Nicht weiß schreiben!

Anlässlich des Erscheinens des jüngsten Buches von Charlotte Wiedemann « Der lange Abschied von der weißen Dominanz » habe ich diese Kolumne ausgegraben.
Ein Gespräch über das Thema mit der Autorin und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und eine Buchbesprechung siehe weiter unten.

Weiße Dramaturgien

Der Fall Relotius ist der Vorhof des Verbrechens. Wenn sich der europäische Blick auf andere Kulturen richtet, werden gern Legenden erzählt.
taz – 18.01.2019
Von Charlotte Wiedemann (Kolumne Schlagloch)
Wie rasch es still geworden ist um die Fälschungsaffäre beim Spiegel. Mir scheint, wichtige Fragen sind noch nicht einmal aufgeworfen. Welche Bedürfnisse erfüllten die gefälschten Storys von Claas Relotius? Warum werden extrem personalisierte Erzählungen vom Weltgeschehen mit Preisen überhäuft? Wo grenzt die Fälschung an die gewohnheitsmäßigen Legenden, wenn sich der weiße Blick auf andere Kulturen richtet?

Foto (c) dpa: Über Mali wird fast immer nur aus der Perspektive der Bundeswehr berichtet

Was die Bedürfnisse betrifft, gibt der Text „Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann“ einigen Aufschluss. Schon vor Relotius haben etliche Medien das Schicksal der Schulkinder aufgegriffen, die 2011 in der Stadt Daraa Parolen sprühten (und dann gefoltert wurden). Sie zoomen dabei stets auf einen einzelnen Jungen, damit sein Drama süffig erzählt werden kann, der Junge heißt mal so, mal so, und immer ist er schuld. Bei Bild heißt er 2013 Bashir, und auf Syrien fallen Granaten, „weil Bashir getan hat, was er getan hat“. Im Spiegel heißt er Mouawiya und kämpft seit sieben Jahren „um Sühne“. Weil ein „dummer Jungenstreich“ eine halbe Million Tote bewirkt hat? In welches Irrenhaus sind wir hier geraten?
Was in Daraa 2011 geschah, ist gut dokumentiert. Die Folter an Schulkindern überstieg alles, was dem Assad-Regime bis dahin zugetraut wurde; der Kampf ihrer Eltern entzündete massenhafte Proteste. Dem zivilen Aufstand stand niemand zur Seite, auch nicht aus dem Westen, das markiert die syrische Tragödie. Sie verweist auch auf uns, aber das tut sie nicht mehr, wenn sie als sinnloses Geschehen einem Kind angehängt wird, mit echten oder erfundenen Schuldgefühlen.
Passend zum Umstand, dass sich Assad an der Macht gehalten hat, befriedigt eine mit Schicksalhaftem aufgepumpte Kinder-Erzählung die bürgerliche und ziemlich weiße Lust, an der bösen Welt zu leiden, ohne Folgen, ohne Verantwortung. Schlimm alles da draußen!
Antiaufklärerische Dramaturgien
Das sind antiaufklärerische Dramaturgien, und gerade sie sind schwer in Mode. Auf den Einzelnen fokussieren, Komplexität abschneiden, Gefühle mobilisieren, wenig Denken verlangen. Das Urmodell dafür: die deutsche Austeritätspolitik mit einem Merkel-Porträt erklären. Distanz ist als Haltung, als Betrachterposition, zunehmend delegitimiert worden, zugunsten einer rhetorischen Unmittelbarkeit – dem vermeintlichen Blick von innen, wie Relotius ihn hochtalentiert herbeifabulieren konnte. Gibt es womöglich eine Verbindung zu den neoliberalen Individua­lismus-Exzessen, dem alltäglichen Ich-Ich-Ich-Gejapse, wenn personalisierte Erzählstrukturen nun dem hochkomplexen Rest der Welt übergeworfen werden?
Und wo beginnt da die Fälschung?
