Die Welt Stück für Stück verändern.

So lautete der Titel ursprünglich.
Gastbeitrag des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-In
in der FAZ vom 09.05. Weiter unter den Fotos!

Heute wird von vielen Koreanern Buddha’s Geburtstag gefeiert. Das ist eine grosse Sache mit Millionen von Lotuslaternen in den Tempeln und auf den Strassen.

Fotos (c) express.co.uk: Women crossing stepping stones underneath lotus lanterns

A believer pouring water on a small statue of Buddha to celebrate his birthday

A worker attaching prayer petitions

A Buddhist arranging lotus lanterns for decoration

Die Großartigkeit des Einfachen
Von Moon Jae-in, Präsident der Republik Korea
Frankfurter Allgemeine – 09.05.2019 17:30

Die Krisen der Welt müssen von den einfachen Bürgern gelöst werden. Sie können weder von einem einzelnen Staat noch durch die weisen Einsichten irgendeines überragenden Politikers bewältigt werden. Vielmehr ist es wichtig, dass ein jeder Mensch aufwacht und aktiv wird.

Im Jahr 1980 entstand im südkoreanischen Gwangju die Demokratiebewegung, die sich gegen den Putsch des Militärs richtete. Zahllose Bürgerinnen und Bürger verloren durch staatlich angeordnete Gewalt ihr Leben. Diese Ereignisse lieferten den Menschen in Südkorea zwei Erkenntnisse und eine Verpflichtung.

Die erste Erkenntnis war, dass all jene, die sich der staatlich organisierten Gewalt entgegengestellt hatten, ganz gewöhnliche Menschen waren. Die zweite Erkenntnis war, dass es den Bürgerinnen und Bürgern Gwangjus gelungen war, sich selbst zu organisieren und der staatlichen Gewalt mit Selbstdisziplin zu begegnen. Die Verpflichtung, die blieb, war, die Wahrheit über Gwangju zu verbreiten. Dies war die Aufgabe der südkoreanischen Demokratiebewegung.

Südkoreanerinnen und Südkoreaner wissen sehr genau, dass das großartigste Verhalten einfacher Bürgerinnen und Bürger gegenüber einem Unrechtssystem ein tugendhaftes Verhalten ist. Auch bei der südkoreanischen Kerzenlicht-Revolution im Zusammenhang mit dem Aufbegehren der südkoreanischen Bevölkerung gegen die damalige Regierung im Winter 2016, die über Monate hinweg das gesamte Land erfasste, waren es die einfachen Bürgerinnen und Bürger, die tagtäglich bei bitterer Kälte hinaus auf die Straßen zogen. Ohne einen einzigen gewalttätigen Zwischenfall verteidigten die Bürgerinnen und Bürger Südkoreas auf friedlichste Art und Weise die Demokratie.

Gemeinschaftlicher Fortschritt durch gesellschaftlichen Konsens

Die nachhaltige Weiterentwicklung eines Landes ist möglich, wenn das alltägliche Leben der einfachen Bürgerinnen und Bürger von Glück erfüllt ist. Die Republik Korea ist auf dem besten Wege, ein „innovativer, integrativer Staat“ zu werden. Wir streben danach, ein Land zu schaffen, in dem die Bürgerinnen und Bürger mit dem Staat gemeinschaftlich wachsen und alle profitieren.

Kürzlich ist in Gwangju ein bedeutsamer gesellschaftlicher Kompromiss erzielt worden, durch den zusätzliche Arbeitsplätze bei angemessener Bezahlung geschaffen werden. Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite, Bürgerinnen und Bürger und die Regierung erreichten dies durch gegenseitiges Entgegenkommen sowie die Bereitschaft, zu teilen. Arbeitsplätze, die auf diese Weise entstanden sind, bezeichnet man in Südkorea nun als „Gwangju-Style Jobs“.

Die Menschen der Republik Korea sind sich durch langjährige Erfahrung bewusst, dass erreichter gemeinschaftlicher Fortschritt durch gesellschaftlichen Konsens für alle Beteiligten das Beste ist, auch wenn dies oft ein langwieriger Prozess ist. So wie Gwangju im Mai 1980 zum Funken für die Demokratisierung wurde, sind die „Gwangju-Style Jobs“ und der dadurch realisierte soziale Kompromiss ein Symbol der Hoffnung für eine neue Zeit sowie Initialzündung für den integrativen Staat.
Autos von KIA, die in Gwangju von Arbeitern mit „Gwangju-Style Jobs“ produziert wurden.

Geprägt vom Schicksal und Leid

Vor einhundert Jahren, am 1. März 1919, begann die koreanische Unabhängigkeitsbewegung, die sich gegen die japanische Kolonialherrschaft richtete. Diese Bewegung ließ ein bürgerliches Bewusstsein entstehen. Die Koreanerinnen und Koreaner erkannten, dass nichts der Macht eines vereinten Willens gleichkommt. Dadurch, dass einfache Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme erheben und an Entscheidungsprozessen teilhaben, die ihr Leben betreffen, artikulieren sie ihre Bürgerrechte und ihre Menschenwürde.

Auch die Geschichte der Teilung Koreas ist befleckt von den Tränen und dem Blut der einfachen Menschen. Der Wille, diese jahrzehntelange, konfliktträchtige Situation endlich zu verändern, war ebenfalls ein Beweggrund dafür, dass Südkoreanerinnen und Südkoreaner mit Kerzen in den Händen auf die Straße gingen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das System der Spaltung und des Streits, das die koreanische Halbinsel seit den Tagen des Kalten Krieges fest im Griff hält, grundlegend zu beseitigen und eine neue Ordnung des Friedens, der Koexistenz, der Kooperation und des Wohlstands zu etablieren. In Südkorea wird dies als das „Neue-Koreanische-Halbinsel-System“ bezeichnet.

