es ist nicht wahr
daß es nicht wahr ist
so war es
erst zuerst dann wieder
so ist es
kristallnacht:
im november 1938
zerklirrten zuerst
fensterscheiben
dann
wieder und wieder
menschenknochen
von juden und schwarzen und
kranken und schwachen von
sinti und roma und
polen von lesben und
schwulen von und von
und von und von
und und
erst einige dann viele
immer mehr:
die hand erhoben und mitgemacht
beifall geklatscht
oder heimlich gegafft
wie die
und die
und der und der
und der und die
erst hin und wieder
dann wieder und wieder
schon wieder?
ein einzelfall:
in november 1990 wurde
antonio amadeo aus angola
in eberswalde
von neonazis
erschlagen
sein kind kurze zeit später von einer
weißen deutschen frau
geboren
ihr haus
bald darauf
zertrümmert
ach ja
und die polizei
war so spät da
daß es zu spät war
und die zeitungen waren mit worten
so sparsam
daß es schweigen gleichkam
und im fernsehen kein bild
zu dem mordfall
zu dem vorfall kein kommentar:
im neuvereinten deuschland
das sich so gerne
viel zu gerne
wiedervereinigt nennt
dort haben
in diesem und jenem ort
zuerst häuser
dann menschen
gebrannt
erst im osten dann im westen
dann
im ganzen land
erst zuerst dann wieder
es ist nicht wahr
daß es nicht wahr ist
so war es
so ist es:
deutschland im herbst
mir graut vor dem winter
Vor 18 Jahren erschossen Rechtsterroristen Mehmet Kubaşık
RN-Dortmunder Zeitung – 4. April 2024
Am 4. April 2006 ermordeten Rechtsextremisten Mehmet Kubaşık in Dortmund.18 Jahre später hält seine Tochter Gamze das Gedenken weiter am Leben. Am Rechtsstaat zweifelt sie.
Der 4. April 2006 ist der Tag, über den Gamze Kubaşık sagt, sie werde ihn nie vergessen. Wie soll das auch gehen? Denn an diesem Tag vor 18 Jahren starb ihr Vater durch zwei Schüsse in den Kopf. Erschossen in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt. Die Mörder sind rechtsextreme Gewalttäter des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Von 2000 bis 2007 begehen sie in Deutschland drei Sprengstoffanschläge und erschießen zehn Menschen. Neun ihrer Opfer haben eine Migrationsgeschichte.
Mehmet Kubaşık ist in der Türkei geboren. 1991 kam er mit seiner Frau Elif und seiner ältesten Tochter Gamze nach Deutschland. Später bekommt das Ehepaar noch zwei Söhne. 2003 übernimmt die gesamte Familie die deutsche Staatsbürgerschaft.
Einige Wochen vor seinem vierzigsten Geburtstag wird Mehmet Kubaşık ermordet. Seine älteste Tochter Gamze ist damals gerade 20 Jahre alt. Nach dem Unterricht in der Berufsschule will sie ihren Vater an einem Dienstag vor 18 Jahren im Kiosk ablösen. Schon aus der Ferne sieht sie Rettungswagen, Polizei und viele Menschen. Anfangs denkt sie sich nichts dabei.
Als sie näher kommt, hört sie jemanden etwas sagen: „Oh nein, da ist die Tochter.“ Sie habe in den Kiosk gehen wollen, erinnert sich Gamze Kubaşık, ein Polizist hält sie auf. Ob sie nicht die Absperrung sehe, fragt er und bringt sie zu einem Wagen. „Ich möchte zu meinem Vater gehen, was ist mit meinem Vater passiert?“, fragt die damals 20-Jährige.
Anfangs habe man ihr gesagt, dass er verletzt sei, dass es ihm gut gehe. Das stimmt nicht. Aber sie glaubt es zunächst. „Ich habe nicht daran gedacht, dass mein Vater nicht mehr lebt“, sagt die heute 38-Jährige. Dann beugt sich ein älterer Polizist zu ihr herunter. „Ich konnte sofort an seinen Augen erkennen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Er sagt: „Frau Kubaşık, Ihr Vater ist tot.“
Sie erinnere sich, dass sie ein starkes Piepen auf dem Ohr hatte, dann habe eine Polizistin gesagt: „Sie wird blass.“ Als sie ihre Augen wieder öffnet, liegt sie im Krankenwagen und hört die Schreie ihrer Mutter, erinnert sich Gamze Kubaşık.
Nun, 18 Jahre später, steht sie auf dem Platz an der Kreuzung der Mallinckrodtstraße und Münsterstraße, der seit 2019 den Namen ihres Vaters trägt.
Opfer wurden kriminalisiert
Dass es den Mehmet-Kubaşık-Platz gibt, ist für sie etwas ganz Besonderes. Sie will, dass das Gedenken hochgehalten wird. Auch deshalb geht sie in Schulen und spricht über ihren Vater, das Verbrechen an ihm und wie der getötete Mehmet Kubaşık, die anderen Mordopfer und ihre Familien kriminalisiert wurden.
Mehmets Kubasik Witwe Elif Kubaşık kniet, begleitet von Angehörigen, weinend vor der Gedenktafel nieder. Nur wenige Meter von dieser Gedenkstätte entfernt starb am 4. April 2006 ihr Ehemann, hingerichtet von Rechtsextremisten. Foto (c) RN-Archiv
Am Tag nach dem Mord an ihrem Vater und Ehemann sitzen Gamze und Elif Kubaşık sechs Stunden auf der Wache und werden von Polizisten befragt. „Was können Sie sich vorstellen, wer Ihren Vater ermordet hat?“, sei die erste Frage gewesen. Danach sei gefragt worden, ob ihr Vater etwas mit Drogen zu tun gehabt hätte, ob er sie verkauft hätte – auch an Minderjährige, erinnert sich Gamze Kubaşık. Ihrer Mutter werden Fotos von Frauen vorgelegt, mit denen Mehmet Kubaşık ein Verhältnis gehabt haben soll.Damals hätten die Beamten gesagt, dass sie so etwas nicht fragen würden, wenn sie keine Beweise hätten. „Heute weiß ich, dass man uns etwas unterstellen wollte.“ „So fingen die Gerüchte an“
Mehmet Kubaşık wird in der Türkei begraben. Während die Familie dort war, seien Polizisten mit dem Foto des Getöteten durch die Nachbarschaft gelaufen und hätten gefragt, ob er Drogen an Minderjährige verkauft habe, sagt Gamze Kubaşık.
Sie fragen nach Verbindungen zur Mafia und zur PKK. „So fingen die Gerüchte an.“ Freunde und Bekannte glauben der Polizei. Hinter ihrem Rücken bekommt Gamze Kubaşık mit, wie getuschelt wird, wie gesagt wird, dass man sich von ihr fernhalten solle.
Ihre Geschwister bekommen Probleme in der Schule. Ihre Mutter geht besonders früh einkaufen, damit sie niemandem begegnet. Gamze Kubaşık verlässt ein Jahr lang nicht die Wohnung. Gleichzeitig gehen diskriminierende und rassistische Begriffe wie „Döner-Morde“ durch die Medien.
Die Deutsche-Presse-Agentur benutzte den Begriff noch Ende 2011. Angehörige empfinden das als „Entmenschlichung“ der Opfer. „Jeder Tag war ein Albtraum“, sagt Gamze Kubaşık.
