immer wieder schallt die Parole „Jin, Jiyan, Azadî!“ über den Vorplatz an der Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofes. Sie stammt aus dem Kurdischen und bedeutet „Frauen, Leben, Freiheit“. Hunderte Dortmunderinnen und Dortmunder rufen sie am Samstag (24.9.) bei einer Demonstration vor dem Cinestar. Genauso wie tausende Demonstrierende seit dem 16. September im Iran und in Kurdistan. An diesem Tag starb die 22-jährige Mahsa „Jina“ Amini. Sie wurde drei Tage zuvor in Teheran von der iranischen Sittenpolizei festgenommen, da sie angeblich ihren Hijab, ihr Kopftuch, nicht richtig getragen habe: Ihre Haare seien zu sehen gewesen. Amini überlebte ihre Verhaftung nicht.
Ihr Tod führte zu starken Protesten gegen die iranische Regierung, die Sittenpolizei und die strenge islamische Kleiderordnung. Frauen schneiden sich unter anderem die Haare ab oder verbrennen ihr Hijab. Bei den Protesten im Iran und in Kurdistan sind bislang dutzende Menschen gestorben.
Freiheit für Frauen gefordert
Die Demonstration in Dortmund begann um kurz nach 13 Uhr mit einer Schweigeminute für die 22-jährige Amini. Überwiegend Menschen, die augenscheinlich einen muslimischen Hintergrund haben könnten, nahmen teil, vorwiegend aber Frauen aus jeder Altersgruppe. Viele von ihnen hatten lilafarbene Flaggen der „Kurdischen Frauenbewegung in Europa“ (TJK-E) dabei. Laut Polizei waren in der Spitze 280 Menschen vor Ort.

Foto (c) Robin Albers: Viele Menschen versammelten sich bereits am Vormittag am Nordausgang, um gegen die politische Gewalt an Frauen im Iran zu demonstrieren.

Am frühen Abend fand am gleichen Ort eine weitere, ähnliche Demonstration statt. Bei der wurde überwiegend Persisch gesprochen – das spricht ein Großteil der Menschen im Iran. An der nahmen laut Polizei mehr Menschen teil, als am Vormittag – 450 Teilnehmende hätten die Beamten gezählt. Viele seien einfach nach der ersten Versammlung am Cinestar geblieben und hätten sich der Demonstration angeschlossen, die um 17 Uhr begann.

Foto (c) Karsten Wickern: Rund 450 Menschen nahmen bei der Demonstration am frühen Abend teil.

Brennende Hijabs als Zeichen der Solidarität
Genauso wie die Proteste im Iran kritisierten die Menschen in Dortmund in Redebeiträgen immer wieder das Mullah-Regime und den Tod von Mahsa Amini sowie die Gewalt gegen Frauen und die Demonstrierenden. Sie fordern Freiheit für iranische Frauen. Die Stimmung war jeweils durchaus wütend, wenn auch friedlich.

Als Zeichen der Solidarität wurden auch in Dortmund einige Kopftücher verbrannt. Bei der Demonstration am Vormittag war die Flamme, die dabei entstand, noch relativ klein, was vermutlich einem leichten Nieselregen zuzuschreiben ist. Die Versammlung am frühen Abend endete mit einem etwas größeren Feuer. Die Polizei hat wegen der brennenden Hijabs allerdings nicht eingreifen müssen.
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Wer hat Angst vor dem freien Kopf?
Im Iran protestieren Frauen gegen die Zwangsverschleierung als Unterdrückungswerkzeug. Die Linke sollte nicht zögern, ihr Anliegen zu unterstützen.
taz – 23.09.2022
Von Fatma Aydemir
Was Frau auf dem Kopf trägt oder nicht trägt, sagt wenig darüber aus, was in ihrem Kopf vor sich geht. Es gibt Frauen, die verhüllen sich aus religiösen Gründen, und es gibt Frauen, die es aus sozialem Druck und Konventionen tun. Manche Frauen sehen in ihrem Kopftuch ein Zeichen der Selbstbestimmung, manche tragen es, um sich zu schützen. Ich kenne Frauen in Deutschland, die Jobs verloren, weil sie sich für das Kopftuch entschieden haben. Es gibt Frauen in der Türkei, die geächtet werden, wenn sie ihr Kopftuch abnehmen.

