Nicht mehr als bunte Fahnen auf Rathausdächern? Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Foto (c) Lateinamerika-Nachrichten/Xueh Magrini Troll: Illustration des LN-Dossiers « ¡Vivas nos queremos! » – s.Kasten

1. Niemand soll sich schämen
Theater Bremen – Zum 25.11.2020
Eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit ist Gewalt. In Deutschland ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Ein Text der Dramaturgin Theresa Schlesinger.

¡Vivas nos queremos! – Perspektiven auf und gegen patriarchale Gewalt
Ein Dossier der Lateinamerika-Nachrichten – Dezember 2020
Vivas nos queremos ist zum Credo der feministischen Bewegung in Lateinamerika geworden. „Wir wollen uns lebend“ ist die Antwort auf brutale Morde an Frauen und Queers, weil sie Frauen und Queers sind. Seit Anfang der 1990er Jahre Aktivist*innen in verschiedenen Regionen in Lateinamerika begannen, Fälle von Frauenmorden zu dokumentieren, hat die Gewalt kaum abgenommen. In Argentinien zum Beispiel wird alle 27 Stunden eine Frau umgebracht, in Mexiko geht man sogar von zehn getöteten Frauen am Tag aus. Die genauen Zahlen kennt niemand und doch wird das Ausmaß femizidaler Gewalt deutlich, deren Ursachen jedoch zu komplex sind, um sie in Statistiken zu fassen. Es stellt den alltäglichen Wahnsinn dar, gegen den Frauen und Queers seit langem unermüdlich kämpfen.…Weiterlesen
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Der 25. November ist seit 1981 der Internationale Gedenktag gegen Gewalt an Frauen. Weltweit wird innegehalten und protestiert. Hintergrund für die Initiierung des Aktionstages ist im Jahr 1960 die Ermordung der Schwestern Mirabal in der Dominikanischen Republik. Als Mitglieder der „Movimiento Revolucionario 14 de Junio“ wurden sie durch Militärangehörige des damaligen Diktators Rafael Trujillo verschleppt und schließlich ermordet. 1981 wurde bei einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen der 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen ausgerufen. 1999 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, die den 25. November offiziell zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ machte.
Gewalt an Frauen ist ein globales Phänomen.
Dazu gehören Stalking und Belästigung ebenso wie häusliche Gewalt und Vergewaltigung. Die Kriminalstatistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamts zeigt einen deutlichen Anstieg der Zahlen in Deutschland. Knapp 115.000 weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt erfasst die Statistik für 2019 (Pressemitteilung vom 10. November 2019, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend).
Dunkelziffer ungewiss.
„Niemand soll sich schämen, wer missbraucht oder vergewaltigt wurde, niemand soll sich schämen, wer ausgebeutet oder bedrängt wurde, niemand soll sich schämen, wer sich nicht zu wehren wusste, wer aus Angst kraftlos wurde, wer nur wimmern oder weinen oder verstummen konnte, niemand soll sich schämen, wem Gewalt angetan wurde“ schreibt Carolin Emcke in ihrem Buch Ja heißt ja und …. Es ist wichtig, die erschreckenden Zahlen sichtbar zu machen und nicht aufzuhören, sie uns vor Augen zu führen. Genauso wichtig ist es, darüber nachzudenken, woher diese Zahlen kommen und wie wir damit umgehen. Wir müssen aufhören, Gewalt an Frauen als Tabuthema hinter vorgehaltener Hand zu behandeln. Dringend notwendig ist es, über Strukturen zu sprechen, die Gewalt und Hass gegenüber Frauen produzieren. Wir müssen aufhören, den Frauen die alleinige Verantwortung zu geben und stattdessen fragen: Was muss sich grundsätzlich ändern? Niemand ist schuld daran, in einer dunklen Straße vergewaltigt zu werden oder in eine Partnerschaft Gewalt ausgesetzt zu sein. Und niemand sollte sich schuldig fühlen, einen Übergriff abzuwehren oder anzuzeigen. Viel zu oft noch bleibt die Erzählung von Gewalt an Frauen in einer Stigmatisierung verhaftet. Viel zu oft finden die Geschichten der Betroffenen kein oder zu wenig Gehör. Viel zu oft bleiben die Täter unerkannt oder zu milde bestraft. Was können wir also tun? – Wir nehmen Raum ein und werden laut. Wir nutzen Sprache und Musik, um aufmerksam zu machen auf die dringend notwendigen Veränderungen. Wir wollen unseren Teil beitragen zu einer Bewegung, die zwar viel größer ist als wir selbst, die aber jede Stimme gebrauchen kann. Wir möchten Denkanstöße geben und neue Perspektiven eröffnen. Im Theater ist es derzeit ruhig, die Türen sind für das Publikum geschlossen. Schweigen wollen wir trotzdem nicht. Wir sind da. Am 20. November hätte die Produktion WÜST oder Die Marquise von O …. – Faster, Pussycat! Kill! Kill! Premiere gehabt. Ein Stück, in dem ganz direkt die Realität jener erschreckenden Statistiken künstlerisch übersetzt wird. Am Anfang steht eine Vergewaltigung. Der Übergriff markiert den Anlass für eine neue Erzählung. Die Autorin Enis Maci hat zwei Stoffe miteinander verwoben und überschrieben, die von Geschichten weiblicher Rache erzählen. Sie nimmt die weibliche Perspektive ein, um deutlich zu machen, dass wir Geschichten auch anders erzählen können. Und dass darin die Kraft liegen kann, Strukturen anders zu denken.