„Man hat meinen Vater ein zweites Mal umgebracht, indem man seine Ehre kaputtgemacht hat. Das ist etwas, mit dem ich bis heute nicht klarkomme. Seine Ehre war meinem Vater sehr wichtig.“ Sie und ihre Familie haben immer gewusst, was ihrem Vater unterstellt wird, kann nicht stimmen. „Mein Vater hat Kinder geliebt.“ Von ihrer Mutter habe er immer einen strengen Blick bekommen, wenn er den Kindern wieder mehr in die gemischte Tüte getan hat. Ihm sei das egal gewesen. Erschüttertes Vertrauen
Gamze Kubaşık sagt, ihre Mutter hätte die Polizei gefragt, ob es nicht Neonazis gewesen sein könnten. Die Beamten hätten geantwortet, dass sie dann ein Bekennerschreiben hinterlassen hätten. Die Polizei ermittelte auch in den anderen Mordfällen zunächst nicht wegen eines rassistischen Motivs, obwohl es Zeugenaussagen über Personen gab, die „wie Nazis“ ausgesehen hätten.
Dass rechtsextreme Terroristen Mehmet Kubaşık und neun weitere Menschen ermordet haben, erfährt Gamze Kubaşık erst Ende 2011, als zwei Täter des NSU-Kerntrios nach einem Banküberfall von der Polizei verfolgt werden und sich selbst erschießen. Ihre Komplizin Beate Zschäpe veröffentlicht Bekennervideos. Als Gamze Kubaşık davon erfährt, ist es „wie ein Schlag ins Gesicht“.
Aber es ist auch der Tag, an dem sie spürt, welche Last sie all die Jahre mit sich herumgetragen hat. Die Gewissheit ist für sie, ihre Mutter und ihre Geschwister eine Erleichterung. Aber die fehlende Aufklärung hat Gamze Kubaşıks Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert. Auch nach fünf Jahren NSU-Prozess und dem Versprechen der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel einer „lückenlosen Aufklärung“ bleiben bei Gamze Kubaşık viele Fragen: „Was wusste der Verfassungsschutz? Was steht in den geheimen Akten? Wurde mein Vater gezielt ausgewählt oder war er ein Zufallsopfer? Welche Unterstützer hatten die Terroristen in Dortmund?“ Durch Erkenntnisse aus dem Prozess gegen Beate Zschäpe und aus mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gilt es als gesichert, dass der NSU als Netzwerk mit bis zu 200 Personen im Hintergrund gearbeitet hat – auch in Dortmund. In den Ermittlungsakten finden sich einige Verbindungen in die Ruhrgebietsstadt.
Da sind Briefkontakte zwischen Zschäpe und einem Dortmunder Neonazi. Es gibt Patronenschachteln, die am ausgebrannten NSU-Versteck in Zwickau gefunden wurden und mit dem Namen „Siggi“ beschriftet waren – möglicherweise ein von Ermittlern nie untersuchter Hinweis auf den mittlerweile gestorbenen Dortmunder Neonazi Siegfried Borchardt.
Hinzu kommen Kontakte des NSU-Trios zu Combat-18-Vereinigungen in Dortmund und etliche weitere Beziehungen zwischen Mitgliedern der rechten Szene dieser Zeit. Gamze Kubaşık kämpft weiter um Aufklärung und darum, dass das Schicksal ihres Vaters nicht vergessen wird.
Von Dorstfeld nach Dortmund: letzte Etappe des Ostermarsches Rhein-Ruhr
Foto (c) RN 01.04.2024
FÜR DEN FRIEDEN
Waffenstillstand jetzt! Für Frieden in Israel und Palästina !
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!
Für Abrüstung
Sofortiger Waffenstillstand und Stopp der Waffenlieferungen – endlich mal wieder was, worauf sich alle Marschierer*innen einigen können. So sah es jedenfalls aus…. DKP moderierte, MLPD durfte Fahnen schwenken, die Europa-Abgeordnete Özlem Demirel aus der Linken hielt eine flammende Rede.(Ed)
Fotos (c) aramata: Auf dem Wilhelmplatz in Dorstfeld
Vorbei an der alten Hoesch-Zemtrale
Rheinische Straße
Özlem Alev Demirel (MdEP, Die Linke), hielt eine flammende Rede auf dem Hansaplatz
Montgomery, Alabama 1956:Ein Jahr zuvor hatte sich ROSA PARKS geweigert; ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen freizugeben
New York, CSD 1970: 1. Jahrestag des Stonewall-Aufstands
Baton Rouge, Louisiana, 2016: Ieshia Evans bei den Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt Foto (c) JONATHAN BACHMAN
Mexico-City 2019: Am Internationalen Kampftag gegen Gewalt an Frauen Foto (c) Carlos Tischler
Foto (c) Tolga Ildun: Istanbul 2022: Iranische Bürger:innen, die in der Türkei leben, protestieren nach dem Tod von Mahsa Jina Amini gegen das iranische Regime
Internationaler Frauentag: Ikonen der Frauenbewegung
Suffragetten 1911 in London demonstrieren für ein allgemeines Frauenwahlrecht
So radikal wie ihre « Schwestern » in England, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, waren die deutschen Frauenrechtlerinnen nicht. Doch auch sie kämpften tapfer um ihre Rechte.
Foto (c) akg-images: Berlinerinnen demonstrieren 1912 für das Frauenwahlrecht
Ende des 18. Jahrhunderts begannen Frauen in Europa, mehr Rechte für sich einzufordern. Schon damals beteiligten sie sich an revolutionären Aktionen, vor allem in Frankreich, das nach der Revolution von 1789 den Boden für Menschenrechte, Mitbestimmung und Gleichberechtigung bereitete. In Deutschland sollte es noch ein gutes halbes Jahrhundert dauern, bis eine große Zahl von Frauen wirklich politisch wurde und sich äußerte.
Die Wegbereiterin
Vom Frauenwahlrecht zu #MeToo:
Die lange Gechichte der Frauenbewegung,
in 18 Bildern auf dw.com
1843 trat eine junge Frau namens Louise Otto-Peters an die Öffentlichkeit, die lautstark die Meinung vertrat. Ihr Credo: Die Teilnahme von Frauen an den Interessen des Staates sei « kein Recht, sondern eine Pflicht ». Die damals erst 24-Jährige war schon als Teenager auf sich allein gestellt, wurde sie doch bereits mit 16 Jahren Vollwaise. Allerdings verfügte sie nach dem Tod ihrer Eltern über ein großes Vermögen. Sie erfüllte sich ihren Berufswunsch und wurde Schriftstellerin, verfasste Gedichte, Essays, sozialkritische Romane und journalistische Artikel. Letztere veröffentlichte sie unter dem männlichen Pseudonym Otto Stern. Die Regierung wurde auf sie aufmerksam und versuchte, sie mundtot zu machen. Doch Louise ließ sich nicht einschüchtern und gründete 1865 den « Leipziger Frauenbildungsverein ».
Im gleichen Jahr fand in Leipzig eine große Frauenkonferenz statt. Die Zeitungen schrieben damals verächtlich von der « Leipziger Frauenschlacht » – das war den 120 Teilnehmerinnen ziemlich gleichgültig. Sie gründeten den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), dessen Vorsitz Louise Otto-Peters fast 30 Jahre lang inne hatte. Eine Initialzündung, die die Gründung zahlreicher Frauenvereine in ganz Deutschland nach sich zog.
