Debatte um #MeToo: Leïla Slimani antwortet Catherine Deneuve

Wird man als Schwein geboren?
Spiegel online – 13.01.2018 17:18
Ein Gastbeitrag von Leïla Slimani
Auf der Straße herumlaufen. Abends die Metro nehmen. Einen Minirock tragen, ein Dekolleté, High Heels. Allein mitten auf der Tanzfläche tanzen…. Nachts arbeiten. Mein Kind in der Öffentlichkeit stillen. Eine Gehaltserhöhung fordern. In all diesen banalen Alltagssituationen will ich das Recht haben, nicht belästigt zu werden. Das Recht, nicht einmal darüber nachzudenken.
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Tribune
«Un porc, tu nais ?»
Libération — 12 janvier 2018 à 09:27
Par Leïla Slimani, Ecrivaine, prix Goncourt 2016

Foto (c) Joël Saget/AFP: Leïla Slimani, en septembre 2016.

Marcher dans la rue. Prendre le métro le soir. Mettre une minijupe, un décolleté et de hauts talons. Danser seule au milieu de la piste. Me maquiller comme un camion volé. Prendre un taxi en étant un peu ivre. M’allonger dans l’herbe à moitié dénudée. Faire du stop. Monter dans un Noctambus. Voyager seule. Boire seule un verre en terrasse. Courir sur un chemin désert. Attendre sur un banc. Draguer un homme, changer d’avis et passer mon chemin. Me fondre dans la foule du RER. Travailler la nuit. Allaiter mon enfant en public. Réclamer une augmentation. Dans ces moments de la vie, quotidiens et banals, je réclame le droit de ne pas être importunée. Le droit de ne même pas y penser. Je revendique ma liberté à ce qu’on ne commente pas mon attitude, mes vêtements, ma démarche, la forme de mes fesses, la taille de mes seins. Je revendique mon droit à la tranquillité, à la solitude, le droit de m’avancer sans avoir peur. Je ne veux pas seulement d’une liberté intérieure. Je veux la liberté de vivre dehors, à l’air libre, dans un monde qui est aussi un peu à moi.

Je ne suis pas une petite chose fragile. Je ne réclame pas d’être protégée mais de faire valoir mes droits à la sécurité et au respect. Et les hommes ne sont pas, loin s’en faut, tous des porcs. Combien sont-ils, ces dernières semaines, à m’avoir éblouie, étonnée, ravie, par leur capacité à comprendre ce qui est en train de se jouer ? A m’avoir bouleversée par leur volonté de ne plus être complice, de changer le monde, de se libérer, eux aussi, de ces comportements ? Car au fond se cache, derrière cette soi-disant liberté d’importuner, une vision terriblement déterministe du masculin : «un porc, tu nais». Les hommes qui m’entourent rougissent et s’insurgent de ceux qui m’insultent. De ceux qui éjaculent sur mon manteau à huit heures du matin. Du patron qui me fait comprendre à quoi je devrais mon avancement. Du professeur qui échange une pipe contre un stage. Du passant qui me demande si «je baise» et finit par me traiter de «salope». Les hommes que je connais sont écœurés par cette vision rétrograde de la virilité. Mon fils sera, je l’espère, un homme libre. Libre, non pas d’importuner, mais libre de se définir autrement que comme un prédateur habité par des pulsions incontrôlables. Un homme qui sait séduire par les mille façons merveilleuses qu’ont les hommes de nous séduire.

