Nicht mehr als bunte Fahnen auf Rathausdächern? Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Foto (c) Lateinamerika-Nachrichten/Xueh Magrini Troll: Illustration des LN-Dossiers « ¡Vivas nos queremos! » – s.Kasten

1. Niemand soll sich schämen
Theater Bremen – Zum 25.11.2020
Eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit ist Gewalt. In Deutschland ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Ein Text der Dramaturgin Theresa Schlesinger. Lire la suite

«FEMINIST FUTURES FESTIVAL» in Essen

Feminist Futures Festival
Internationales Festival «FEMINIST FUTURES»
12.-15.9.2019 Zeche Zollverein, Essen
wideblick.blogspot.com / rosalux.org – 18.06.2019
Weltweit gewinnen feministische Bewegungen an Stärke und schlagen einen immer radikaleren Kurs ein: Lautstark und vielfältig stellen sie sich dem neoliberalen Ausverkauf des Gesundheitssystems und schlechten Arbeitsbedingungen entgegen. Sie kämpfen gegen sexuelle Gewalt, rassistische Ausgrenzungen und die Zerstörung der natürlichen Umwelt. Sie treten für soziale Gerechtigkeit als Grundlage für Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben ein. Damit gehören sie zu den wichtigsten Gegner*innen eines globalen Rechtspopulismus und bauen an einer besseren Zukunft für alle!

Es ist also alles in Bewegung: Feminist*innen mit verschiedenen Erfahrungen und Hintergründen kommen wieder oder das erste Mal zusammen. Es entstehen Handlungsweisen, die auf etwas Gemeinsames orientieren ohne Unterschiede zu verschweigen. Somit kann eine Einheit in der Differenz möglich werden. Sie verbinden feministische und queer-feministische Anliegen mit konsequenter Kapitalismuskritik und Klassenpolitik. Auch wir wollen in dieser Richtung weiter kommen. Um die Bewegungen zu stärken und weiterzuentwickeln, brauchen wir Orte für Debatten, um voneinander zu lernen.

Einen solchen Ort möchten die Rosa-Luxemburg-Stiftung, das Netzwerk Care Revolution und das Konzeptwerk Neue Ökonomie mit einem internationalen Festival im September bieten. Die Vorbereitung gestalten viele lokale und überregionale Unterstützer*innen aktiv und vielfältig mit. Es soll Podien und Workshops für theoretische ebenso wie praxisnahe Fragen geben. Es gibt Zeit für Trainings und Gesprächsrunden. Wir wollen an ältere feministische Praxen der ‚Selbsterfahrung‘ anschließen und über feministische Gesundheit genauso lernen, wie über Transformatives Organizing. Auch unterschiedliche Formen künstlerischer und kultureller Beiträge werden zentraler Bestandteil des Programms sein. Wir wollen gemeinsam Filme schauen und darüber diskutieren, es wird Bühnen geben für Musik, wie für gesprochenes Wort, Theater und Performances und: wir wollen zusammen tanzen!

Das wollt Ihr nicht verpassen! … Nähere Infos folgen ganz bald unter: www.feministfutures.de
Das Festival ist kostenlos und die Verpflegung auf Spendenbasis. Außerdem bemühen wir uns um günstige Anreise- und Unterkunftsmöglichkeiten. Außerdem organisieren wir Kinderbetreuung.
Das Festival ist offen für alle Geschlechter. Es wird am Samstag einen räumlich getrennten Bereich für Frauen, Lesben, Trans, Inter und Queer geben.
Wir freuen uns auf euch – bei Fragen oder Ideen meldet euch gerne bei uns: femfest@rosalux.org

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Hinweis der Organisator*innen:

Leider mussten wir die Anmeldung für das Feminist Futures Festival schließen.
Wir sind total überwältigt von eurem Zuspruch und den hohen Anmeldezahlen, aber leider stoßen wir an unsere räumlichen und infrastrukturellen Grenzen, weshalb wir die Anmeldung leider schließen mussten. Wenn ihr spontan vorbei kommt, können wir nicht versprechen, dass ihr das Festival besuchen könnt.
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P R O G R A M M

Das Festival hat fünf thematische Schwerpunkte, um die sich eine große Vielfalt an Themen gruppieren: => Öffnen! D/E/Sp
– Die ganze Arbeit
– Reproduktive Gerechtigkeit, Familienpolitiken, Care
– Gewaltverhältnisse und Körperpolitiken
– Sozial-ökologische Transformation
– Postkolonialer Feminismus und Feministische Internationale

Das ganze Programm (Eröffnung Donnerstag 16 h):
=> RLS_Feminist_Futures_Programm

Fusion 2019

Foto(c) dpa/Alexander Müller: über 20 Jahren (hier 2011) funktioniert das Fusion-Festival ohne dauerhafte Polizeipräsenz auf dem Gelände

Zur info: https://de.wikipedia.org/wiki/Fusion_Festival
en français: https://fr.wikipedia.org/wiki/Festival_Fusion

#fusionbleibt

« An der Polizei wird es nicht scheitern » – Fusion-Festival offenbar gerettet

STERN Neon – 25.05.2019 Lire la suite

« Mit Nettsein kam man noch nie weit » – Interview mit Annette Niesyto, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Karlsruhe

Das war super, Annette!

