Elfenbeinküste

Unglaublich, was dort zur Zeit passiert! Unter den vielen Veröffentlichungen im Netz sind mir besonders die offenen Briefe von Venance Konan, einem ivorischen Schriftsteller, aufgefallen.

Einer wurde schon vom Afrika-Korrespondenten der taz übersetzt. Der zweite ist noch auf französisch.
Andreas, ich war lange nicht mehr hier, hast Du das schon erledigt?

taz 22.12.2010

Die Nacht der Hyänen

Wie kann es sein, dass einstige Kämpfer für Demokratie heute die Diktatur Laurent Gbagbos unterstützen? Ein Brandbrief eines ivorischen Intellektuellen an Gbagbos Sprecherin Jacqueline Oble. VON VENANCE KONAN

Trat als unabhängige Kandidatin an, jetzt ist sie Gbagbos Sprecherin: Jacqueline Lohoues Oble. Foto: reuters
Die Nacht ist gefallen. Und ich höre das fiese Gelächter der Hyänen, übelriechend, herumstreunend, die Zähne gebleckt, auf der Suche nach Aas.
Die Nacht ist über die Elfenbeinküste gefallen. Laurent Gbagbo hat seine liberianischen und angolanischen Killer von der Leine gelassen. Nichts zieht sie so an wie der Geruch von Blut und das Versprechen von Beute, von Vergewaltigung, von Plünderung. Und ich höre seine Wachhunde, wie sie gegen die gesamte Welt bellen und alle verdammen, die nicht auf ihrer Seite stehen. « Gott ist mit uns », stoßen sie hervor. Gott? Oder der Teufel?
Die Nacht ist über unsere Elfenbeinküste gefallen. Die Nacht der langen Messer? Oder die Nacht des befreienden Opfers? Die Hyänen streunen herum. Aber die Jäger sind auf der Pirsch. Hören sie sie kommen? Es kümmert sie nicht. Sie brauchen Aas. Sie wissen, dass Menschen gefallen sind. Zu feige, um sich lebende Ziele zu suchen, bevorzugen sie Leichen. Zu beschäftigt mit dem Zerreißen des Fleisches, dem Zerknacken der Knochen, hören sie nicht, wie die Jäger sich nähern.
Laurent Gbagbo hat seine Milizen und Söldner von der Leine gelassen. Hörst du sie nicht, Jacqueline? Jacqueline Lohoues Oble, hörst du nicht die Schüsse, die durch unsere Nächte peitschen, das Wimmern der verwundeten Körper, die sich auf der Erde wälzen, das hysterische Schreien der Mütter, die ihre toten Kinder beweinen? Nein, Jacqueline, du bist Laurent Gbagbos Sprecherin, aber du hast nichts gehört. Du hast nichts gesehen. Die jungen Leute, die in Abobo und Adjamé getötet wurden, die in Bassam von der Polizei verschleppt wurden; die Frauen aus dieser Stadt, von der Soldateska verprügelt und nackt ausgezogen. Jacqueline, welchen Pakt hast du mit Laurent Gbagbo besiegelt, um auf diese kranke Rolle reduziert zu werden?
Du warst die erste Juraprofessorin in ganz Afrika südlich der Sahara, Jacqueline. Du warst die Doyenne der juristischen Fakultät von Abidjan. Du warst Justizministerin zu den Zeiten von Houphouet-Boigny. Nun lässt du dich herab, in eine Phantomregierung einzutreten, gemeinsam mit einem Blé Goudé, der sein Diplom erschwindelt hat und von der UNO wegen Mordes und Vergewaltigung mit Sanktionen belegt wurde?

