Hanau 1 Jahr danach: Wie konnte es (schon wieder) dazu kommen?

Foto (c) Karoline Bofinger/taz: Graffiti mit den Namen der neun Opfer

“190220 – Ein Jahr nach Hanau” – Neuer Spotify Original Podcast

spotify – 12 February 2021

Am 19. Februar jährt sich der rassistisch motivierte Anschlag in Hanau zum ersten Mal. Wenige Tage vor dem Jahrestag startet am 12. Februar der neue Spotify Original Podcast “190220 – Ein Jahr nach Hanau”.

In dem Dokumentationsformat blicken Journalistin Sham Jaff und Reporterin Alena Jabarine in insgesamt sechs Episoden auf persönliche Schicksale von Opfern und deren Angehörigen, auf ein Jahr voller Aktivismus und auf die Rolle der beteiligten Behörden. Unterstützt wurden die beiden Hosts von den Journalistinnen Şeyda Kurt und Viola Funk, die für Redaktion und Produktion verantwortlich waren.

“Der 19.02.2020 ist mir noch in sehr trauriger Erinnerung. Wir haben danach überlegt, wie wir diesem politisch und gesellschaftlich wichtigen Ereignis eine Plattform und die notwendige Aufmerksamkeit geben können. Um einen Beitrag zur Erinnerung und Aufarbeitung zu leisten, haben wir uns für einen aufwändig produzierten und recherchierten dokumentarischen Podcast entschieden”, so Saruul Krause-Jentsch, Head of Studios bei Spotify DACH.

– Zwölf Monate danach: Auf der Suche nach Antworten –

Zwölf Monate nach dem rassistisch motivierten Attentat in Hanau gehen Journalistin Sham Jaff und Reporterin Alena Jabarine in 190220 – Ein Jahr nach Hanau der Frage auf den Grund: “Wie konnte es (schon wieder) dazu kommen?”. Antworten liefert der dokumentarische Podcast auf zwei Ebenen: Für die Reportage hat Alena Jabarine mehrere Tage in Hanau verbracht, dort recherchiert und mit Angehörigen sowie Überlebenden gesprochen.

Mit den Geschichten der betroffenen Familien sowie weiteren Erkenntnissen aus der Reportage ordnet Sham Jaff in der Analyse die Tat in einen größeren Kontext ein und untersucht deren gesellschaftliche Dimension.

– Gespräche mit Expert*innen und die Geschichten der Opfer –

In Gesprächen mit Expert*innen wie Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank, der Rechtsextremismus-Expertin Karolin Schwarz oder der Journalistin Hadija Haruna-Oelker stellen Sham Jaff und Alena Jabarine wichtige und große Fragen rund um die Tat. Als Teil der Redaktion hat die Journalistin und Autorin Şeyda Kurt zudem neun Texte über die Opfer von Hanau geschrieben und für den Podcast eingelesen. 190220 – Ein Jahr nach Hanau ist eine Produktion von Spotify Studios und ACB Stories. Redaktion: Viola Funk, Alena Jabarine, Sham Jaff, Şeyda Kurt. Produktion: Isabel Woop und Jan-Philipp Wilhelm (ACB Stories). Executive Producers: Daniel Nikolaou (Spotify Studios), Davide Bortot (ACB Stories). Line Producer: Saruul Krause-Jentsch. Original Music & Sounddesign: Bazzazian (Hit-Produzent, u.a. für Haftbefehl, Grimme-Preisträger, Komponist für die Netflix-Serie “Skylines”).

© 2021 spotify_presse.prowly.com

=> Episode 1 . Der Abend des 19. Februar 2020
=> Episode 2. Hanau war kein Einzelfall

So viele Fragen

taz – 17.02.2021

Der rassistische Anschlag in Hanau veränderte die Hinterbliebenen. Der Podcast „190220“ dokumentiert ihren Kampf um Aufklärung.