All diese Bedeutungen und Positionen zum Kopftuch existieren, es gibt noch unzählige mehr. Und wir können diese Vielfalt von Bedeutungen anerkennen und trotzdem feststellen: Die gesetzliche Zwangsverschleierung im Iran ist ein totalitäres Werkzeug der Unterdrückung. Und zwar nur eines von vielen. Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Zhina Amini vergangene Woche brennen Kopftücher auf den Straßen in Iran. Und dieser Anblick sollte unabhängig von den vielen anderen Bedeutungen dieses Stoffes als das wahrgenommen werden, was es in diesem Kontext ist: ein Akt des feministischen Widerstandes. Amini wurde von der sogenannten Religionspolizei festgenommen und gefoltert, weil sie ihr Kopftuch nicht „ordnungsgemäß“ trug. Möglicherweise waren einige Haarsträhnen zu sehen. Nach drei Tagen im Koma starb die junge Frau, höchstwahrscheinlich an den Folgen ihrer Misshandlung.

Täglich protestieren seitdem Frauen und Männer im Iran gegen das Mullah-Regime, wohl wissend dass sie dafür verhaftet und im schlimmsten Fall mit dem Leben bezahlen werden. Neben dem großen Aufstand in der Hauptstadt Teheran, kommt es vor allem in den kurdischen Städten im Westen seit gut einer Woche zu unzähligen Protesten, die von der Polizei brutal niedergeschlagen und auch -geschossen werden. Laut der Menschenrechtsorganisation Hengaw sind allein in Kurdistan bis Donnerstag mindestens acht Protestierende von iranischen Sicherheitskräften getötet worden, darunter zwei Teenager im Alter von 15 und 16 Jahren. Die Regierung legte gleichzeitig das Internet lahm und sperrte das letzte in Iran frei zugängliche soziale Netzwerk Instagram, um die Bevölkerung von der Außenwelt sowie untereinander zu isolieren. Die Menschen gehen dennoch weiter auf die Straße.

Linke müssen dem Aufstand beistehen

Die 22-jährige Amini selbst, die am 13. September in Teheran festgenommen wurde, war gerade zu Besuch bei Verwandten. Eigentlich stammte sie aus der kurdischen Stadt Saqqez und trug den kurdischen Namen Zhina. Auf dem Papier hieß sie Mahsa, da iranische Behörden kurdische Namen nicht anerkennen. Auch das ist ein Werkzeug der staatlichen Unterdrückung, bekannt auch aus der Türkei.

Aus der Vergangenheit sollten wir wissen, wie brutal die Islamische Republik Proteste niederschlägt und so ist es existenziell, dass wir uns mit diesem Volksaufstand solidarisieren, dass wir ihn nicht in Vergessenheit geraten lassen, und zwar gerade als Linke. Denn ja, es macht einen Unterschied, ob ein Kopftuch in den Straßen Dresdens brennt oder in Kurdistan. Es macht einen Unterschied, ob Rechte diesen Aufstand instrumentalisieren oder Linke ihm beistehen und Gehör verschaffen.

Bedauerlicherweise stelle ich aber fest, wie zögerlich gerade viele vermeintliche Genoss_innen sind, wenn es um die Verurteilung von Gräueltaten eines islamistischen Regimes geht. Das Menschen tötet, weil sie für ganz elementare Menschenrechte demonstrieren. Das eine Institution allein dafür gründet, das Aussehen und Leben von Frauen zu maßregeln, im Zweifelsfall unter Anwendung von Folter. Das Minderheiten systematisch verfolgt, weil sie für ihre Selbstbestimmung einstehen. Wie emanzipatorisch kann sich eine Linke nennen, die bei alldem wegsieht?
© 2022 taz.de

Eine Frau protestiert mit wehenden Haaren vor einer iranischen Fahne während einer Demonstration vor der iranischen Botschaft in Istanbul

Foto (c) Francisco Seco/ap/dpa: Auch in Istanbul protestieren Frauen gegen die Zwangsverschleierung im Iran