Wie steht’s um die Gleichberechtigung?
Badische Zeitung – 20.09.2018
FREIBURG. In Karlsruhe haben sich Anfang dieser Woche etwa 400 Frauen zur Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten getroffen. Ines Alender sprach mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Karlsruhe, Annette Niesyto, über die Konferenz,…

BZ: Frau Niesyto, wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin, das Verfassungsgericht ist mit sieben Richterinnen fast paritätisch besetzt und immer mehr junge Eltern teilen sich die Familienarbeit untereinander auf. Wofür brauchen wir noch Gleichstellungsbeauftragte?
Niesyto: Das Verfassungsgericht ist eine positive Ausnahme. Es gibt aber immer noch Bereiche mit deutlichen Schieflagen. Wenn Sie auf Führungspositionen insgesamt schauen, sind es nur ein Viertel Frauen, wenn Sie auf die politische Repräsentanz im Bundestag schauen, sind es nur 31 Prozent, das ist ein Niveau von vor 20 Jahren. In wichtigen Bereichen haben wir minimale Fortschritte erreicht, beim Verdienstunterschied zum Beispiel. Bei der Gewalt gegen Frauen gibt es dagegen überhaupt keinen Rückgang, außerdem hat sich bei den alten Themen Altersarmut und Aufteilung der unbezahlten Sorgearbeit wenig verändert.
BZ: Das waren alles schon Themen, als Sie 1990 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe wurden. Das ist fast 30 Jahre her.
Niesyto: Genau. An den großen Themen hat sich wenig getan. Als ich anfing, haben viele gesagt: Das wächst sich alles aus. Was sich aber heute zeigt, ist, dass die Diskrepanz zwischen Auftrag und Wirklichkeit gar nicht so viel kleiner geworden ist. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat auf der Konferenz gesagt, der Fortschritt sei eine Schnecke. Wir wollen der Schnecke aber Flügel verleihen.
BZ: Gibt es denn außer dem minimalen Rückgang beim Verdienstunterschied noch weitere Fortschritte?
Niesyto: Es gibt einige. Für die Stadt Karlsruhe kann ich beispielsweise sagen, dass vieles besser geworden ist, beim Personal haben wir wirklich viel erreicht. In Baden-Württemberg sind wir heute mehr Gleichstellungsbeauftragte als damals, seit 2016 gibt es das Chancengleichheitsgesetz. Leider haben wir bundesweit keine einheitlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten – das bräuchten wir aber, um bei dem Thema voranzukommen.

http://www.frauenbeauftragte.de: Themen wie Sorgearbeit, Armut und Wohnungslosigkeit, Gewalt und Sexismus, Antirassismus, Schwangerschaftsabbruch, Digitalisierung, ländlicher Raum, Strukturen und Strategien kommunaler Gleichstellungspolitik, etc. wurden diskutiert und in einer Karlsruher Erklärung manifestiert. Eine lautstarke Frauendemo vor das Bundesverfassungsgericht brachte die Forderungen effektvoll an die Öffentlichkeit.


BZ: Laut der Fakten, über die Sie auf der Konferenz gesprochen haben, fängt die Diskriminierung schon ziemlich früh an. Jungen der vierten Klasse bekommen pro Monat durchschnittlich 16,25 Euro Taschengeld, Mädchen nur 11,94 Euro.
Niesyto: Das zeigt, dass sich die Rollenbilder in den Köpfen weniger verändert haben, als wir glauben. Ganz viel läuft unterbewusst auf, die meisten Eltern geben ihrem Sohn ja nicht bewusst mehr Taschengeld. Das heißt, wir müssen auch Einstellungen und Rollenbilder ändern – und das macht es so schwierig.
BZ: Wie könnte das gelingen?
Niesyto: Wir müssen Denkmuster mit kreativen Einfällen aufbrechen. Ich habe in meinem Büro beispielsweise drei Verkehrsschilder stehen: eines mit einer Bauarbeiterin, eines mit zwei Frauen und eines mit einem Mann und einem Kind an der Hand. Wenn Sie heute die Rollenbilder in Schulbüchern analysieren, erschrecken Sie. Max tankt und Karin kauft ein. Das fällt uns nur nicht mehr auf, weil wir daran gewöhnt sind.
BZ: Vor welchen Herausforderungen stehen Gleichstellungsbeauftragte heute?
Niesyto: Wir müssen mit Gegenwind kämpfen. Insbesondere von rechts, aber auch allgemein, gibt es Antifeminismus. Die Wirklichkeit wird sich zurechtgebogen, mittlerweile seien die Männer benachteiligt. Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache.
BZ: Sie arbeiten für die Stadt Karlsruhe. Mit welchen Problemen wenden sich heute Frauen im Alltag an Sie?
Niesyto: Es geht um Alltagssorgen, Schulden, Scheidung, oft Gewalt, Beruf und Existenzsicherung. Manchmal auch um Beschwerden gegen städtisches Vorgehen. Beschwerden gegen sexistische Werbung sind gängig. Wenn mal wieder ein blödes Plakat irgendwo hängt, kann es sein, dass unser Büro zwei Tage lahmgelegt ist.
BZ: Wenden sich auch Männer an Sie?
Niesyto: Ja, schon immer ungefähr zehn Prozent oder etwas mehr. Oft geht es um Vereinbarkeitsfragen oder darum, dass Männer ihren Job reduzieren möchten. Manche regen sich über Geschlechterstereotype auf oder über Dinge, die sie mit ihren Töchtern erlebt haben.
BZ: Die Bundeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten hat die « Karlsruher Erklärung » einstimmig verabschiedet. Was verbirgt sich dahinter?
Niesyto: Wir fordern darin ein schlüssiges Gesamtkonzept, das die Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklungen zum Nachteil von Frauen beendet. Bund, Länder und Kommunen müssen an einem Strang ziehen. Die Dinge müssen zusammenpassen und sich nicht gegenseitig torpedieren, wie zum Beispiel beim Ehegattensplitting. Eine Bundesstiftung, die im Koalitionsvertrag versprochen wird, soll außerdem die Forschung besser zusammenführen und begleiten.
BZ: Familienministerin Franziska Giffey (SPD) hat auf der Konferenz junge Frauen dazu aufgerufen, sich zu engagieren. Sie sagte: « Mit Nettsein kommt man nicht immer sehr weit. » Müssen Frauen auch 2018 nerven, damit es mit der Gleichberechtigung weiter vorangeht?
Niesyto: Mit Nettsein kam man noch nie weit. Wie sagte Simone de Beauvoir: Frauen, die nichts fordern, bekommen nichts. Aber auch Diplomatie gehört dazu. Frauen müssen das ganze Klavier beherrschen. Nettsein, Diplomatie, Hartnäckigsein. Momentan braucht es vor allem Klarheit und Hartnäckigkeit.