Der Beginn des koreanischen Frühlings liegt in Berlin. In meine „Berliner Erklärung“ vom Juli 2017 bezog ich die Wünsche der Kerzenlicht-Revolution ein und forderte Nordkorea auf: „Lasst uns zuerst die einfachen Dinge angehen.“ Dazu gehörten die folgenden vier Punkte: die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018, die Zusammenführung getrennter Familien, die Einstellung gegenseitiger militärischer Feindseligkeiten sowie die Wiederaufnahme von Gesprächen und Kontakten zwischen dem Süden und dem Norden. Erstaunlicherweise konnten alle vier Punkte innerhalb von gerade einmal zwei Jahren realisiert werden.

Das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen

Die Bürgerinnen und Bürger Südkoreas konnten sich keine Vorstellung davon machen, wie es jenseits der Waffenstillstandslinie aussah. Wenn sich einfache Bürgerinnen und Bürger aber ein umfassenderes Bild machen können, wird damit auch eine Befreiung von Ideologien einhergehen. Das Ziel des „Neue-Koreanische-Halbinsel-Systems“ ist es, die einfachen Bürger wieder zu Hauptakteuren ihres eigenen Schicksals werden zu lassen. Ich hoffe sehr, dass wir der Welt zeigen werden, dass die Schaffung von Frieden ihren Anfang und ihre Vollendung schließlich auch im Willen der einfachen Bürger hat.

Wenn einfache Bürger das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen, ist eine Neuordnung der Welt möglich. Die Voraussetzungen dafür, dass das Einfache zum Großartigen werden kann, sind nicht nur Freiheit und Gleichheit, sondern auch Gerechtigkeit und Fairness. Die gesamte Welt wird dadurch profitieren, alle werden Rechte erhalten, aus denen Pflichten und Verantwortungen erwachsen.
© 2019 faz.net

Und die Würdigung in der südkoreanischen Presse (Hankyoreh ist eine liberale Zeitung, im regierungsnahen Korea Herald bisher nichts darüber gefunden):

Moon emphasizes peace and “New Korean Peninsula” system in column for German paper
HANKYOREH – May.10,2019 15:27
S. Korean president says Koreans finally have the opportunity to be masters of their own destiny, a column submitted to the FAZ

By Seong Yeon-cheol, staff reporter
“The New Korean Peninsula System is a peace economy based on a virtuous cycle in which peace leads to economic development, further reinforcing peace. The foundation for this achievement is the will of ordinary people,” South Korean President Moon Jae-in said on May 7.

“Inter-Korean issues must not be exploited for ideology and politics, and they must be expanded to deal with the lives and safety of ordinary people,” Moon said in a column submitted to the Frankfurter Allgemeine Zeitung, a German newspaper, on May 6, which was the second anniversary of his inauguration as president.

“South and North Korea must coexist as part of a ‘living community.’ If South and North Korea become reconciled, build railroads, and allow goods to be exchanged and people to travel freely across the border, South Korea will become not an island but a bridgehead for advancing from the ocean into the continent of Asia, as well as a gateway from the continent to the ocean. The broadening of ordinary people’s imagination also signifies their liberation from ideology,” Moon said.

“When linked with our neighbors, the activation of inter-Korean economic exchange can facilitate the Korean Peninsula’s transformation into an economic corridor not only to East Asia but also to Eurasia. I hope to show the world that achieving peace ultimately begins with, and can be completed through, the will of ordinary people.”

Moon reiterated that the starting point for the New Korean Peninsula System is the complete denuclearization of the Korean Peninsula and the establishment of diplomatic relations between North Korea and the US. “When dialogue between North Korea and the US brings about complete denuclearization and diplomatic relations are established, and when the armistice agreement is fully replaced with a peace treaty, only then will the Cold War alignment collapse and a new peace regime come into being on the Korean Peninsula,” Moon said, in an implicit call for North Korea-US dialogue, which has been deadlocked since the Hanoi summit.

“The New Korean Peninsula System signifies the conversion from the passive order of the Cold War to an active order of peace. In the past, the Korean people were unable to determine their own future because of Japan’s occupation of the peninsula and because of the Cold War, but now, we are seeking to carve out our own destiny. This means that ordinary people are becoming the masters of their own destiny,” Moon said.

In his column, Moon explained how ordinary Koreans have taken just and peaceful action at every historical crisis, achieving democracy and economic development. Moon explained that the Gwangju Democratization Movement in 1980 had taught him that “moral action is the greatest action that can be exhibited in resisting government injustice.”

“During the Candlelit Revolution, ordinary people once again defended democracy through the most peaceable of means,” Moon added.

Moon’s column is scheduled to be printed in Germany toward the end of May in a collection tentatively titled “The New World Order” along with columns by business and religious leaders and the heads of state of important countries, including Chinese President Xi Jinping.
© 2019 hani.co.kr

Votre commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l’aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion /  Changer )

Photo Google

Vous commentez à l’aide de votre compte Google. Déconnexion /  Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l’aide de votre compte Twitter. Déconnexion /  Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l’aide de votre compte Facebook. Déconnexion /  Changer )

Connexion à %s