Schulbildung für Mädchen
Erstes und wichtigstes Ziel: Bildung für Frauen und Mädchen. Während eine ordentliche Schulbildung für Jungen ganz normal war, mussten Mädchen aus Arbeiterschichten früh Geld verdienen; bürgerliche Töchter bereitete man auf das Eheleben vor. Mädchen, die lesen und schreiben konnten, konnten sich glücklich schätzen.Die Lehrerin Helene Lange nahm sich des Problems an und verfasste eine Petition an den preußischen Schulminister. Die Forderungen: verbesserte Mädchenbildung, mehr Einfluss von Lehrerinnen auf die Erziehung der Schülerinnen, eine bessere Ausbildung für Lehrerinnen. Doch die Frauenrechtlerinnen brauchten einen langen Atem. Schließlich gelang ihnen in den Jahren 1899 und 1900 die Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten. Und 1908 wurde das Mädchenschulsystem zur Staatssache erklärt.
Das politische Bewusstsein wird stärker
Die junge Clara Eißner besuchte ein Lehrerinnenseminar in Leipzig, lernte dort den Allgemeinen Deutschen Frauenverein kennen und begann, sich zu engagieren. Was damals als skandalös galt: Sie lebte mit dem Russen Ossip Zetkin zusammen, ohne dass die beiden verheiratet waren, nahm seinen Namen an und bekam von ihm zwei Söhne. Als Erzieherin trat sie in die Sozialistische Arbeiterpartei, die spätere SPD, ein und begann, für die vollständige berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen. Sie gründete die Frauenzeitschrift « Die Gleichheit ». Clara Eißner alis Zetkin ist Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung – im Gegenteil zur bürgerlichen Frauenbewegung ging es hier vor allem um die Rechte der Arbeiterinnen.
Clara Zetkin – Sie hat den Internationalen Frauentag ins Leben gerufenBild: dpa/picture alliance
Sie initiierte 1910 mit dem Internationalen Frauentag einen Kampftag für Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Sozialismus. Der wurde 1911 erstmals begangen. Unter dem Motto: « Heraus mit dem Frauenwahlrecht! »
Das Recht, die Politik mitzubestimmen
Mitstreiterinnen für das Frauenwahlrecht in Deutschland waren auch Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Sie hatten 1902 den deutschen « Verein für Frauenstimmrecht » gegründet.Augspurg und Heymann waren weniger friedfertig als ihre deutschen « Schwestern » – sie wollten ihre Rechte mit den gleichen brutalen Mitteln einfordern wie die Suffragetten in England, die ihren Forderungen mit Hungerstreiks, Vandalismus und Großdemonstrationen Nachdruck verliehen.
Augspurg studierte Jura in der Schweiz – so etwas war Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland undenkbar. Sie promovierte und hatte nun die nötigen juristischen Kenntnisse, um im Deutschen Reichstag für Reformen zu kämpfen.
Der Kampf trägt Früchte
Es gab Kooperationen mit Vereinen aus anderen europäischen Ländern, die Suffragettenbewegung in England war inzwischen so stark geworden, dass niemand mehr daran vorbei kam. Während Frauen in den Niederlanden und in Skandinavien zum Teil schon seit Jahren wählen durften, kämpften die Frauen in Deutschland, Österreich, Polen und in England bis 1918 um ihr Wahlrecht, in anderen Ländern noch länger.
Am 30. November 1918, knapp drei Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, verkündete die neue deutsche « Reichsregierung »: « Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen. » Umgesetzt wurde das neue Recht kurze Zeit später: im Januar 1919.
Rezension – Wir Wochenendrebellen Das FCSBlog 2.0 – 23.10.2017
Mit dem Papa ins Fußballstadion. Das ist der klassische Beginn vieler Fankarrieren. In „Wir Wochenendrebellen“ geht Vater Mirco mit seinem 2005 geborenen Sohn Jason ins Stadion. Jason ist Asperger-Autist und davon überzeugt, dass er erst einmal alle Vereine gesehen haben muss, um sich einen auszusuchen. Logisch, oder? ….Weiterlesen
Das Buch ist 2017 erschienen – jetzt kam gerade der Film in die Kinos.
Wir Wochenendrebellen – Ein Buch über die Liebe, Fußball, Autismus
Das erste Buch von Jason und Mirco von Juterczenka.
Unser erstes Buch ist ein Fußballbuch welches wiederum auch gar kein richtiges Fußballbuch ist. Es ist kompliziert. „Wir Wochenendrebellen“ ist im August 2017 im Benevento-Verlag erschienen und seit August 2019 im Goldmann-Verlag als Taschenbuch erhältlich. Der Drehbuchautor Richard Kropf hat sich die Filmrechte gesichert und das Buch stand auf der Shortlist für das Fußballbuch des Jahres 2018. Die von Marc Rothemund inszenierte Verfilmung mit Florian David Fitz, Cecilio Andresen und Aylin Tezel in den Hauptrollen wird 2023 in die deutschen Kinos kommen.
Das Buch erzählt von unseren Stadion-Abenteuern in Dortmund, Aue und in Kiel, sowie von unseren Erlebnissen beim VfR Aalen, dem FC St.Pauli und auf Schalke. Zudem gibt es ein Kapitel zum Auftritt von Papsis Lieblingsverein, der Fortuna aus Düsseldorf, die zu Gast waren bei der TSG 1899 Hoffenheim.
Die Fußballkapitel wechseln sich ab mit Abschnitten und Passagen über den Umgang meiner Eltern mit meinem Autismus, der Rolle meiner Mami und meiner Schwester innerhalb des Wochenendrebellen-Imperiums und dem Highlight des Buches, meiner ausführlichen Einleitung wie es zu der keinesfalls verrückten, sondern sehr logischen Idee kam, sich erst einmal alle Fußballvereine anschauen zu wollen, bevor ich mich für einen Lieblingsverein entscheide.
Das Buch kann behilflich sein um die Diversität innerhalb des Autismus-Spektrums besser zu verstehen und beschreibt auch meinen Lernprozess zu meinem heute sehr selbstbewusstem Umgang mit meiner Behinderung. Noch besser eignet es sich aber für Eltern, Angehörige und Menschen, die sich beruflich bedingt mit Autismus und Autisten beschäftigen.
“Wochenendrebellen” im Kino: Ein Autist kann ein Vorbild sein!
“Wochenendrebellen” ist ein deutscher Kinofilm über Fußball, Familie und Autismus. Mit den echten Wochenendrebellen haben wir über den tollen Film gesprochen. gq-magazin.de – 28.09.2023
Von Anna Rinderspacher
Jason von Juterczenka ist genau richtig, so wie er ist: Klimaschützer, Astronom, Fußballfan und Autist. Seit seinem achten Lebensjahr ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsverein und reist dafür mit seinem Vater Mirco durch die Stadien Europas. Eine bemerkenswerte Geschichte, die nun verfilmt wurde.