Annette Niesyto (65) ist seit 1990 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe. Sie ist in Freiburg aufgewachsen. Ende des Monats geht Niesyto in den Ruhestand.
© 2018 badische-zeitung.de

Bloß keine Tochter! – Un monde sans femmes (ARTE-Doku)

Asiens Frauenmangel und die Folgen

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Regie : Antje Christ, Dorothe Dörholt
Deutschland 2018
Herkunft : NDR
91 Min.
Verfügbar von 19/06/2018 bis 25/06/2018
Nächste Ausstrahlung am Mittwoch, 4. Juli um 09:20

Fast 200 Millionen Frauen « fehlen » in Asien – die Folge gezielter Abtreibung von Mädchen und zweifelhafter Bevölkerungspolitik. Ein investigativer Dokumentarfilm über Frauen, die keine Töchter bekommen dürfen, über verzweifelte Versuche von Männern, doch noch irgendwo eine Ehefrau zu finden, und über den Missbrauch von Frauen als Spielball von Politik und Wirtschaft.
Der Frauenhandel boomt: In China finden Millionen Männer im heiratsfähigen Alter keine Frau mehr – genau wie in Indien und Südkorea. Auf Flugblättern und Plakaten preisen sie ihre Söhne an: chinesische Mütter auf der verzweifelten Suche nach einer Schwiegertochter. Wie konnte es so weit kommen und wer ist dafür verantwortlich, dass weltweit Millionen von Frauen fehlen? Neben anderen Faktoren ist es auch die traditionelle Präferenz von Söhnen ist, die vielerorts zur selektiven Abtreibung von Mädchen geführt hat. Jedoch ist Frauenmangel kein nationales, selbst verschuldetes Phänomen einzelner Länder, sondern Folge gezielter Bevölkerungspolitik von Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Angst vor einer Bevölkerungsexplosion: Entwicklungsgelder und der Einsatz medizinischer Geräte spielen damals wie heute eine erhebliche Rolle. Anhand von persönlichen Schicksalen aus Südkorea, China, Indien sowie Vietnam und belegt durch bisher unveröffentlichtes Archivmaterial wird den Gründen und Folgen des von Menschen gemachten Ungleichgewichts der Geschlechter nachgegangen. Ein Blick in die Zukunft: Entführung, Verkauf und Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen nehmen zu. Das Phänomen des Frauenmangels und des Männerüberschusses destabilisiert immer mehr Gesellschaften weltweit. Ein investigativer Dokumentarfilm über Verflechtungen aus Politik, Wirtschaft und Medizin, die Frauen – früher wie heute – zum Spielball staatlicher und krimineller Interessensgruppen werden lässt.
© 2018 arte.tv

Rezension:
https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/1252625/grossartig-doku-bloss-keine-tochter-19-juni-20-15-uhr-arte

Newroz-Tag: Kurdisches Neujahrsfest

Foto (c) Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD)

Das kurdische Newroz – persisch: Nouruz – gilt als eines der ältesten Feste der Menschheit. Es wird, je nach Sonnenstand, am 20. oder 21. März gefeiert und markiert den Anfang des Frühlings. Seit 2010 gibt einen von den UN anerkannten Internationalen Nouruz-Tag am 21. März. (Siehe UN-Resolution unten)

Für die Kurden, die seit Jahrzehnten um einen eigenen unabhängigen Staat kämpfen, hat Newroz eine ganz besondere Bedeutung. Das Fest entwickelte sich im Laufe der Jahre „zu einer Feier des politischen Widerstandes gegen Unterdrückung und Despotismus“, wie die Kurdische Gemeinde Deutschland auf ihrer Internetseite schreibt.
Mittlerweile symbolisiere das Fest den Zusammenhalt des kurdischen Volkes gegen Unterdrückung und Verfolgung: „Heute ist das Newrozfest ein wichtiger Teil der kurdischen Identität“, heißt es weiter. Die kurdische Bevölkerung, etwa 22 Millionen Menschen, lebt verteilt vor allem im Iran, im Irak, in Syrien und in der Türkei. Die Kurden können ihre Kultur nicht überall frei ausleben.