Mehrere Künstler*innen des Theater Bremen haben sich zusammengefunden, um am Tag gegen Gewalt an Frauen ein Statement zu setzen. Ulrike Mayer (Gesang), Ulf Schade (Cello) und Killian Farrell (Cembalo) haben die Kantate La Lucrezia von Georg Friedich Händel eingesungen. Lucrezias grausame Geschichte entspringt der römischen Sage: eine Frau, die von einem Freund ihres Mannes vergewaltigt wird und sich aus Scham selbst tötet. Die Schauspieler*innen der Produktion WÜST, Carlotta Freyer, Judith Goldberg, Mirjam Rast und Justus Ritter lesen Texte von Virginie Despentes, Christina Klemm, Carolin Emcke und Margarete Stokowski, zeitgenössische Autorinnen, die sich explizit mit dem Thema Gewalt an Frauen auseinandersetzen und neue Betrachtungsweisen bieten. „Eine Frau, die glaubt, ein unglücklicher Einzelfall zu sein, wird keine Revolte starten, aber sie wird erleichtert sein zu erfahren, wenn es andere tun“ (Margarete Stokowski).
© 2020 theaterbremen.de

Foto (c) dpa/Britta Pedersen: Franziska Giffey zeigt im Rahmen der Initiative « Stärker als Gewalt » in den Wilmersdorfer Arcaden ihren Kassenzettel mit dem Aufdruck eines Hilfeangebots. Deutschlandweit sollen in 15 Einkaufszentren Infoflächen zur Verfügung stehen, um über Gewalt gegen Frauen aufzuklären und Hilfeangebote für Betroffene bekannt zu machen.

2. Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen Radio Bremen – 25.11.2020 7:10
Jeden Tag versucht irgendwo in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Expartnerin umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es. Diese Zahlen werden in der Kriminalstatistik erst seit kurzem gesondert ausgewiesen. Seitdem ist es schwerer geworden, das Thema beiseite zu schieben. Am 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Fahnen werden gehisst, Mahnreden gehalten. Heide Oestreich überlegt, warum das alles offenbar nicht hilft. Die Zahlen sind schlecht wie immer, die Tendenz zum Prügeln steigt sogar. Wegen des Corona-Stresses sagt man. Und was machen wir: Wir hissen heute bunte Fahnen auf Rathausdächern. Sind wir wirklich so hilflos gegen dieses Phänomen, dass uns außer Plakatkampagnen, Fahnen hissen und Brötchentüten bedrucken – nichts einfällt? Nicht, dass ich etwas gegen niedrigschwellige Angebote hätte. Wer weiß, ob einer verprügelten Frau die Telefonnummer der Beratungshotline vielleicht wirklich zum ersten Mal beim Sonntagsfrühstück oder auf dem U-Bahn-Plakat über den Weg läuft. Aber: ich kann mir nicht helfen, Fahnen hissen gegen Gewalt, bei der grassierenden Denk- und Handlungsstarre, die wir sonst auf diesem Gebiet haben, das finde ich einfach grotesk. Wir sind gegen Gewalt. Dolle Sache.

Seit Jahren weiß man, dass die Frauenhäuser so schlecht ausgestattet sind, dass sie fast die Hälfte der Schutzsuchenden nicht aufnehmen können. Noch viel unverständlicher ist, wie wir mit den Urhebern der Gewalt umgehen. Sollte eine Gesellschaft nicht alles daransetzen, dass sie lernen, mit Druck und Stress anders umzugehen? Und ihren Frust und ihr unerfülltes Leben nicht einfach an der nächstbesten Person auszulassen? Aber dass solche Männer mal wenigstens ein Antigewalttraining verordnet bekommen, ist die Ausnahme und nicht die Regel. Es gibt auch kaum Anlaufstellen für sie. Warum? Wenn wir doch so sehr gegen Gewalt sind, dass wir es uns im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fahnen schreiben? Die einzige Erklärung, die mir einfällt: Dass Männer unter Stress gewalttätig werden können, halten wir offenbar immer noch für ein Naturgesetz. Heute ist eine Generation an der Macht, in der viele Menschen Gewalt noch aus der eigenen Kindheit kennen. Und da hieß es: Kopf einziehen, Luft anhalten – und bloß nicht drüber reden. Dass jemand dem Papa oder der Mama beibringen könnte, nicht mehr zu schlagen und so zu brüllen – das war überhaupt nicht vorstellbar. Die Macht der Eltern, und oft genug war oder ist es noch die patriarchale Macht des Vaters, ist total. Dass auch dieser Papa lernen könnte, mit Druck anders umzugehen, sich verändern könnte, das ist alles in unserem sehr starren Männlichkeitsbild einfach sehr schwer zu denken. Der lange Schatten dieses Männlichkeits-Monuments liegt auf unserer halbgaren Antigewaltpolitik. Würden wir uns davon befreien, dann wette ich: Wir würden ganz andere Dinge tun als Fahnen hissen.
© 2020 rbb-online.de

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