Dass ihr Kind anders ist, als seine Altersgenossen, stellen Mirco (Florian David Fitz) und Fatime (Aylin Tezel) schon früh fest, weil Jason (Cecilio Andresen) beim Spielen unentwegt hin und her wippt – Stimming nennt man diese Aktivität, die dem Nervensystem hilft, sich im Fall einer Reizüberflutung zu regulieren und bei Autist:innen häufig zu beobachten ist. Wie niederschmetternd diese Diagnose für das Elternpaar ist, macht der Film von Marc Rothemund ohne viele Worte deutlich: In Fatimes hilflosen Blicken, in Mircos aufgebrachtem Gestikulieren, in den vielen Momenten der stillen Überforderung, die sie mit Jason von hier an täglich erleben. Vom Alltagscrasher zum Wochenendrebellen
Mit der Diagnose brechen aber vor allem Ängste über das Paar herein. Können wir unser Kind vor der Welt beschützen? Wird ihn die Gesellschaft je so akzeptieren, wie er ist? Wer kümmert sich um Jason, wenn wir es einmal nicht mehr können? Zudem stellen auch die von Jason aufgestellten Familienregeln die Nordrhein-Westfalen vor große und kleine Herausforderungen: Unter anderem bringt den Jungen Lebensmittelverschwendung aus der Fassung und die einzelnen Bestandteile seines Essens dürfen sich auf dem Teller nicht berühren.
Als sein Sohn eines Tages erklärt, dass er einen Lieblingsfußballverein finden will und gedenkt, zu diesem Zweck jedes Wochenende in ein anderes Fußballstadion der ersten, zweiten und dritten Liga zu reisen, staunt Mirco daher nicht schlecht: Dichtes Gedrängel, lautes Grölen und unfreiwillige Bierduschen – ob das nicht ein bisschen zu weit außerhalb der Komfortzone seines autistischen Kindes ist? Oder ist es vielleicht am Ende außerhalb seiner eigenen? Schonungslose Einblicke
Was im ersten Moment vielleicht wie eine kitschige Hollywood-Story klingt, ist die bemerkenswerte, tatsächliche Geschichte von Mirco und Jason von Juterczenka, die das Vater-Sohn-Gespann in seinem Buch “Wir Wochenendrebellen” festgehalten hat. Und soviel können wir garantieren: Die Verfilmung beschönigt die Einschränkungen, die ein Leben mit Autismus mit sich bringt nicht. Aufgrund seiner Kauzigkeit hat es der junge Jason schwer, bei seinen Klassenkameraden Anschluss zu finden; eine ältere Frau an der Haltestelle hält ihn für verzogen, weil er darauf besteht, immer auf demselben Sitz auf den Schulbus zu warten. Und als man ihm im Bordbistro der Deutschen Bahn einen Teller serviert, auf dem sich Nudel und Soße berühren und der Kleine daraufhin einen derartigen Tobsuchtsanfall bekommt, dass er und sein “Papsi” aus dem Zug geworfen werden, ist das selbst als unbeteiligter Zuschauer so unangenehm zu sehen, dass man sich der ein oder andere auf seinem Kinosessel winden wird. Für alle diese Dilemmata bietet der Film keine einfachen Lösungen an, weil es diese schlichtweg nicht gibt.
Stattdessen, ist es Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Richard Kropf gelungen, das eigentlich Bewegende und Spannende an Jasons und Mircos Situation einzufangen: Die aktive Bemühung der beiden, die Bedürfnisse des jeweils anderen zu verstehen und zu achten. Anders gesagt: die immense Liebe zwischen dem sehr besonderen Jungen und seinem Vater. Am Ende von “Wochenendrebellen” steht aber auch eine Erkenntnis, die selbst Menschen bewegen wird, die bislang wenig bis gar keine Berührungspunkte mit dem Thema Autismus hatten: Autist:innen haben keine andere Wahl, als sie selbst zu sein, ganz egal wie unbequem das für ihr Umfeld ist. Und gerade weil ihre Besonderheiten auffallen, fordern sie uns heraus, unseren eigenen Blickwinkel auf die Welt und das Leben hin und wieder zu verändern – was könnte bereichernder sein als das?
In einer Szene des Films hat das echte Vater-Sohn-Gespann einen Gastauftritt (hintere Reihe). Die echten Wochenendrebellen im Interview
Was das echte Vater-Sohn-Gespann über die Verfilmung seiner Geschichte und ein Leben mit Autismus denkt, haben uns Mirco und Jason von Juterczenka im Interview verraten.
GQ.de: Welche Szene in “Wochenendrebellen” hat Sie am meisten berührt, als Sie den fertigen Film das erste Mal gesehen haben? Mirco von Juterczenka: Als Aylin Tezel, die meine Frau spielt, vor der Schulrektorin sitzt und ihr klar macht, dass ihr Sohn sich niemandem gegenüber bewähren muss. Zum einen, weil der Dialog sich so fast 1:1 zugetragen hat, und zum anderen, weil Aylin die echten Emotionen dieser Situation und das Kämpferische von Fatime über Mimik und Sprache so gut eingefangen hat. Jason von Juterczenka: Ich kann es sogar auf einen Satz runterbrechen: “Der Jason ist schon richtig, so wie er ist.” Denn genau das ist die Message des Films: Es gibt nichts zu verbessern oder gar zu heilen; Autist:innen haben eine andere Perspektive auf die Welt, aber keine falsche, oder gestörte. Welche Sorgen hattet ihr im Blick auf die Verfilmung eurer Geschichte? Mirco von Juterczenka: Wie Autismus im Film dargestellt wird. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der autistischen Gemeinschaft. Denn falls der Film ein Erfolg wird, könnte es sein, dass er den Blickwinkel der Gesellschaft auf Autismus prägt. Jason von Juterczenka: Im Blick auf meine Figur hatte ich Bedenken, dass Verhaltensweisen, die mit Autismus assoziiert werden ins Lächerliche gezogen werden könnten. Oder Klischees reproduziert werden. Was hat Ihre Angst gelindert? Jason von Juterczenka: Ich habe den Drehbuchautor Richard Kropf und den Regisseur Marc Rothemund schon vor Drehbeginn kennengerlernt, daher wusste ich, wem wir unsere Geschichte überlassen. Wir standen während der Entwicklung in direktem Kontakt und ich hatte ein großes Mitspracherecht, was die Inszenierung und das Wording betrifft. Tatsächlich konnte ich mir vorher nicht vorstellen, dass irgendjemand mich spielen kann. Als ich aber dann das Casting-Video von Cecilio Andersen, der mich spielt, gesehen habe – die Nudelszene im Bordbistro – war ich überzeugt. Es war so realitätsgetreu, dass ich beim Zuschauen wieder sauer auf Papsi geworden bin, weil ich mich so in die Situation zurückversetzen konnte, dabei war sie zu dem Zeitpunkt über zehn Jahre her. Mirco von Juterczenka: Diese Szene tut unglaublich weh und wird glaube ich auch beim Publikum im Kino Beklemmung auslösen, weil sie wirklich grandios umgesetzt ist.
Jasons Ausraster im Bordbistro wirft einen beklemmenden Blick darauf, wie frustrierend Autismus für alle Betroffenen sein kann.