Ferhat Unvar. Hamza Kurtović. Said Nesar Hashemi. Vili Viorel Păun. Mercedes Kierpacz. Kaloyan Velkov. Fatih Saraçoğlu. Sedat Gürbüz. Gökhan Gültektin.

Mit diesen neun Namen beginnt der Podcast „190220 – Ein Jahr nach Hanau“. Neun Namen, hinter denen Menschenleben stehen; die Familien und Freun­d:in­nen hatten, die sie nun schmerzlich vermissen. Diese neun Menschen sind es, die am 19. Februar 2020 bei einem rechtsextremen und rassistischen Anschlag in Hanau getötet wurden. (…)

Von den Behörden allein gelassen

Die Journalistin Alena Jabarine begegnet den Eltern und Geschwistern der Getöteten und den Überlebenden in Hanau. Unweit der Tatorte hat sich die Initiative 19. Februar Hanau gegründet, die zum Treffpunkt für die Hinterbliebenen geworden ist. Jabarine spricht dort mit Armin Kurtović, dem Vater von Hamza Kurtović. Am 19. Februar 2020 wird der Vater durch ganz Hanau geschickt. Über Stunden weiß er nicht, wo sich der Sohn befindet. Ob Hamza nur verletzt worden ist? Und wenn ja, wie schwer? Oder ob er doch längst tot ist? Die Beamten wimmeln den Vater ab, schicken ihn nach Hause, doch Armin Kurtović sucht weiter nach seinem Sohn. Dass dieser eines der neun Opfer ist, erfährt der Vater am nächsten Morgen aus dem Internet. Dort kursieren zu diesem Zeitpunkt längst die Namen der Getöteten, aber auch der Name des Täters. Es ist der Anfang einer Reihe des Behördenversagens: der Umgang mit den Angehörigen durch Ermittler. Journalistin Alena Jabarine spricht auch mit dem Vater von Mercedes Kierpacz, Filip Gomann. Sein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, erzählt er. Dass seine Kinder in Deutschland nicht sicher sein könnten, hätte er niemals gedacht. Was Gomann bis heute nicht loslässt, ist die Frage danach, warum die Polizei nicht schnell genug vor Ort war: „Wie lange muss die Polizei an Ort und Stelle sein? Wir sind 300 Meter Luftlinie von der Polizei entfernt.“ Könnte seine Tochter Mercedes noch am Leben sein?

Es sind die Hinterbliebenen, die solche Fragen stellen und die zusammen dafür kämpfen, Antworten zu finden. „Wir wollen nur, was dieses Grundgesetz uns zusichert. Mehr wollen wir nicht“, sagt Armin Kurtović. Er meint damit Aufklärung, die die Behörden versäumt haben. Die Hinterbliebenen sind es deshalb selbst, die nach Zeu­g:in­nen suchen und diese befragen. Sie sind es auch, die die Behörden auf Fehler aufmerksam machen, Po­li­ti­ke­r:in­nen konfrontieren und damit zum Teil erreichen, dass die Ermittlungen zu Hanau nicht gänzlich einschlafen. Neben dem Aktivismus der Hinterbliebenen erfährt man als Zu­hö­re­r:in auch vom tiefen Vertrauensverlust. Armin Kurtović: „Und ich weiß auch nicht mehr, wen ich anrufen soll, wenn ich ein Problem habe. Die Deutsche Post? Oder wen soll ich anrufen? Die 110 werd ich nie wieder wählen. Mit dem, was ich erlebt hab, wie soll ich das denn machen, wie?“

In einer Mischung aus Reportage und Einordnungen von Ex­per­t:in­nen zeichnet der Podcast „190220“ die Kontinuität von rechtem Terror, Behördenversagen und Rassismus in Deutschland nach. Hätte die Tat verhindert werden können?, wird Hamzas Vater am Ende der zweiten Folge gefragt. Auf jeden Fall, sagt er. Und das ist eine der bittersten Erkenntnisse.

© 2021 taz.de

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