In diesem Jahr ist das Fest durch die Angriffe der türkischen Armee auf das nordsyrische Afrin besonders politisch aufgeladen. Die Kundgebung in Hannover steht unter dem Motto „Newroz heißt Widerstand – der Widerstand heißt Afrin“.
© 2018 WAZ.de

UN-RESOLUTION 64/253

Verabschiedet auf der 71. Plenarsitzung am 23.
Februar 2010, ohne Abstimmung, auf der Grundlage des Resolutionsentwurfs A/64/L.30/Rev.2 und Add.1,
eingebracht von: Afghanistan, Albanien, Aserbaidschan, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Indien, Iran (Islamische Republik), Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan.
64/253. Internationaler Nouruz-Tag
Nouruz (Nowruz, Navruz, Nooruz, Nevruz, Nauryz) bedeutet „neuer Tag“ und wird jährlich am 21. März begangen; die Schreibung und die Aussprache des Namens können je nach Land verschieden sein.

Die Generalversammlung,
in Bekräftigung der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen, insbesondere des Ziels, eine internationale Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem, sozialem und
kulturellem Gebiet herbeizuführen,
unter Hinweis auf ihre Resolution 56/6 vom 9. November 2001 über die Globale Agenda für den Dialog zwischen den Kulturen,
sowie unter Hinweis auf die von der Generalkonferenz der Organisation der Vereinten
Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur am 4. November 1966 verabschiedete Erklärung über die Grundsätze der internationalen kulturellen Zusammenarbeit (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization,
Records of the General Conference,
Fourteenth Session, Paris, 1966, Resolutions, Kap. IV, Resolution 8.)
,
in Bekräftigung der von der Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur am 2. November 2001 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt, namentlich des darin enthaltenen Aufrufs zu verstärkter Solidarität auf der Grundlage der Anerkennung der kulturellen Vielfalt, des Bewusstseins um die Einheit der Menschheit und der Entwicklung eines interkulturellen Austauschs,
unter Berücksichtigung des von der Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur am 17. Oktober 2003 verabschiedeten Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes ( United Nations, Treaty Series, Vol. 2368, Nr. 42671. Amtliche deutschsprachige Fassungen: öBGBl. III Nr. 76/2009; AS 2008 4801. ) und in der Erkenntnis, wie wichtig es ist, das immaterielle Kulturerbe, darunter gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu erhalten,
in Anbetracht der Interdependenz zwischen dem immateriellen Kulturerbe und dem materiellen Kultur- und Naturerbe,
es begrüßend, dass der Nouruz von der Organisation der Vereinten Nationen für Er-ziehung, Wissenschaft und Kultur am 30. September 2009 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde,
unter Hinweis auf das am 16. September 2005 auf der Plenartagung der Generalversammlung auf hoher Ebene verabschiedete Ergebnis des Weltgipfels 2005 (Siehe Resolution 60/1.), in dem unter anderem anerkannt wird, dass alle Kulturen und Zivilisationen zur Bereicherung der Menschheit beitragen,
betonend, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit durch Bildung, Medien und kulturelle Aktivitäten zu sensibilisieren, um die für die Festigung des Weltfriedens und die Verwirklichung der internationalen Zusammenarbeit unerlässliche Kenntnis der nationalen Kulturen, des Weltkulturerbes und der kulturellen Vielfalt zu fördern,
erneut erklärend, dass die Errungenschaften der verschiedenen Kulturen das gemeinsame Erbe aller Menschen bilden und für die gesamte Menschheit eine Quelle der Inspiration und des Fortschritts sind,
unter Betonung der Notwendigkeit, ein objektives Verständnis aller Kulturen herbeizuführen und die konstruktive Interaktion und Kooperation zwischen den Kulturen zu fördern,
feststellend, dass der Nouruz, der Tag der Frühlingstagundnachtgleiche, von mehr als 300 Millionen Menschen in der ganzen Welt als Beginn des neuen Jahres begangen und im Balkan, im Kaukasus, im Nahen Osten, im Schwarzmeerbecken, in Zentralasien und in anderen Regionen seit über 3.000 Jahren gefeiert wird,
hervorhebend, wie wichtig Prozesse der gegenseitigen kulturellen Bereicherung sind und dass der Austausch zwischen den Kulturen, der die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit erleichtert, gefördert werden muss,
eingedenk dessen, dass einer Kultur des harmonischen Zusammenlebens mit der Natur, wie sie bei allen Zivilisationen der heutigen Welt zu finden ist, eine immer größere Bedeutung und Relevanz zukommt,
sowie eingedenk dessen, dass der Nouruz als Ausdruck der Einheit von Kulturerbe und jahrhundertelangen Traditionen eine wichtige Rolle dabei spielt, die Bindungen zwischen den Völkern auf der Grundlage der gegenseitigen Achtung und der Ideale des Friedens und der guten Nachbarschaft zu stärken,
in Anbetracht dessen, dass den Traditionen und Ritualen des Nouruz Merkmale der alten Kulturbräuche der Zivilisationen in Ost und West zugrunde liegen, die diese Zivilisationen durch den Austausch menschlicher Werte geprägt haben,
feststellend, dass der Nouruz auf die Bejahung des Lebens in Eintracht mit der Natur, das Bewusstsein der untrennbaren Verknüpfung zwischen konstruktiver Arbeit und den natürlichen Kreisläufen der Erneuerung und eine fürsorgliche und respektvolle Haltung gegenüber den natürlichen Quellen des Lebens gerichtet ist,
1. erkennt den 21. März als Internationalen Nouruz-Tag an;
2. begrüßt die Anstrengungen der Mitgliedstaaten, in denen der Nouruz begangen wird, zur Bewahrung und Weiterentwicklung der mit ihm verbundenen Kultur und Traditionen;
3. ermutigt die Mitgliedstaaten, sich darum zu bemühen, den Nouruz stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, und gegebenenfalls jährliche Veranstaltungen zur Begehung dieses Festes zu organisieren;
4. fordert die Mitgliedstaaten, in denen der Nouruz begangen wird, auf, die Ursprünge und Traditionen dieses Festes zu untersuchen, um das Nouruz-Erbe in der internationalen Gemeinschaft bekannt zu machen;
5. bittet die interessierten Mitgliedstaaten, die Vereinten Nationen, insbesondere ihre zuständigen Sonderorganisationen, Fonds und Programme, vor allem die Organisationder Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, und die interessierten internationalen und regionalen Organisationen sowie die nichtstaatlichen Organisationen, an den Veranstaltungen teilzunehmen, die von den Staaten organisiert werden, in denen der Nouruz begangen wird.