Aus Erlebtem, Gesagtem und Gedachtem einen Text zu komponieren, das heißt immer, die Dinge in eine neue, reduzierte Ordnung bringen. Denn „Wirklichkeit“, Myriaden von Gleichzeitigkeiten, ist nicht darstellbar. Deshalb ist es so kindisch zu behaupten, der Slogan „Sagen, was ist“ sei der Gegenpol zur Fälschung. Das Verbrechen, also die gezielte Fälschung, hat einen weiten Vorhof der legalen kleinen Gaunereien. In diesem Vorhof wird frisiert, geschnippelt, geföhnt, bis der Text einen tauglichen Trend hat, und je ferner und fremder die Kultur, um dies es geht, desto stiller die Skrupel.
Die junge Generation von Reporter*innen ist in vielem besser gerüstet, als meine es war: mehrsprachig, weltläufig, reiseerfahren, bewundernswert mutig – aber vielleicht gerade deswegen auch anfällig für Hybris. Und wer selbst nicht anfällig ist, wird hineingedrängt, in diesen Mythos eines geradezu übermenschlichen Vermögens, alles verstehen, alles erzählen zu können, aus jedwedem kulturellen Kontext. Die Hybris anzustacheln ist kostengünstig, ist viel billiger als ein Korrespondenten-Büro oder als dauerhaft einheimisches Personal im Krisengebiet XY zu honorieren, Übersetzer und Fixer, wie sie auf den alljährlichen Totenlisten von Reporter ohne Grenzen stehen, Märtyrer für westliche Medien.
Als ich mein Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sechs Jahre nach seinem Erscheinen für eine Neuausgabe überarbeitet habe, war ich erstaunt, wie wenig sich in der Zwischenzeit verändert hatte. Gewiss, Fake News und ständig neue Formate, aber unverändert blüht im westlichen Journalismus die kulturelle Anmaßung. Bescheidenheit wird selten honoriert, höchstens als inszenierte Bescheidenheit wie bei Relotius, aber nicht indem Brüche, Lücken, Unzulänglichkeiten benannt würden. Stattdessen eine Einfühlungsästhetik, die manchmal koloniale Züge hat.
Was gibt der weiße Journalismus ab? Nichts
Können wir wirklich die Welt aus der Sicht einer jemenitischen Hausfrau, einer Hirtin in Bhutan oder eines alten senegalesischen Fischers erzählen? Als säßen wir in deren Hirn und Herzen, als wüssten wir genug, um uns hineinversetzen zu können in jemand so anderen. Die Jemenitin, die Hirtin, der alte Fischer, sie kämen nicht auf diese Idee. Sie respektieren Grenzen. Wir respektieren sie nicht, und das ist typisch für weißes Schreiben.
Und dann das Wechselspiel zwischen den medial eingeübten Gewohnheiten, die Bewohner eines Landes auf eine bestimmte Weise zu sehen, und den politischen und militärischen Strategien, die für dieses Land ersonnen werden. Über Mali wird fast ausschließlich aus der Perspektive der Bundeswehr berichtet. Wann geht dieses Framing in Fälschung über? Niemand entschuldigt sich dafür bei den Maliern. So wie der Spiegel sich nie bei hiesigen Muslimen für seine islamophoben Titelbilder entschuldigt hat. Die Islamisierung Deutschlands war titelfähig, Jahre bevor die AfD gegründet wurde.
In diesen Tagen ist oft von einer postkolonialen Globalisierung die Rede. Museen und Ethnologen beginnen einzusehen, dass sie Kontrolle abgeben müssen und nicht mehr die Zentralper­spektive beanspruchen können. Was gibt der weiße Journalismus ab? Nichts. Auf die Zukunft ist er schlecht vorbereitet.
© 2019 taz.de