Haben Sie irgendwann aufgehört, Ihrem Umfeld das Verhalten Ihres Sohnes zu erklären? Mirco von Juterczenka: Ja, sehr schnell sogar. Es gibt immer noch Momente, in denen mir Jasons Verhalten unangenehm ist, wobei ihm mittlerweile glaube ich auch mein Verhalten manchmal unangenehm ist. Erklärungen bringen einen in diesen Momenten aber nicht weiter, das ist verlorene Liebesmühe, zumal man Autismus nicht mal so eben in zwei Minuten erklären kann; dazu ist das Thema zu vielfältig. Der Film begleitet Sie auf der Suche nach Jasons Lieblingsfußballverein, der jedoch besondere Kriterien erfüllen muss. Schnelle Fragerunde: In welchem deutschen Stadion gibt es die besten Fans? Mirco von Juterczenka: FC St. Pauli. In welchem wird besonders nachhaltig vorgegangen? Jason von Juterczenka: Von den Bundesliga-Vereinen bei Mainz 05. Die Trinkbecher sind aus Maisstärke und sie verwenden erneuerbare Energie. Und wo gibt es das coolste Maskottchen? Mirco von Juterczenka: Jason mag den Geißbock vom 1. FC Köln; das geht natürlich für mich als Fortuna Düsseldorf-Fan nicht. Deswegen würde ich sagen, der Adler von Frankfurt.
« Ich finde, wir zeigen ganz gut, dass Autismus keine Störung ist »
Die Wochenendrebellen kommen ins Kino.
ZEIT – 28.09.2023
Interview: Fabian Scheler
ZEIT ONLINE: Eure Geschichte läuft ab heute in den Kinos. Seid ihr zufrieden mit dem Film?
Jason: Ich weiß nicht, ob ein Film in die Kinos hätte kommen können, mit dem ich nicht zufrieden gewesen wäre. Die Stellen, die ich nicht gut fand, wurden fast alle abgeändert oder sind rausgeflogen.
Mirco: Es gab in der Entstehung und Produktion Höhen und Tiefen. Aber das Ergebnis ist besser, als ich es mir je hätte denken können.
(…) ZEIT ONLINE: … euer zweites Buch erscheint demnächst und jetzt sehen euch sehr viele Menschen auf der Kinoleinwand. War das für euch nie ein Problem, dass euer Leben so öffentlich stattfindet?
Mirco: Ich sehe das entspannt, weil alles, was mit meinem Job zu tun hat, sehr getrennt davon stattfindet. Die Entscheidung wurde uns auch in dem Moment abgenommen, als wir für den Grimme Online Award nominiert gewesen waren. Ich hatte vorher zu Jason gesagt: Wir gehen dahin und danach ist wieder Ruhe. Er war sich aber sicher, dass wir gewinnen. So kam es und unsere Klarnamen waren in der Welt. Dahinter zurück können wir nicht mehr. Deshalb geht es heute eher darum, zu gucken, ob ich damals Dinge geschrieben habe, bei denen Jason denkt: Was hast du da eigentlich für einen Mist gebaut?
Jason: Natürlich hast du Unsinn geschrieben. Zum Beispiel, dass ich in meiner kurzen Zeit als aktiver Fußballer schlecht gespielt hätte.
Mirco: Du warst schlecht.
Jason: Ich war nicht gut, aber ich war besser als alle anderen auf dem Platz.
Mirco: Du warst der schlechteste.
Jason: Nein, ich war der Beste. Es war ein einziges Durcheinander. Alle liefen wild herum, es gab keine Taktik. Und ich war einfach nicht schnell, also was sollte ich machen, außer den anderen zu sagen, was sie zu tun haben? Das habe ich getan, ich war schließlich auch Kapitän. Aber in diesem Umfeld von inkompetenten Mitspielern war ich einfach unfähig, meine Fähigkeiten zu entfalten. Papsi hat also Unsinn geschrieben, aber keinen schädlichen Unsinn. Nur eben seine beschränkte Meinung.
ZEIT ONLINE: Eine Szene, die auch im Film vorkommt. Wann hast du eigentlich erfahren, dass du auf dem Autismus-Spektrum bist?
Jason: Bis 2011 hatten wir meine Regeln und Routinen als « besondere Logik » zusammengefasst. Auf einem Festival hat Papsi mir dann zwei Bücher in die Hand gedrückt: « Colines Welt hat tausend Rätsel » und « Schattenspringer ». In beiden Büchern geht es um autistische Mädchen. Endlich normale Leute! Papsi hat mich einfach über die Bücher reden lassen und ich bin mehr oder weniger selbst draufgekommen, dass auch ich Autist bin. Sehr früh, ich war gerade sechs Jahre alt, aber das war auch gut so.
ZEIT ONLINE: Als deine Eltern die Diagnose im Film mitgeteilt bekommen, wirken sie sehr betroffen.
Mirco: Ich bin sehr froh, dass die Szene gleich am Anfang kommt und schnell vorbei ist. Es braucht sie für den Film, und im Vergleich mit anderen Diagnoseszenen, die mal angedacht waren, ist sie gut, so wie sie ist. Aber sie ist ein Mix aus mehreren Situationen, die wir selbst auf der Suche nach der Diagnose erlebt haben. Da ging es für uns als Eltern sehr barsch und ruppig zu. Das hätte man auch zeigen können.
ZEIT ONLINE: Fatime, deine Frau, sieht man im Film fast nur zu Hause, sie übernimmt am Anfang die meisten Aufgaben. Ist ihr Einsatz damit hinreichend gewürdigt?
Mirco: Ich war nach unserem ersten Buch schon nicht glücklich, dass sie nur ein Kapitel bekommen hat. Deshalb war es mir enorm wichtig, dass meine Frau als die starke Person gezeigt wird, die sie ist. Aylin Tezel, die Fatime spielt, wollte länger mit ihr telefonieren, um ihre Rolle besser zu verstehen. Also hat Fatime erzählt. Wie sie jeden Tag mit Jason aus dem Haus ist, um die 300 Meter zur Bushaltestelle zu laufen. Eine dreiviertel Stunde, bevor der Schulbus kam. Nur, damit er der Erste dort ist, weil er sonst tobt. Oder wie sie zum einhundertsechsundzwanzigsten Mal die DVD von der Zugfahrt zwischen Gütersloh und Hamm, aufgenommen aus dem Zugführerstand, mit ihm geguckt hat. Es war seine Lieblings-DVD und alleine wollte er sie eben nicht gucken.
Jason: Es ist aber auch eine schöne Strecke.
(…)
ZEIT ONLINE: Ist es ein Aufklärungsfilm über Autismus geworden?
Jason: Die Kriterien dafür erfüllt er nicht ganz. Nur in der ersten Szene wird medizinisch über Autismus gesprochen, danach geht es um unsere Geschichte. Und die hat vielleicht automatisch eine gewisse aufklärende Funktion. Ich mag es zum Beispiel, dass es dem Film gelingt, bei den Problemen zu Hause keinen rein defizitären Blick auf Autismus zu haben. Sondern dass er auch meine Stärken zeigt und mich als Persönlichkeit darstellt, ohne die mich behindernden Aspekte zu vergessen.
ZEIT ONLINE: Also ist nicht Autismus das Problem, sondern der Umgang der Menschen damit.
Jason: Autismus ist nicht heilbar, heißt es immer. Stimmt, das ist es auf keinen Fall. Aber unsere Geschichte stellt ja die Frage, die wir zu selten stellen: Wieso sollte man Autismus eigentlich heilen? Ich finde, wir zeigen ganz gut und ohne es explizit zu sagen, dass man das nicht muss und Autismus keine Störung ist.
(…)
ZEIT ONLINE: Im Film sagt deine Mutter am Bahngleis: « Habt ihr alles? », woraufhin du sagst: « Natürlich nicht, man kann nie alles haben. » Antwortest du da mittlerweile anders?