Sigrid Grajek für Claire Waldoff: Sie lebte einfach ganz selbstverständlich so, wie es ihr passte

Portrait — Sigrid Grajek
Lebe, wie es dir passt!
Sie lebte offen lesbisch und soff am liebsten Korn: Claire Waldoff war in den 1920ern der Star des Berliner Varietés. Kabarettistin Sigrid Grajek verwaltet ihr künstlerisches Erbe. Wir sprechen über die Parallelen zweier außergewöhnlicher Frauenleben.
MYP N° 22 »Widerstand« — 22. Januar 2018
Interview & Text: Katharina Weiß, Fotos: Manuel Puhl
Sigrid Grajek hat einen Vogel. Eigentlich sogar drei. In ihrer Wohnung im Berliner Bergmannkiez lebt sie zur Zeit mit Fideli und Sir Francis, der wiederum Flattermann Freddie aus dem Fenster vertrieben hat. …
Wer der Kabarettistin Sigrid Grajek zuhört, stellt schnell fest: Alle ihre Geschichten leuchten. Lire la suite

Debatte um #MeToo: Leïla Slimani antwortet Catherine Deneuve

Wird man als Schwein geboren?
Spiegel online – 13.01.2018 17:18
Ein Gastbeitrag von Leïla Slimani
Auf der Straße herumlaufen. Abends die Metro nehmen. Einen Minirock tragen, ein Dekolleté, High Heels. Allein mitten auf der Tanzfläche tanzen…. Nachts arbeiten. Mein Kind in der Öffentlichkeit stillen. Eine Gehaltserhöhung fordern. In all diesen banalen Alltagssituationen will ich das Recht haben, nicht belästigt zu werden. Das Recht, nicht einmal darüber nachzudenken.
DEUTSCHER ARTIKEL WEITER UNTER DEM FRZ. ORIGINAL

Tribune
«Un porc, tu nais ?»
Libération — 12 janvier 2018 à 09:27
Par Leïla Slimani, Ecrivaine, prix Goncourt 2016

Foto (c) Joël Saget/AFP: Leïla Slimani, en septembre 2016.

Marcher dans la rue. Prendre le métro le soir. Mettre une minijupe, un décolleté et de hauts talons. Danser seule au milieu de la piste. Lire la suite

Besuch bei Dong Eun und des Nationalmuseums

Samstag, 26.07.
Reis, Suppe,Gemüse
Frühstück besteht (fast immer) aus Reis, Suppe und den vielen eingelegten Gemüsesorten, die in dem, nee, einem der drei Riesenkühlschränke aufbewahrt werden. Fisch oder Fleisch auch, frisch zubereitet, in kleinen Portionen. Auch wenn man die Beilagen, die in großer Menge vorbereitet werden, immer aus dem Kühlschrank servieren kann, so verbringt eine nicht berufstätige Frau wie meine Schwägerin doch sehr viel Zeit in der Küche. Ältere Männer kümmern sich nie darum, jüngere werden, wenn sie sich mal dahin verirren – hab ich einmal erlebt -, hinauskomplimentiert .

Heute sind wir bei meinem Neffen Dong-Eun und seiner Frau Soo-Young eingeladen, zum reichhaltigen Essen und Besuch des Nationalmuseums. Lire la suite

gorleben im november

Schöne Nachrichten aus Frankreich:
Vendredi 5 novembre, le « train d’enfer » de onze CASTOR (conteneurs de déchets de très haute activité) a quitté le terminal ferroviaire de Valognes (Manche) pour retourner en Allemagne. 25 mobilisations sont prévues en France, dont 21 sur le trajet du train. Suite aux fortes mobilisations (blocage à Caen…) l’itinéraire a été modifié, mais nous publions les nouveaux horaires.

taz 07.11.2010
Castor und Protestkultur

Die Rebellion der Bürger

Etwa 35.000 Menschen demonstrieren am Wochenende im Wendland gegen den einfahrenden Castor-Transport. Etabliert sich die neue Protestbewegung? VON PETER UNFRIED

