Nachrichten von der Karawane BAMAKO -DAKAR

die tageszeitung von heute

* 05.02.2011

Der Zug der Armen

2.000 Kilometer zieht eine Karawane von Abgeschobenen, Flüchtlingen, Bauern und Landlosen durch Westafrika zum Weltsozialforum. Die taz ist dabei

VON CHRISTIAN JAKOB

Bamako, 24. Januar

Das Experiment beginnt auf einer staubigen Brache. Normalerweise gehört die Fläche in dem ärmlichen Außenbezirk von Malis Hauptstadt Bamako trainierenden Fußballern. Doch heute hat hier die Malische Vereinigung der Abgeschobenen (AME) einen Versammlungsort aufgebaut: Planen als Sonnenschutz, Bänke, aus Boxen tönt Reggae-Musik, in einer Hütte wird gekocht.
….
Bamako/Nioro, 26. Januar

Fünf Busse stehen am Morgen auf dem Platz bereit. Auf dem Boden türmen sich Schaumstoffmatten, Transparente, Taschen voller Flugblätter. Mit Rucksäcken bepackte Teilnehmer der Karawane treffen ein, Händler bieten ihnen Zahnbürsten, Sandalen und Telefonkarten an. Ein Bus stammt aus Deutschland: Ein Schild, das das hessische Dillenburg als Ziel ankündigt, hat noch niemand entfernt. Nach zwei Stunden ist alles verstaut.

Die Fahrt ins mauretanische Grenzgebiet führt vorbei an Affenbrotbäumen, Ziegenherden und vertrockneten Maispflanzen. In Nioro hat die AME-Ortsgruppe einen großen Empfang in einem leeren Schulgebäude organisiert. Auf winzigen Grills im Garten wird Tee in Metallkannen gekocht und in kleinen Gläsern gereicht.

Nioro, 27. Januar

Am Morgen beginnt ein symbolischer Trauermarsch, eine 15 Meter lange Liste wird durch die kleine Stadt getragen. Sie trägt die Namen von über 14.000 Menschen, die an Europas Außengrenzen starben. « Wir wollen an die Opfer der Festung Europa erinnern », sagt ein Sprecher der Sans-Papiers, der sich « Minister für Legalisierung » nennt.

Die Aktivisten legen die Liste vor der Präfektur auf der Straße nieder. Roter Staub weht darauf, Kinder knien hin und wischen ihn weg. Tuareg in blauen Gewändern stehen an der Seite und schauen zu, der Papierlosen-Minister bittet um eine Schweigeminute. Eine ältere Frau drängelt sich nach vorn, greift nach dem Mikrofon. Ihre Kinder sind im Exil, aber sie weiß nicht, wo, und hat Angst um sie. Aus praktisch jeder Familie in Nioro gehen Söhne auf der Suche nach Arbeit ins Ausland. « Wenn ihr hier seid, um die Migranten zu verteidigen, dann grüße ich euch », sagt die Frau.
« Mit unseren Forderungen rennen wir hier eigentlich offene Türen ein », sagt Hagen Kopp aus Hanau. Vor Jahren hat er das Netzwerk « Kein Mensch ist illegal » mitgegründet. « Die Frage ist nur, wie wir es schaffen, dass daraus ein gemeinsamer politischer Prozess wird. » Die Karawane mit ihren Flugblättern, Stelzenläufern und Fotografen komme ihm vor « wie ein Ufo » in der Wüste. Doch solange sich Europas Grenzen immer weiter nach außen verschieben, müsse eine antirassistische Bewegung dem « Grenzregime an seine Hotspots folgen », meint Kopp.

Gogui, 28. Januar

Gogui ist so ein Hotspot. Wer aus dem Bus tritt, den trifft der Wüstenwind wie ein Schwall heißes Wasser, der Sandsturm lässt nach wenigen Minuten die Augen brennen. An diesem winzigen Grenzort setzt die mauretanische Polizei die Flüchtlinge aus, die spanische Einheiten der EU-Grenzschutzagentur Frontex vor den Kanarischen Inseln abfangen. Das Gleiche tun die Algerier weiter östlich an ihrer Grenze zu Mali. Manchmal nimmt das Rote Kreuz sie in Empfang, manchmal auch nicht. Immer wieder sterben völlig dehydrierte Flüchtlinge.

In Gogui hat die EU ein Schild aufgestellt: « Stoppt die irreguläre Migration – sie gefährdet die malische Gesellschaft. » Vor dem einzigen einigermaßen intakten Haus hocken zwei Grenzpolizisten. Trotz der brüllenden Hitze tragen sie schwarze Wollmützen, vor ihrem Mund Schlafmasken, zum Schutz gegen den Sand. Außer ein paar Kindern sind sie fast die einzigen Zuschauer des sich langsam formierenden Demozugs der Karawane. Die will in Gogui « gegen all die Verbrechen an Flüchtlingen in der Wüste » protestieren. Ein französisches Anarchistenpärchen sprüht « Grenzen töten » an die Rückwand des Grenzhäuschens.

Die Polizisten führen ein Filmteam zu zwei völlig verfallenen Hütten, etwas abseits der Straße. Sie gleichen Ziegenställen, drinnen liegen ein paar vergessene Kleidungsstücke, weit und breit ist kein Wasseranschluss in Sicht. « Hier können sich die Flüchtlinge ausruhen, bevor sie weiterziehen », erklärt der Polizist.

weiterlesen:

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2011%2F02%2F05%2Fa0169&cHash=bfab81d211

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