Jason: Wenn ich eine Frage zum ersten Mal höre, dann beantworte ich sie logisch. Also nein, wir haben nicht alles. Wenn ich die Frage schon mal gestellt bekommen habe, dann weiß ich, wie sie gemeint ist, auch wenn sie unsinnig ist. Dann erledige ich die Aufgabe, die eigentlich mein Gesprächspartner übernehmen sollte, nämlich die Frage anständig zu stellen: Habt ihr alles, was ihr benötigt? Oder wenn jemand eben einen Clown gefrühstückt hat oder seinen Verein in die Wiege gelegt bekommen hat. Ich weiß mittlerweile, was damit gemeint ist und dann lerne ich das auswendig. Bei bestimmten Floskeln weigere ich mich aber weiterhin, sie praktisch zu entkernen. « Wie geht es dir? » beantworte ich immer noch exakt so, wie die Frage zu beantworten ist.
ZEIT ONLINE: Man sieht euch im Film immer wieder streiten. Etwa, wenn sich im Zug Nudeln mit Soße vermischen, obwohl es anders bestellt war, weil es gegen deine Regeln verstößt. Haben sich eure Streits durch das gemeinsame Reisen verändert?
Jason: Selbst die heftigsten Ausraster wurden für den Film abgemildert. Wahrscheinlich, weil man mit mir irgendwie noch sympathisieren muss. Und weil der Film FSK 16 sein soll. Und unsere Streits werden relativ asymmetrisch dargestellt. Es ist nicht so, dass einer den anderen komplett demütigt und der andere lässt es über sich ergehen. So läuft das nie ab. Häufig ist es eine beidseitige Sache, über Minuten und Stunden. Die Frequenz hat sich jedenfalls nicht geändert. Und noch immer ist es manchmal komplett enthemmt. Das einzige, worauf ich achte, ist, dass ich keine diskriminierenden Schimpfwörter verwende. Ansonsten ist alles dabei. Bei Papsi aber auch. Zum Glück findet das oft im Ausland statt. Mittlerweile nehmen wir uns manches weniger zu Herzen, weil wir beide gelernt haben zu verstehen, wann der andere einen schlechten Tag hat.
ZEIT ONLINE: Das setzt Empathie voraus. Fällt dir empathisch sein mittlerweile leichter?
Jason: Ich lerne dazu, aber das Wissen darüber, was bestimmte Gesichtsausdrücke bedeuten und was bestimmte Aussagen meinen, das scheint vielen angeboren zu sein. Mir nicht. Ich werde in meinem ganzen Leben nie anhand des Gesichtsausdrucks deuten können, wenn jemand mir etwas sagen will, was ich vorher noch nie gehört habe. Ich verstehe nicht, wie das funktionieren soll. Alle können das anscheinend, aber für mich hat das fast schon etwas Mystisches.
ZEIT ONLINE: Du hast gesagt, du erzählst deine Geschichte gerne, weil du stolz auf sie bist. Was ist Stolz für dich?
Jason: Ich stehe dem kritisch gegenüber. Wenn man die ganze Welt betrachtet, gibt es wahrscheinlich eher zu viel Stolz und zu wenig Demut. Bei mir überwiegt immer der Blickwinkel auf das, was noch getan werden muss und die Relation zwischen dem, was ich geschafft habe und was ich eigentlich schaffen müsste. Damit werde ich aber mein ganzes Leben lang nicht zufrieden sein. Also versuche ich das große Ganze im Blick zu behalten, erinnere mich aber nebenbei ab und zu mal daran, dass es nicht nichts ist, wenn 1.000 Menschen durch uns Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten haben. Das ist schon richtig, um nicht komplett zu verzweifeln, aber es ist nicht meine primäre Denkweise. Es geht immer um das, was noch geschafft werden muss. Deshalb ist Stolz ein recht seltenes Gefühl, aber dass es in bestimmten Situationen etwas Positives sein kann, das habe ich mittlerweile gelernt.
ZEIT ONLINE: Dass du deinen Verein vielleicht nie finden wirst, macht dich das nicht manchmal rasend?
Jason: Das ist tatsächlich unüblich. Wenn es eine Aufgabe gibt, wäre ich eigentlich ziemlich nervös, wenn ich sie nach zwölf Jahren noch nicht erfüllt habe. Es ist eine Ausnahme, weil ich sehr gut damit leben könnte, wenn wir den Verein nie finden. Dann suchen wir eben immer weiter. Und immer weiter zu suchen, das macht mich auch glücklich.
ZEIT ONLINE: Neben dem Versprechen, solange zu suchen, bis du deinen Lieblingsverein gefunden hast. Was hat dein Vater denn noch versprochen?
Jason: Da ist zunächst das schöne Anschlussversprechen, dass, wenn wir meinen Verein gefunden haben, eine Saison lang alle Heim- und Auswärtsspiele des Clubs und das Trainingslager besuchen müssen.
Mirco: Da hatte ich relativ explizit meinen Lieblingsverein, Fortuna Düsseldorf, im Sinn und dachte, Jason hat Angst davor, dass die Suche und damit unsere Reise endet.
Jason: Diese Versprechen …
Mirco: Ja?
Jason: Unter meinen Bedingungen war mir schnell klar, dass das Versprechen « Wir gucken uns alle Vereine an, bis du einen Lieblingsverein gefunden hast » zu einer Lebensaufgabe werden würde. Ich war überrascht, wie einfach ich das von dir bekommen habe. Heute bist du zwar schlauer, aber es fehlt noch die Fahrt mit dem Shinkansen-Zug in Japan. Anreisen dürfen wir wegen der Klimavereinbarungen nur per Zug. Und einmal warst du auch noch richtig voreilig und unvorsichtig.
Mirco: Nein, nicht unvorsichtig.
Jason: Definitiv warst du das. Du hast versprochen, dass wir die Welt verbessern.
Mirco: Es war der einzige Ausweg, weil es dir richtig beschissen ging.
und wie sie berechtigt ist…
ebenso wie meiner Meinung nach die Einschätzung von Aya Cissoko, hier im Interview mit Jonathan Fischer. MEHR von diesem Freelancer-Journalisten im Mali-Blog. Er spricht mir oft aus der Seele, besonders wenn er aus Mali schreibt – er hält sich öfter in Bamako auf.
Die Schriftstellerin Aya Cissoko über strukturellen Rassismus, verweigerte Würde und die Ursachen der aktuellen Ausschreitungen in ihrem Heimatland Frankreich
Aya Cissoko wurde1978 in Frankreich als Tochter malischer Arbeitsmigranten geboren. Sie studierte Politikwissenschaft und wurde 2006 Amateur-Boxweltmeisterin. Als Autorin befasst sie sich seit langem mit dem Spannungsfeld, in dem die Kinder von Migrantenfamilien in Frankreich aufwachsen. Ihr erstes 2011 veröffenlichtes Buch „Danbé“ wurde unter dem Titel „Wohin ich gehe“ verfilmt. 2017 erschien ihr zweites Buch „Ma“. Ebenfalls im Wunderhorn-Verlag veröffentlichte sie 2023 ihre Familiengeschichte „Kein Kind von Nichts und Niemand“. Cissoko lebt und arbeitet in Paris.
Seit letzte Woche bei einer Verkehrskontrolle im Pariser Vorort Nanterre ein Polizist den 17-jährigen Nahel Merzouk erschoss, wird Frankreich von gewalttätigen Unruhen erschüttert. Autos brennen, Geschäfte werden zertrümmert, die Polizei liefert sich Straßenschlachten mit Jugendlichen. Sind Sie überrascht von diesem Ausbruch der Gewalt?