WENDLAND taz | Wenn die meisten der angereisten Protestbürger schon wieder zuhause sitzen, fängt die Arbeit für die Initiativen und für die Wendländer erst richtig an. Einen Termin für Montag ausmachen? Es gibt nur einen Termin, und den muss keiner in den Kalender eintragen: Protest gegen den einfahrenden Castor-Transport mit dem stark strahlenden Atommüll auf dem letzten Abschnitt ins Zwischenlager Gorleben. Zu dem Zeitpunkt haben dann auch die vormals kommunikativen Polizisten ihr Visier heruntergeklappt. Kein einheimischer Protestierender, heißt es, der in 33 Jahren noch nicht verprügelt worden wäre.
Der Protest gegen ein Endlager für schwer radioaktiven Atommüll im Salzstock von Gorleben sei inzwischen in der dritten Generation, wird gern gesagt. In manchen Familien ist es bereits die vierte Generation, die am Freitag früh bei einer Schülerdemo durch Lüchow ihr Demonstrationsrecht vor die Schulpflicht stellt. Ein jugendlicher Sprecher kündigt auf dem Marktplatz hartnäckigen Widerstand an, bis die Politik erkenne, « dass man Geld nicht essen kann ». Auch diese Indianer-Weisheit ist inzwischen in der vierten Generation im Repertoire deutscher Umweltaktivisten.
Das Castor-Wochenende mit seinen vielen « traditionellen » Veranstaltungen ist halt längst auch ein Ritual. Trotz 18.000 Polizisten hat es sehr schöne Momente und ist an der Oberfläche einer Kirmes nicht unähnlich – nur dass die Bierzelte fehlen und die Marketender auf der zentralen Protestveranstaltung Ökostrom, die grüne Partei und Bio-Apfelsaft verkaufen wollen. Veganes Schmalzbrot gibts umsonst. Schmeckt gut.
Genau in dem Moment, da die Kundgebung am Samstagnachmittag in Splietau nahe Dannenberg beginnt, knallt die Sonne durch. Es korrespondiert gut mit den tausenden gelben Anti-Atom-Fahnen und einer Schweigeminute für den im Oktober verstorbenen Hermann Scheer, den Propheten der solaren Revolution. Das Meiste, was von der Bühne hallt, ist Anti-Atom-Peptalk. Manches bleibt hängen.
Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative Umwelt Lüchow-Dannenberg, verkündet den kompletten Bruch zwischen Politik und Gesellschaft: « Wir haben den Glauben an die Regierungen verloren », sagt sie. Plural. Das geht nicht nur gegen Angela Merkel und die aktuelle Regierungskoalition aus Union und FDP, wie Grüne und SPD diesen Protest gern deuten wollen. Da ist auch rot-grüne Endlagerpolitik nicht vergessen und es wird, wie im Stuttgarter Konflikt, eine andere politische Kultur und eine neue Form von Bürgerbeteiligung bei zukunftsentscheidenden Großprojekten eingeklagt.
Dass Protestbürger aus Stuttgart gekommen sind, wird auf der Bühne gefeiert. Es ist wichtig, um eine Nähe der beiden großen Bewegungen dieser Tage zu belegen. In Stuttgart sitzt man inzwischen an einem Schlichtungstisch, für Gorleben ist so ein Anfang eines politischen Prozesses nicht in Sicht. Oder doch? « Stuttgart steht dafür, dass zurückliegende unverantwortliche Entscheidungen doch noch überprüfbar sind », sagt Rebecca Harms, « das hat man hier die ganze Zeit gewollt. » Stuttgart zeige, dass etwas gehe.
Harms ist Wendländerin und Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament. Sie war von Anfang an im Widerstand und hat vor vielen Jahren das getan, wonach in diesen Tagen gerufen wird: bürgerliches Engagement erweitern und in die Politik gehen, um dort für die Sache zu kämpfen. Was sie, obwohl « Ikone » (Bild) der Bewegung, für eine Demo-Rede disqualifiziert. Politiker dürfen bei der Großdemo nicht reden. Begründung: Sie redeten sonst schon genug.
Harms sieht zwar eine « neue Bereitschaft zum Konflikt mit der Bundesregierung » als Grundlage des wachsenden Atomprotestes; sie ist aber entgegen der derzeitigen Polarisierung der Ansicht, dass das Atomproblem nur im großen Konsens zu lösen sei, nicht durch Parteienstreit. Und auch « nicht mit einem schlichten Nein ». Die Alternative müsse eine klare Kontur haben. Die große Alternative, die Energiewende, mobilisiert indes nicht annähernd so viele Menschen wie eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Tja, sagt Harms, die Frage sei, was Bürger in Bewegung setze. Das Wichtigste sei, dass der Umbau beginne.
Während tausende Polizeiwannen am Freitagnacht leere Straßen bewachen, sitzt in einem kleinen Weiler namens Kukate ein Kreis namens Grüne Werkstatt Wendland zusammen und diskutiert einen Umbau. Genauer gesagt: ein Kultur- und Kreativwirtschaftscluster für die Zukunft des 50.000 Einwohner kleinen Landkreises. Die These lautet: Nachhaltiges Design muss unternehmerisch integriert werden, um künftig nicht von mehr und mehr Märkten ausgeschlossen zu sein. Man solle beim Wort Wendland nicht nur an Trecker denken, sagt ein Teilnehmer. Oder an eine strukturschwache und verkehrsinfrastrukturell schwach angebundene Region. Oder an eine Künstlerenklave. Und eben auch nicht nur an den Endlager-Widerstand. Sondern an eine begehrenswerte Gegend, in der Zukunft klug, nachhaltig und schön gestaltet wird.
