ATHEN kommt nach KASSEL: Der PARTHENON DER verbotenen BÜCHER

documenta plant riesiges Gebäude aus 100.000 Büchern in Kassel
Hessisch/Niedersächsische Allgemeine HNA – 06.10.2016
Von Mark-Christian von Busse
Kassel. Es ist ein Aufsehen erregendes Projekt, das die documenta am Donnerstag bekannt geben wird.

Foto (c) documenta14: 1983 in Buenos Aires: Nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien errichtete Marta Minujín den „Partenón de Libros“. Er ist das Vorbild für den „Parthenon der Bücher“, der zur documenta 14 im Sommer 2017 als Replik des Athener Tempels auf dem Kasseler Friedrichsplatz aufgebaut wird.

Es schlägt eine Brücke zwischen den documenta-Standorten Kassel und Athen, nimmt aber genauso auf die Geschichte des Fridericianums und des Friedrichsplatzes Bezug: Die argentinische Künstlerin Marta Minujín wird 2017 eine Replik des bedeutendsten Bauwerks auf der Athener Akropolis in Kassel auf dem Friedrichsplatz errichten. Ihr Werk „The Parthenon of Books“ (Der Parthenon der Bücher) soll ein Zeichen gegen Zensur und die Verfolgung von Schriftstellern sein.
Ein Metallgerüst in den Ausmaßen des Parthenon (Grundfläche von 30,86 mal 69,51 Metern, Ed) soll mit bis zu 100.000 Büchern verkleidet werden, die in aller Welt gesammelt werden. Bei der Frankfurter Buchmesse soll das documenta-Projekt vorgestellt und um Buchspenden geworben werden. Erbeten werden Bücher, die nach Jahren des Verbots wieder verlegt werden, und Titel, die in einigen Ländern untersagt, in anderen aber verbreitet sind.
Minujíns „Parthenon der Bücher“ geht zurück auf ihre Installation mit dem Titel „El Partenón de libros“ 1983 in Buenos Aires. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur in Argentinien wurden damals genau jene Titel verwendet, die die Militärregierung verboten hatte: 25 000 Bücher stammten aus den Kellern, in denen sie nach ihrer Beschlagnahmung von den Militärbehörden gelagert worden waren. Nach fünf Ausstellungstagen kippten zwei Kräne das Gebäude leicht zur Seite, sodass man die Bücher mitnehmen konnte. Auch für das Ende der d14 ist eine Aktion geplant, um die Bücher wieder in Umlauf zu bringen. Sie werden in Folie eingeschweißt, bevor sie an den Metallrohren befestigt werden, um sie vor Nässe zu schützen.
Der Parthenon – der als eines der berühmtesten noch existierenden Baudenkmäler des antiken Griechenlands seit fast 2500 Jahren die Athener Akropolis beherrscht – ist der Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos. Minujín gilt er „als ästhetische und politische Urform einer Demokratie“, wie Kurator Pierre Bal-Blanc aus dem Team von documenta-Leiter Adam Szymczyk formuliert. 1983 habe sie auf das demokratische Ideal genau zu dem Zeitpunkt hinweisen wollen, als die Militärjunta zu Fall gebracht worden war.
Auch heute noch sind Zensur, die Verfolgung von Autoren und das Verbot ihrer Texte, weltweit verbreitet. Minujíns Installation verweist aber auch auf die Kasseler Geschichte. Ihr „Monument für die Demokratie und für die Erziehung durch Kunst“ – so Kurator Bal-Blanc – entsteht dort, wo am 19. Mai 1933 im Zuge der sogenannten „Aktion wider den undeutschen Geist“ rund 2000 Bücher verbrannt wurden. 1941 fing das Fridericianum – damals noch als Bibliothek genutzt – während eines Bombenangriffs der Alliierten Feuer: Ein Buchbestand von 350 000 Bänden ging verloren.
– Sammelstart in Kassel am 20. Oktober –
Nach der Frankfurter Buchmesse (19. – 23. Oktober) können Buchspenden per Post geschickt … oder persönlich abgegeben werden. … In Zusammenarbeit mit der Universität Kassel werden die Spenden gesichtet und katalogisiert. Im Verlauf des Projekts entsteht eine Liste verbotener Bücher, die auf der documenta- Website veröffentlicht wird. …
– Zur Person –
Marta Minujín, geboren 1943 in Buenos Aires, studierte bildende Kunst und Kunstpädagogik in Buenos Aires, ehe sie Anfang der 60er-Jahre nach Paris ging. Dort arbeitete sie an einer Serie von Plastiken aus umgestalteten, miteinander vernähten und in grellen Farben bemalten Matratzen. 1966 erhielt sie ein Guggenheim-Stipendium. Seither lebt und arbeitet sie in New York und in Buenos Aires.
Minujín arbeitet in vielseitigen Medien – von Happening und Performance-Kunst bis hin zu Installationen und Video. „Minujíns ,bewohnbare Skulpturen‘ entspringen der Geringschätzung und dem Misstrauen gegenüber dem sammelbaren Kunstobjekt“, teilt die documenta mit. Sie beschäftigte sich vielfach mit repressiven Regimes, darunter der Diktatur in ihrer argentinischen Heimat, sowie Büchern und ihrer Verfügbarkeit als Ausweis demokratischen Denkens und freier Rede. „Viele ihrer Aktionen arbeiten mit Momenten der Überraschung und Provokationen, bisweilen auch der Gewalt und Zerstörung“, so die documenta.
© 2016 hna.de