Nein, kein bisschen. Viele haben schon lange davor gewarnt und ich selbst…
Mali zwischen Vielfachkrise und Aufbruch: Eine Superreportage zur Situation der Menschen in Mali über das Gespräch mit der berühmten und beliebten Sängerin, Diva, Unternehmerin, engagierten Bürgerin OUMOU SANGARÉ. Jonathan Fischer, manchmal in Bamako ansässig, hat schon viele Geschichten aus Mali geschrieben, die Ihr auch in den MALI-INFORMATIONEN finden könnt, und es freut mich, dass sein aktueller Artikel am 24.03.23 auch in der WELT erschienen ist, unter dem Titel: Warum die Mehrheit in Mali hinter der russlandfreundlichen Militärjunta steht. Zugunsten einer weiteren Verbreitung, gegen das hiesige Narrativ vom « failed state » und gegen den Vorwurf an die Malier, dass sie ihre Verbündeten selbst bestimmen. Souveränität ist das, was ihnen heute in der Politik am wichtigsten ist.
Foto (c) Jonathan Fischer: Oumou Sangaré in ihrem Haus in einem Außenbezirk Bamakos
Weltstars wie Beyoncé vergöttern sie, in Mali ist die Sängerin Oumou Sangaré eine Volksheldin. Im Gespräch erklärt sie, wie ihre Heimat zum Krisenherd wurde und wer das Land ruinierte.
Maison de Oumou Sangaré » – das hatte dem Taxifahrer als Zielangabe gereicht. Wer in Bamako Songs wie « Diaraby Néné » mitsingen kann, und das sind vom Greis bis zum Kind praktisch alle, der weiß auch, wo die Grande Dame des malischen Pop wohnt. Von der großen Teerstraße am östlichen Ufer des Niger, zweigt an einer Tankstelle – « le station d’Oumou » erklärt der Taxifahrer ehrfürchtig – ein Feldweg ab. Er führt durch Felder und Gemüsegärten, vorbei an halbfertigen Luxus-Rohbauten zu einer etwas abgerockten Villa.
« Oumou Sangaré – Diva » lautet das Kennzeichen des in der Einfahrt parkenden Jeeps. Der Rest wirkt wie ländliches Mali: Ein paar Esel weiden auf dem Nachbargrundstück. Und gleich am Eingangstor recken zwei weiße Pferde und ein Kamel dem Besucher ihre Hälse entgegen. In Mali gelten sie als Glücksbringer. Und Beschützer des Hauses gegen neidische und böse Gedanken. …
Weltstars wie Beyoncé vergöttern sie, in Mali ist die Sängerin Oumou Sangaré eine Volksheldin. Im Gespräch erklärt sie, wie ihre Heimat zum Krisenherd wurde und wer das Land ruinierte
Maison de Oumou Sangaré » – das hatte dem Taxifahrer als Zielangabe gereicht. Wer in Bamako Songs wie « Diaraby Néné » mitsingen kann, und das sind vom Greis bis zum Kind praktisch alle, der weiß auch, wo die Grande Dame des malischen Pop wohnt. Von der großen Teerstraße am östlichen Ufer des Niger, zweigt an einer Tankstelle – « le station d’Oumou » erklärt der Taxifahrer ehrfürchtig – ein Feldweg ab. Er führt durch Felder und Gemüsegärten, vorbei an halbfertigen Luxus-Rohbauten zu einer etwas abgerockten Villa.
« Oumou Sangaré – Diva » lautet das Kennzeichen des in der Einfahrt parkenden Jeeps. Der Rest wirkt wie ländliches Mali: Ein paar Esel weiden auf dem Nachbargrundstück. Und gleich am Eingangstor recken zwei weiße Pferde und ein Kamel dem Besucher…
3. Massenprotest in Tunis nach Verhaftungswelle Deutsche Welle – 04.03.2023
Tausende Menschen fordern « Freiheit » für Tunesien. Sie wenden sich gegen Präsident Saied, der die Gewaltenteilung aushöhlt und seine Gegner. verfolgen lässt.
Foto (c) Fethi Belaid/AFP: Die Kundgebung im Zentrum der Hauptstadt Tunis wurde vom Gewerkschaftsverband UGTT organisiert
„Wenn ihr wollt, dass euer Leiden aufhört, müsst ihr handeln“
Foto (c) SZ/ Sebastian Gollnow: Im Oktober 2021 nahm Tsitsi Dangarembga den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main entgegen.
INHALT: 1. Tsitsi Dangarembga: « Überleben »: Eine Antiheldin, zu allem bereit Süddeutsche Zeitung/buecher.de – 29. November 2021 2. Gespräch mit Tsitsi Dangarembga « Ich lasse mich nicht vertreiben » SZ – 23. Juni 2022 3. „Handeln kommt aus der Hoffnung“ taz – 23.10.2021 4. »Ich bin, weil du bist, und weil du bist, bin ich auch« Ein Debattenbeitrag von Tsitsi Dangarembga Spiegel – 09.07.2022 5. Haftbefehl gegen Tsitsi Dangarembga erlassen Deutsche Welle – 27.06.2022 6. Autorin Tsitsi Dangarembga schuldig gesprochen Deutsche Welle – 29.09.2022
1. Tsitsi Dangarembga: « Überleben »: Eine Antiheldin, zu allem bereit Süddeutsche Zeitung/buecher.de – 29. November 2021 Von Miryam Schellbach Die Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga erzählt in ihrer Romantriologie von einer postkolonialen Nation und ihren Involvierten, Mittätern und Schuldigen – mit Momenten von moralischer Offenheit und schmerzhaftem Sozialrealismus. Die Schmerzensreiche Als Tsitsi Dangarembga in der Frankfurter Paulskirche ans Podium trat, um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegenzunehmen, sagte sie, Simbabwe, der Staat, aus dem sie komme, habe niemals Frieden gekannt. Lire la suite →
Kult-Kneipe muss schließen Greif-Guerillas enttäuscht von der Stadt: „Ein bitteres Signal“ RN – 10.11.2022 um 17:00
Von Kristina Gerstenmaier (Freie Mitarbeiterin)
Foto (c) Sylvia vom Hofe: Leonie Schulte ist die Sprecherin der Greif-Guerillas. Sie kämpf(t)en gemeinsam für einen Erhalt der Kultkneipe.
Kultkneipe Greif in Lünen schließt trotz Welle der Sympathie
Wirt: „Das war mein Lebenswerk“ RN – 09.11.2022 20:12 Uhr
Von Sylvia vom Hofe, Stv. Redaktionsleiterin
Foto (c) RN/Werner Arndt; Marc Fröhling (Archiv) : Bob Michaels, der Chef vom Greif in Lünen-Wethmar, hat eine Entscheidung getroffen, die ihm schwer fällt. Er schließt die Kultkneipe.
Greif in Lünen: Geplanter Verkauf sorgt für Emotionen und ein Missverständnis RN – 31.08.2022 15:30
Von Sylvia vom Hofe
Foto (c) Daniel Magalski: Bob Michaels, Wirt des zum Verkauf stehenden GREIF in Lünen-Wethmar, macht zusammen mit seinem Team bis zum 27. September Pause.