Samstags sieht man einige der Kreativwirtschaftler wieder in der Menge, die die Veranstalter mit 50.000 angeben. Demnach « die größte Demonstration der Anti-AKW-Bewegung im Wendland ». Sehr viel mehr als vor zwei Jahren. Die Zufahrtstraßen sollen zu sein, wie einst jene in Woodstock. Sind jene zurück, die vor vielen Jahren demonstrierten, weil Merkel den gesellschaftlichen Frieden gebrochen hat? Sind vormals Unpolitische da, die früher nie die Konfrontation mit dem Staat gesucht haben? Gehört ziviler Ungehorsam im 21. Jahrhundert zum selbstverständlichen Kanon der bürgerlichen Pflichten, Sitzblockaden zur Pflicht eines grünen Parteimitglieds, ist Schottern das neue große Bürgerrevolteding oder eine schlimme Chaoten-Straftat?
Der Kampf um Deutung und Deutungshoheit des Protest-Wochenendes zwischen Regierung, Opposition und außerparlamentarischer Opposition wird ähnlich verbissen geführt wie der zwischen den Premiumprotestierenden und der Polizei.
Als Reporter vor Ort kann man so viel sagen: Es sind sehr viele Menschen da, und es werden im Lauf der Kundgebung immer mehr. Stichproben ergeben: Es gibt Leute, die sagen, dass sie zum ersten Mal demonstrieren. Es gibt graue Veteranen mit « Brokdorf »-Pedigree, die jetzt wieder demonstrieren. Die Laufzeitverlängerung der Merkel-Regierung habe in ihnen « Dauerwut » ausgelöst. Nun planen sie « Dauerprotest ».
Auch der Hamburger Musiker und Schriftsteller Rocko Schamoni ist zum ersten Mal dabei. Er habe das Gefühl gehabt, angesichts des Gemauschels zwischen Regierung und Energiekonzernen sei es notwendig, Präsenz zu zeigen. Der erfolgreiche Künstlerprotest gegen die Gentrifizierung des Hamburger Gängeviertels habe gezeigt, « dass man Gelände zurückgewinnen kann, wenn man sich massiv zur Wehr setzt ».
Zwar versuchen praktisch alle Anti-Atom-Kommunikationstrategen die aktuelle Laufzeitverlängerung und die örtliche Endlager-Drohung als eine Sache zu sehen, die allen Protestierenden gleich wichtig sei; doch im Grunde sind es wohl selbst bei den Angereisten parallel laufende Proteste: gegen Laufzeitverlängerung. Gegen das, was als Arroganz und Ausverkauf der herrschenden politischen Klasse empfunden wird. Gegen die Regierung – von Bürgern, die sich ein Jahrzehnt damit schwertaten, weil andere Parteien Regierung waren. Gegen ein Endlager in Gorleben.
Für Leute, die am Abend oder nach ein paar Tagen wieder nach Hause fahren, verblasst das seltsame Gefühl womöglich wieder, das man hat, wenn man an den Anlagen südlich des kleinen Ortes vorbeifährt. Für die Protestbürger im Wendland ist es aber der permanente Antrieb allen Widerstands, dass Gorleben als Endlagerstandort aufgegeben werden muss. Denn auch zu rot-grünen Zeiten rollte der Castor und der « gesellschaftliche Großkonflikt » war ja nie wirklich erledigt. Manche Protestierende gruselt die Vorstellung, der frühere grüne Umweltminister Jürgen Trittin könne sich neben sie in eine Sitzblockade einreihen. Gewissensfrage: Müsste man ihn dann wegtragen?
Es gibt übrigens auch Wendländer Schülerinnen, die während der Lüchower Demo in der Kneipe sitzen und Karten spielen. Demo? Brummelbrummel. Sie sind alle blondiert, aber das kann Zufall sein. Es gibt einen Dissidenten in Dannenberg, der sich furchtbar aufregt über den Bürgerprotest. Gegen die gesellschaftliche Mehrheit im Café in der Langen Straße schreit er herum, dass der Protest nichts bringe, nie was gebracht habe, nur Milliarden koste und ihn persönlich 600 Euro. Die Verkäuferin sagt vorsichtig: « Was kostet heute kein Geld? » Und der Protestkritiker: « Aber es kostet mein Geld. »
Und dann gibt es noch etwas, was man die Veränderung der Bewertung des Polizeieinsatzes im öffentlichen Diskurs nennen könnte. Wenn die Polizei im Wendland die Wasserwerfer rausgeholt und bei minus 20 Grad auf höchsten Druck geschaltet hat, dann kratzte das an anderen Orten viele überhaupt nicht. Gorleben war weit weg. Als nun in Stuttgart nach einem Wasserwerfer-Einsatz schnell auch der Politik klar war, dass man mit Bürgern so nicht umgehen kann, da habe man « staunend dahingeschaut », sagt Rebecca Harms.
Es ist Sonntag. Sie steht im Wald. Leute drängen Richtung Schiene. « Was für Stuttgart gilt, muss auch für das Wendland gelten », sagt sie. Um sie herum werden die Wasserwerfer in Stellung gebracht.