Je ne suis pas une victime. Mais des millions de femmes le sont. C’est un fait et non un jugement moral ou une essentialisation des femmes. Et en moi, palpite la peur de toutes celles qui, dans les rues de milliers de villes du monde, marchent la tête baissée. Celles qu’on suit, qu’on harcèle, qu’on viole, qu’on insulte, qu’on traite comme des intruses dans les espaces publics. En moi résonne le cri de celles qui se terrent, qui ont honte, des parias qu’on jette à la rue parce qu’elles sont déshonorées. De celles qu’on cache sous de longs voiles noirs parce que leurs corps seraient une invitation à être importunée. Dans les rues du Caire, de New Delhi, de Lima, de Mossoul, de Kinshasa, de Casablanca, les femmes qui marchent s’inquiètent-elles de la disparition de la séduction et de la galanterie ? Ont-elles le droit, elles, de séduire, de choisir, d’importuner ?
J’espère qu’un jour ma fille marchera la nuit dans la rue, en minijupe et en décolleté, qu’elle fera seule le tour du monde, qu’elle prendra le métro à minuit sans avoir peur, sans même y penser. Le monde dans lequel elle vivra alors ne sera pas un monde puritain. Ce sera, j’en suis certaine, un monde plus juste, où l’espace de l’amour, de la jouissance, des jeux de la séduction ne seront que plus beaux et plus amples. A un point qu’on n’imagine même pas encore.
© 2018 liberation.fr

Leïla Slimani über Sexismus
Wird man als Schwein geboren?
Spiegel online – 13.01.2018 17:18
Ein Gastbeitrag von Leïla Slimani

Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichten 100 französische Frauen aus Kultur und Medien, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Autorin Catherine Millet, einen Gastbeitrag in der Zeitung « Le Monde », der sich konträr zur aktuellen #MeToo-Debatte stellte. Leïla Slimanis Text, am Donnerstag zunächst in der Zeitung « Libération » veröffentlicht, ist als Replik zu verstehen.

Auf der Straße herumlaufen. Abends die Metro nehmen. Einen Minirock tragen, ein Dekolleté, High Heels. Allein mitten auf der Tanzfläche tanzen. Fingerdick Schminke auftragen. Angeschickert ins Taxi steigen. Halbnackt im Gras liegen. Trampen. Mit dem Nachtbus fahren. Allein reisen. Allein auf einer Terrasse etwas trinken. Einen einsamen Weg entlangjoggen. Auf einer Bank warten. Einen Mann anbaggern, es mir anders überlegen und ihn stehenlassen. Mich unter die Menge in einer Pariser Vorortbahn mischen. Nachts arbeiten. Mein Kind in der Öffentlichkeit stillen. Eine Gehaltserhöhung fordern. In all diesen banalen Alltagssituationen will ich das Recht haben, nicht belästigt zu werden. Das Recht, nicht einmal darüber nachzudenken.
Ich fordere die Freiheit, dass man weder meine Haltung noch meine Kleidung, meinen Gang, die Form meines Hinterns oder die Größe meiner Brüste kommentiert. Ich beanspruche mein Recht, in Ruhe gelassen zu werden, allein sein zu dürfen, mich ohne Angst fortbewegen zu können. Ich will nicht nur eine innere Freiheit. Ich will die Freiheit, draußen zu leben, in der Öffentlichkeit, in einer Welt, die auch ein bisschen mir gehört.

Ich bin kein zerbrechliches kleines Ding. Ich möchte nicht beschützt werden, sondern mein Recht auf Respekt und Sicherheit geltend machen. Und die Männer sind beileibe nicht alle Schweine. Wie viele von ihnen haben mich in diesen letzten Wochen beeindruckt, erstaunt, begeistert mit ihrem Verständnis für die Bedeutung dessen, worum es gerade geht, mich völlig verblüfft mit ihrer Entschlossenheit, nicht mehr mitzuspielen, die Welt zu ändern, auch sich selbst von diesem Verhalten zu befreien.
Denn im Grunde versteckt sich hinter der sogenannten Freiheit, aufdringlich zu sein, ein schrecklich deterministisches Männerbild: « Man wird als Schwein geboren. »
Die Männer in meiner Umgebung werden rot und empören sich über diejenigen, die mich beleidigen. Den Typen, der um acht Uhr morgens auf meinen Mantel ejakuliert. Den Chef, der mir zu verstehen gibt, was für meine Beförderung hilfreich wäre. Den Professor, der sich für ein Praktikum einen runterholen lässt. Den Kerl, der mich im Vorbeigehen fragt, ob ich « ficken will » und mich dann als « Schlampe » beschimpft.
Die Männer, die ich kenne, widert diese überholte Vorstellung von Männlichkeit an. Mein Sohn wird, hoffe ich, ein freier Mann werden. Nicht frei, aufdringlich zu sein, sondern frei, sich als etwas anderes als ein von unkontrollierbaren Trieben beherrschtes Raubtier zu definieren. Ein Mann, der in der Lage sein wird, zu verführen, auf die unzähligen wundervollen Weisen, in denen Männer uns zu betören verstehen.