Foto (c) Karsten Wickern: In Dortmund wurden am Samstag (24.9.) bei Demonstrationen mehrere Kopftücher verbrannt. Es ist ein Zeichen, um sich mit der getöteten Mahsa „Jina“ Amini zu solidarisieren.
Frauen verbrennen ihre Kopftücher mitten in Dortmund RuhrNachrichten – 24.09.2022 Hunderte Menschen haben am Samstag vor dem Dortmunder Hauptbahnhof demonstriert. Ihre Wut richtete sich gegen die Gewalt gegen Frauen im Iran. Dabei griffen sie zu einem ungewöhnlichen Mittel. von Robin Albers, Karsten Wickern Immer wieder schallt die Parole „Jin, Jiyan, Azadî!“ über den Vorplatz an der Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofes. Sie stammt aus dem Kurdischen und bedeutet „Frauen, Leben, Freiheit“. Hunderte Dortmunderinnen und Dortmunder rufen sie am Samstag (24.9.) bei einer Demonstration vor dem Cinestar. Genauso wie tausende Demonstrierende seit dem 16. September im Iran und in Kurdistan. An diesem Tag starb die 22-jährige Mahsa „Jina“ Amini. Sie wurde drei Tage zuvor in Teheran von der iranischen Sittenpolizei festgenommen, da sie angeblich ihren Hijab, ihr Kopftuch, nicht richtig getragen habe: Ihre Haare seien zu sehen gewesen. Amini überlebte ihre Verhaftung nicht. Ihr Tod führte zu starken Protesten gegen die iranische Regierung, die Sittenpolizei und die strenge islamische Kleiderordnung. Frauen schneiden sich unter anderem die Haare ab oder verbrennen ihr Hijab. Bei den Protesten im Iran und in Kurdistan sind bislang dutzende Menschen gestorben. Freiheit für Frauen gefordert Die Demonstration in Dortmund begann um kurz nach 13 Uhr mit einer Schweigeminute für die 22-jährige Amini. Überwiegend Menschen, die augenscheinlich einen muslimischen Hintergrund haben könnten, nahmen teil, vorwiegend aber Frauen aus jeder Altersgruppe. Viele von ihnen hatten lilafarbene Flaggen der „Kurdischen Frauenbewegung in Europa“ (TJK-E) dabei. Laut Polizei waren in der Spitze 280 Menschen vor Ort.
Foto (c) Robin Albers: Viele Menschen versammelten sich bereits am Vormittag am Nordausgang, um gegen die politische Gewalt an Frauen im Iran zu demonstrieren.
Am frühen Abend fand am gleichen Ort eine weitere, ähnliche Demonstration statt. Bei der wurde überwiegend Persisch gesprochen – das spricht ein Großteil der Menschen im Iran. An der nahmen laut Polizei mehr Menschen teil, als am Vormittag – 450 Teilnehmende hätten die Beamten gezählt. Viele seien einfach nach der ersten Versammlung am Cinestar geblieben und hätten sich der Demonstration angeschlossen, die um 17 Uhr begann.
Foto (c) Karsten Wickern: Rund 450 Menschen nahmen bei der Demonstration am frühen Abend teil.
Brennende Hijabs als Zeichen der Solidarität Genauso wie die Proteste im Iran kritisierten die Menschen in Dortmund in Redebeiträgen immer wieder das Mullah-Regime und den Tod von Mahsa Amini sowie die Gewalt gegen Frauen und die Demonstrierenden. Sie fordern Freiheit für iranische Frauen. Die Stimmung war jeweils durchaus wütend, wenn auch friedlich.
Wer hat Angst vor dem freien Kopf? Im Iran protestieren Frauen gegen die Zwangsverschleierung als Unterdrückungswerkzeug. Die Linke sollte nicht zögern, ihr Anliegen zu unterstützen. taz – 23.09.2022 Von Fatma Aydemir Was Frau auf dem Kopf trägt oder nicht trägt, sagt wenig darüber aus, was in ihrem Kopf vor sich geht. Es gibt Frauen, die verhüllen sich aus religiösen Gründen, und es gibt Frauen, die es aus sozialem Druck und Konventionen tun. Manche Frauen sehen in ihrem Kopftuch ein Zeichen der Selbstbestimmung, manche tragen es, um sich zu schützen. Ich kenne Frauen in Deutschland, die Jobs verloren, weil sie sich für das Kopftuch entschieden haben. Es gibt Frauen in der Türkei, die geächtet werden, wenn sie ihr Kopftuch abnehmen.
All diese Bedeutungen und Positionen zum Kopftuch existieren, es gibt noch unzählige mehr. Und wir können diese Vielfalt von Bedeutungen anerkennen und trotzdem feststellen: Die gesetzliche Zwangsverschleierung im Iran ist ein totalitäres Werkzeug der Unterdrückung. Und zwar nur eines von vielen. Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Zhina Amini vergangene Woche brennen Kopftücher auf den Straßen in Iran. Und dieser Anblick sollte unabhängig von den vielen anderen Bedeutungen dieses Stoffes als das wahrgenommen werden, was es in diesem Kontext ist: ein Akt des feministischen Widerstandes. Amini wurde von der sogenannten Religionspolizei festgenommen und gefoltert, weil sie ihr Kopftuch nicht „ordnungsgemäß“ trug. Möglicherweise waren einige Haarsträhnen zu sehen. Nach drei Tagen im Koma starb die junge Frau, höchstwahrscheinlich an den Folgen ihrer Misshandlung.
Täglich protestieren seitdem Frauen und Männer im Iran gegen das Mullah-Regime, wohl wissend dass sie dafür verhaftet und im schlimmsten Fall mit dem Leben bezahlen werden. Neben dem großen Aufstand in der Hauptstadt Teheran, kommt es vor allem in den kurdischen Städten im Westen seit gut einer Woche zu unzähligen Protesten, die von der Polizei brutal niedergeschlagen und auch -geschossen werden. Laut der Menschenrechtsorganisation Hengaw sind allein in Kurdistan bis Donnerstag mindestens acht Protestierende von iranischen Sicherheitskräften getötet worden, darunter zwei Teenager im Alter von 15 und 16 Jahren. Die Regierung legte gleichzeitig das Internet lahm und sperrte das letzte in Iran frei zugängliche soziale Netzwerk Instagram, um die Bevölkerung von der Außenwelt sowie untereinander zu isolieren. Die Menschen gehen dennoch weiter auf die Straße.
Linke müssen dem Aufstand beistehen
Die 22-jährige Amini selbst, die am 13. September in Teheran festgenommen wurde, war gerade zu Besuch bei Verwandten. Eigentlich stammte sie aus der kurdischen Stadt Saqqez und trug den kurdischen Namen Zhina. Auf dem Papier hieß sie Mahsa, da iranische Behörden kurdische Namen nicht anerkennen. Auch das ist ein Werkzeug der staatlichen Unterdrückung, bekannt auch aus der Türkei.
Aus der Vergangenheit sollten wir wissen, wie brutal die Islamische Republik Proteste niederschlägt und so ist es existenziell, dass wir uns mit diesem Volksaufstand solidarisieren, dass wir ihn nicht in Vergessenheit geraten lassen, und zwar gerade als Linke. Denn ja, es macht einen Unterschied, ob ein Kopftuch in den Straßen Dresdens brennt oder in Kurdistan. Es macht einen Unterschied, ob Rechte diesen Aufstand instrumentalisieren oder Linke ihm beistehen und Gehör verschaffen.