Athen ist in Kassel
HNA – 06.10.2016
Kommentar von Mark-Christian von Busse
In Athen hat schon das Veranstaltungsprogramm begonnen, in Kassel ist von der documenta 14 wenig zu spüren – insofern ist die Präsentation des gigantischen Parthenon-Projekts der Hinweis, dass es auch hier losgeht: Für alle, die dem documenta-Sommer 2017 entgegenfiebern, ein tolles Signal. Über den Erfolg der Installation der Argentinierin Marta Minujín sagt das allein natürlich noch nichts aus. Aber ihr Vorhaben, auf dem Friedrichsplatz einen Tempel verbotener Bücher zu errichten, ist eine bestechende Idee. Wo Walter de Maria seinen Erdkilometer in die Tiefe bohren, Beuys seine Basaltsteine abladen und Sanja Ivekovic ein Mohnfeld anlegen ließ, wird auch die nächste documenta ein markantes Zeichen setzen. Eines für Demokratie zumal, die in vielen Teilen der Welt eingeschränkt oder bedroht ist.     Der Parthenon entsteht, wo 1933 Bücher brannten, ruft also dunkle Stadtgeschichte in Erinnerung. Die Künstlerin holt ein Stück Athen nach Kassel, verklammert so die d14-Standorte, und fordert die Mitwirkung vieler. Das stiftet Gemeinsinn und ein Bewusstsein für die Meinungsfreiheit.
© 2016 hna.de

Über das letzte Werk der Künstlerin Marta Minujín:
Imágenes de ”La Menesunda” – Obra de la artista plástica argentina Marta Minujín
imprimirimagenes – 10.05.2016
Después de 50 años, la artista plástica argentina Marta Minujín, presenta nuevamente su obra maestra “La Menesunda” en el Museo de Arte Moderno de Buenos Aires. Marta Minujín se caracteriza por el arte efímero y provocativo. A continuación les dejamos algunas imágenes de la recreación de esta obra emblemática a la artista plástica.…Read more
und:
Marta Minujín – La MENESUNDA
MIT ALLEN SINNEN ERLEBEN

INSPIRED EXPERIENCE – Juni 2016
Buenos Aires, unser Ziel ist das Museo de Arte Moderno – das Museum für moderne Kunst. Wir wollen das berühmte Werk „La Menesunda“ von Marta Minujin in der Zusammenarbeit mit Rubén Santantonín anschauen, welches 1965 geschaffen wurde und nun ein halbes Jahrhundert später wieder einlädt einzutauchen.
Bewusst sind wir ohne vorherige Hintergrundrecherche losgezogen, um uns überraschen zu lassen. …Weiterlesen und anschauen

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