Ich bin kein Opfer. Doch Millionen von Frauen sind es. Das ist eine Tatsache und kein moralisches Urteil oder eine Pauschalisierung. Und ich spüre in mir selbst die Angst all der Frauen, die mit gesenktem Kopf durch die Straßen Tausender Städte dieser Welt gehen. Die man verfolgt, bedrängt, vergewaltigt, beleidigt und im öffentlichen Raum wie Eindringlinge behandelt.
In mir hallt der Schrei all jener Frauen wider, die sich verkriechen, die sich schämen, die man verstößt und aus dem Haus jagt, weil sie entehrt wurden. Die man unter langen schwarzen Schleiern versteckt, weil ihre Körper angeblich dazu auffordern, sie zu belästigen. Sorgen sich die Frauen in den Straßen von Kairo, Neu Delhi, Lima, Mossul, Kinshasa oder Casablanca etwa um das Aussterben der Verführung, der Galanterie? Haben sie selbst denn das Recht, zu verführen, zu wählen, aufdringlich zu sein?
Ich hoffe, dass meine Tochter einmal abends mit Minirock und Dekolleté auf der Straße herumlaufen wird, dass sie allein um die Welt reisen und mitten in der Nacht die U-Bahn nehmen wird, ohne Angst zu haben, ohne auch nur darüber nachzudenken. Die Welt, in der sie dann lebt, wird keine puritanische Welt sein. Es wird, da bin ich mir sicher, eine gerechtere Welt sein, mit noch größeren und schöneren Freiräumen für Liebe, Lust und Verführung, wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Der Artikel erschien zunächst in der Zeitung « Libération« . Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma
© 2018 spiegel.de

Anlass:
Catherine Deneuves Kritik an #MeToo
Sorry. Doch nicht sorry
taz – 15.01.2018
#MeToo führe womöglich zu einer totalitären Gesellschaft, sagte die Schauspielerin und erntete heftige Kritik. Nun hat sie sich entschuldigt – ein bisschen.
(…)
Eine kluge, unaufgeregte Replik auf Deneuves Vorstoß kam von der französisch-marokkanischen Schriftstellerin und Journalistin Leïla Slimani, ebenfalls in der Libération und auf Deutsch im Spiegel erschienen. Sie schreibt, sie sei kein Opfer, nennt aber viele Beispiele, in denen Männer sie gedemütigt und bedrängt hätten. Allerdings gäbe es in ihrem Bekanntenpreis zahlreiche sich vorbildlich verhaltende Männer, die anderen als Vorbild dienen sollten. Vom Begriff der Puritanisierung der Gesellschaft nimmt Slimani Abstand. Hinter Deneuves Forderung verstecke sich ein „schrecklich deterministisches Männerbild: ‚Man wird als Schwein geboren‘.“
Slimani preist die vielen Freiheiten, die sie als in einer westlichen Demokratie lebende Frau habe. „Ich bin kein zerbrechliches kleines Ding. Ich möchte nicht beschützt werden, sondern mein Recht auf Respekt und Sicherheit geltend machen.“

Kann Leïla Slimani nicht mal eine Rolle für Catherine Deneuve schreiben?
© 2018 taz.de

Une réflexion au sujet de « Debatte um #MeToo: Leïla Slimani antwortet Catherine Deneuve »

  1. Merci, ma puce, pour ton article. C’est un maillon de plus qui s’ajoute à la chaîne d’entraide/respect des femmes. Je t’embrasse. Tingy qui ne t’oublie pas…

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