Vénance Konan, geb. 1958, ist Journalist und Schriftsteller aus der Elfenbeinküste. 2003 veröffentlichte er den Bestsellerroman « Les prisonniers de la haine ». Im Januar 2011 veröffentlicht er im Verlag Marcel Favre (Schweiz) sein neues Buch « Chroniques afro-sarcastiques: 50 ans d’indépendance, tu parles! » Foto: privat
Was ist mit dir passiert, Jacqueline? Sag mir bloß nicht, dass du Laurent Gbagbo bewunderst. Laurent Gbagbo, der Prahlerei zur Staatskunst erhoben hat, der seine Studentengewerkschaftler das Schulsystem hat zerstören lassen, der auf Demonstrationen der Bevölkerung immer mit scharfer Munition antwortet, der die Korruption Besitz von der gesamten Gesellschaft hat ergreifen lassen. Nein, Jacqueline, sag mir bloß nicht, du seist stolz darauf, was Laurent Gbagbo aus unserem Land gemacht hat!
Wir haben dich einst bewundert, zum Beispiel als du 1998 von deinem Mandat in der Nationalversammlung zurücktratest, oder als du zur Präsidentschaftswahl kandidiertest. Wir haben dich unterstützt, als die alten rückschrittlichen Machos aus deiner Heimat dir sagten, die Präsidentschaft sei nichts für eine Frau. Wir waren von deinen Reden begeistert. Und nun redest du für den Totengräber der Demokratie? Jacqueline!
Du bist Juristin. Du sagst, das Verfassungsgericht habe das letzte Wort bei unseren Wahlen, und da er Laurent Gbagbo zum Wahlsieger erklärt hat, muß man ihn als solchen anerkennen. Aber wenn das Verfassungsgericht das letzte Wort hat, dann um Recht zu sprechen, nicht um es zu beugen. Was sagst du denn zu Artikel 64 des ivorischen Wahlgesetzes, wonach im Falle der Feststellung schwerer Unregelmäßigkeiten, die die Regelmäßigkeit des Wahlgangs beeinflussen und das Gesamtergebnis in Frage stellen, die Wahl annulliert werden muss und die Regierung auf Vorschlag der Wahlkommission einen neuen Wahltermin innerhalb von 45 Tagen ansetzen muss?
Wenn Verfassungsgerichtspräsident Yao-Ndré, wie er behauptet, schwere Unregelmäßigkeiten in sieben Departements feststellt, und dass diese das Gesamtergebnis verfälscht hätten, warum hat er nicht das Recht angewandt und die Wahl insgesamt annulliert, wie es das Gesetz vorschreibt? Und warum hat Gbagbo akzeptiert, dass die Wahl in letzter Instanz von der UNO gebilligt werden muss, wenn ihm das Wort Yao-Ndrés genügt?
Wieso duldest du diese Schmierenkomödie, Jacqueline? Um einen Ministerposten in einer Regierung zu ergattern, die die Mehrheit der Ivorer ablehnt, die im Ausland niemand anerkennt, die die Presse knebelt, die liberianische und angolanische Söldner ins Land holt, um jeden Tag und jede Nacht Ivorer zu töten und unsere Frauen zu vergewaltigen? Du, Jacqueline, bittest nun die UNO und die Franzosen, ihre Truppen abzuziehen, um die Bevölkerung schutzlos den Zähnen der Hyänen zu überlassen. Und du wirst wahrscheinlich die Hymne der gebeutelten Souveränität und des internationalen Komplotts gegen dein Land ertönen lassen. Was für eine Schande!
Du siehst nicht, dass die Nacht über die Elfenbeinküste gefallen ist. Du siehst nicht, dass man dabei ist, die Demokratie zu töten, und dass sie um Hilfe ruft. Du siehst nicht, dass in unserem Land die schlimmste aller Diktaturen im Begriff ist, sich zu installieren. Kannst du wirklich ruhig schlafen? Nein, ich glaube das nicht. Man zwingt dich zu singen, Jacqueline. Sag es uns. Sag uns, dass du es nicht freiwillig machst. Gib bitte nicht jenen recht, die sagen, Afrikas Unglück seien seine Intellektuellen, die das Füllen ihres eigenen Bauchs über die Interessen ihrer Länder stellen. Es ist noch Zeit, dass du dich eines Besseren besinnst und dich den Kämpfern für Demokratie anschließt.
Denn der Tag wird kommen, das weißt du. Die gefräßigen Hyänen, denen das Blut von den Zähnen tropft, verstecken sich vor dem Tageslicht. Werden sie dafür Zeit haben? Ich bezweifle es. Sie hören nicht, wie die Jäger kommen, während sie sich ihrem Festschmaus hingeben. Die Jäger des Internationalen Strafgerichtshofs werden die stinkenden Hyänen bis in ihre dreckigen Höhlen verfolgen. Du weißt das, Jacqueline. Du bist Juristin. Wo wirst du sein, wenn die Jäger kommen? – (Übersetzt von Dominic Johnson)

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