« Der lange Abschied von der weißen Dominanz »

In der Welt von morgen wird der Westen nicht länger den Ton angeben
tagesschau – 18.11.2019
Von Julia Benkert
Das Leben in deutschen Großstädten – längst ein Neben- und Miteinander unterschiedlichster Lebensentwürfe, Kulturen und Herkünfte. Auch das kleine Café in der Oranienburgerstraße mitten in Berlin atmet Welt. Für viele ist es das zweite Wohnzimmer. Diese Atmosphäre gefällt Charlotte Wiedemann. Die Auslandsreporterin kommt hierher, um zu schreiben. Ihr jüngstes Buch: « Der lange Abschied von der weißen Dominanz ».
Lange gewachsener Eurozentrismus
« Weiß ist weitaus mehr als eine Hautfarbe. Weiß ist eine Position der Macht, die sich auf vielen Feldern äußert », so Wiedemann, « sei es bei den Finanzströmen, sei es bei der Art von Geschichtsschreibung, sei es bei der Bewertung von Konflikten. Bis hin dazu, dass wir unsere Maßstäbe für universell gehalten haben. » Mit dem Anspruch des Westens, im Zentrum der Welt zu stehen, ist es künftig vorbei. Asien und Afrika fordern selbstbewusst ihren Platz ein, was Europa – nicht nur auf der Weltkarte – auf seine reale Größe schrumpfen lässt.
« Dass sich die alteingesessenen Europäer immer als Gravitationszentrum der Welt verstanden haben – von hier aus wird die Welt betrachtet und gesehen, erklärt und analysiert – und Europa hat lange geglaubt, Begriffe wie Geschichte, Nation, Revolution oder auch Feminismus müssten die gleichen sein, überall, obwohl sie nur aus der europäischen Erfahrung heraus entstanden sind. » Das alte Überlegenheitsgefühl stammt noch aus der Kolonialzeit, als Europa über Jahrhunderte die Weltordnung bestimmt hat. Ein Kapitel, das in Deutschland lange verdrängt wurde. Zu lange. Denn immer lauter werden die Stimmen, die die Aufarbeitung der kolonialen Gewaltherrschaft einfordern.
Deutschland und die Kolonien
Bei SAVVY Contemporary, Kunstraum und Denklabor in einem,  wollen Aktivisten koloniale Denkmuster aufbrechen. Sie wollen zeigen, wie wirkmächtig  diese bis heute sind – überall auf der Welt. Gegründet hat die Institution Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Seine Wurzeln liegen in Kamerun. « Kamerun wurde 1884 vom Deutschen Reich kolonialisiert », erzählt Ndikung. « Genauer im November 1884 als in Berlin die Kongo-Konferenz, oder: die « Berlin-Konferenz », stattfand. Das war der Moment, als Afrika aufgeteilt wurde und die Deutschen ihren Anteil bekamen. Der Reichtum, den wir heute in Deutschland sehen, hängt in hohem Maße mit der kolonialen Vergangenheit zusammen und dem was den Kolonien geraubt wurde und bis heute geraubt wird. »
Auch das wird in Deutschland gerne ausgeblendet. Ebenso, dass es vor der NS Diktatur eine religiöse und kulturelle Vielfalt gab, die brutal ausgelöscht wurde. Charlotte Wiedemann sagt: « Ich habe in meiner Kindheit in meiner Schulzeit ein sehr homogenes Deutschland erlebt und habe das damals für normal, für selbstverständlich gehalten, so wie es wahrscheinlich viele meiner Generation vielleicht auch bis heute sogar noch tun. Tatsächlich war dies aber eine künstliche Homogenität, denn man kann Nationalsozialismus auch so verstehen, dass es die extreme Ausmerzung von Vielfalt war. » Auch Ndikung weist darauf hin: « In Berlin konnte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Alexander-Platz Kamerunern begegnen, auch in Hamburg gab es eine große Gemeinschaft von Afrikanern. Wir wissen, dass unter ihnen auch viele Intellektuelle und Aristokraten waren. Unser Projekt SAVVY Contemporary knüpft daran an. »
Die Spuren des Kolonialismus
Ganz bewusst hat SAVVY deshalb seinen Sitz in der Plantagenstraße gewählt. Der Name ist ein Relikt aus der Kolonialzeit. Im afrikanischen Viertel im Wedding gibt es noch mehr solcher Relikte. Sogar gewisser Kolonialherren wird noch gedacht. Obwohl die Sensibilität in Berlin wächst, wurde bislang nur eine einzige Straße umgetauft. Ursprünglich benannt nach Major von Gröben, einem Pionier der Kolonialzeit, der in Ghana den Sklavenhandel aufbaute. Heute ist das Ufer nach May Ayim benannt, einer Afrodeutschen. In den 60er Jahren, noch ein Kind, isst sie Seife, um weiß zu werden. « Warum nur haben wir Schwarzen die Selbstabwertung so verinnerlicht? », fragte May Ayim damals. Sie wird zu einer der ersten Antirassismus-Aktivistinnen in Deutschland.
May Ayim steht dafür, dass sie versucht hat, Sachen an die Öffentlichkeit zu bringen, die viele bis heute nicht zur Kenntnis nehmen. Und in diesem Sinne ist sie eine Pionierin in vielerlei Hinsicht, nicht nur des schwarzen Anliegens, sondern für uns alle, damit wir uns dieser Dinge bewusst werden.
Der erste Schritt zu Aufarbeitung: das Problem verstehen
Wiedemann betont die Wichtigkeit von Empathie im Aufarbeitungsprozess: « Ich denke, wenn wir mehr Empathie hätten, auch dann, wenn uns manches an Wissen fehlt, wenn wir versuchen würden, die Schmerzen derer nachzuvollziehen, die von Rassismus betroffen sind, und vielleicht sogar, wie man das an einem Stolperstein macht, wo der ermordeten Juden gedacht wird, vielleicht auch ein bisschen diese Schmerzen uns zu eigen machen. »
Ndikung sagt: « Wenn wir über Heilung sprechen, über das Schließen von Wunden, muss man erst die Wunde sehen, um in der Lage zu sein, sie zu heilen. Das heißt, der Akt der Entschuldigung besteht darin, sich der Wunde überhaupt erst bewusst zu werden. »
Sich der Wunde bewusst werden: ein schmerzhafter Prozess. Charlotte Wiedemann plädiert in ihrem Buch dafür, sich darauf einzulassen. Und sich nicht, wie es immer mehr Weiße im Westen versuchen, selbst als Opfer zu stilisieren. « Wir müssen für das Weißsein Verantwortung übernehmen », so Wiedemann. « Das können wir aber nur, indem es ein verändertes Weißsein wird, indem wir darüber sprechen und uns ändern. »
Der Abschied von der weißen Dominanz – er findet statt, so oder so. Wir sollten ihn als eine Befreiung sehen. Als Chance auf eine friedlichere Zukunft.

© 2019 daserste.de

SEHEN SIE das Video zur Sendung (7:35)

Buch: Charlotte Wiedemann « Der lange Abschied von der weißen Dominanz »
228 Seiten, 18 Euro – dtv, September 2019

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