taz 08.11.2010
Castor-Reaktionen in Frankreich

Medienbluff der Atomkraftgegner

Die Castorblockade ist nicht länger ein rein deutsches Thema. Auch in Frankreich findet der Protest gegen die Atomkraft zunehmend Raum in der Berichterstattung. VON RUDOLF BALMER

Selten haben französische Medien so ausführlich nicht nur über die Widerstandsaktionen gegen einen Castor-Atomtransport berichtet, sondern auch über die (ungelöste) Frage der Entsorgung des Atommülls.
Dank der intensiven Pressearbeit zwischen dem französischen Netzwerk Sortir du nucléaire und Greenpeace Frankreich und Deutschland, wurde auch deutlich, wie gut heute die deutsch-französische Freundschaft beim Widerstand gegen die Atomtransporte quer durch Europa funktioniert. Noch bis vor Kurzem wurden die Anti-Castor-Demonstrationen vorwiegend als deutsches Thema gesehen.
Schon vor der Abfahrt des schwer bewachten Zugs in Valognes zeigten öffentliche und private Fernsehsender nicht nur die üblichen Kurzsequenzen von Demonstranten in Anti-Atom-Overalls, sondern ließen Greenpeace-Sprecher Pascal Husting und verschiedene Mitglieder von Sortir du nucléaire zu Wort kommen.
Die Nachrichtensendungen zeigten auch, wie entlang der Strecke Strahlen gemessen wurden und wie Aktivisten in Caen den Zug blockierten. Sechs von diesen « Störenfrieden » drohe nun laut Le Figaro am 8. Dezember ein Prozess. Die konservative Zeitung betont zudem, dass wegen der Aktionen rund tausend Beamte im Einsatz standen, was sich im Vergleich zum Polizeimarsch in Deutschland allerdings schon fast bescheiden ausnimmt.
Le Figaro zitiert im Bemühen um eine ausgewogene Berichterstattung wie die meisten Zeitungen auch den Sprecher des Atomkonzerns Areva, der sich über den « Medienbluff » der Atomkraftgegner ärgert, welche seiner Meinung nach « die Angst der Leute missbrauchen ». Er spielt damit auf die Warnung an, dass dieser Zug wegen der außerordentlich großen Mengen radioaktiver Rückstände ein « rollendes Tschernobyl auf Schienen » sei.
Die Sonntagszeitung Journal du Dimanche hob auch die « Rekorde » hervor: « Es handelt sich um die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres. Es ist auch der am schwersten bewachte Zug zwischen Valognes (am Ärmelkanal), von wo der Castor am Freitag aufgebrochen ist, und Gorleben im Norden Deutschlands, wo er zu einem noch unbekannten Zeitpunkt eintreffen soll. » Bemerkenswert sei auch, dass es dem Absender Areva nicht mehr gelinge, den Castortransport in aller Heimlichkeit zu organisieren und abzuwickeln.
Es ist nicht zuletzt einigen gut recherchierten Reportagen zu verdanken, dass in letzter Zeit auch in Frankreich, wo 58 Reaktoren fast 80 Prozent der Elektrizität produzieren, die Entsorgungsfrage kein Tabu mehr ist. Diese Informationsarbeit hat unter anderem zur Folge, dass die Urantransporte aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Tomsk in Sibirien eingestellt werden.
Umgekehrt wächst nun der Druck auf die Anwohner von Bure, einer Ortschaft in Lothringen, der als Standort für eine Endlagerung in Lehmschichten in 500 Metern Tiefe designiert wurde. Denn die Polemik um die Castortransporte hat auch der französischen Atomlobby klargemacht, dass ohne dauerhafte und glaubwürdige Lösung für die Endlagerung die Kerntechnologie selbst in Frankreich die Zustimmung der öffentlichen Meinung verlieren kann.

10.11.2010
Die taz unterwegs im Wendland

Mein Castor

Aufblasbare Tierchen, fast-tödliche Hirsche, Azteken-Kakao und Schienenblockaden: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der taz über ihr schönstes Castorerlebnis. Oder über ihr hässlichstes. VON DER TAZ-CASTOR-GRUPPE

Sonntagmorgen auf den Schienen bei Harlingen. Sitzblockade. Auf den Gleisen sitzt ein Pärchen. Die beiden sind über sechzig und um Deeskalation bemüht. Sie befragen den Polizisten, der vor der Sitzblockade steht. Besonders die Frau gibt sich Mühe. Nach fünf Minuten hat sie herausbekommen, dass der Beamte aus Sachsen kommt und irgendwie ja auch gegen Atomkraft ist, sich aber Sorgen macht, wenn der Castor wegen der Blockade so lange in der Landschaft steht und alles verstrahlt. Er mache eben nur seinen Job.
Die Demonstrantin sagt: « Aber man kann seinen Job so oder so machen, das ist wie als Kassiererin im Supermarkt. » Der Polizist schaut zu seinem Kollegen nach rechts. « Man kann freundlich sein und grüßen und danke sagen », sagt die Frau. « Oder die Leute anblaffen. » Als sie ihn überreden will, von dem Kitkat, das er gerade ausgepackt hat, auf Fairtrade-Süßigkeiten umzusteigen, sagt der Polizist nichts mehr. LUISE STROTHMANN
Bahnhof Berg. Südblockade am Samstag. 12.30 Uhr. Es ist kalt und nass. Es herrscht Windstärke 12 (gefühlt). Egalité pur: Es frieren die Demonstranten, die Polizisten, die Journalisten. Dann kommt ER und schwingt die Alarmglocke: Der fetteste Bäcker der Südpfalz. Der ein Näschen fürs dicke Geschäft hat. In seinem Van stapeln sich Hörnchen, Brötchen und Brezeln. Hunderte stürzen sich darauf. Gerettet auch ich: Ein Schokostückchen und zwei Brezeln erbeutet. Eine Brezel biete ich einer leer ausgegangenen schönen Polizistin an. Sie blickt mich bitterböse an und beißt mir dann fast in die Hand. KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT
Mit Luftmatratzen und aufblasbaren Tierchen, mit Bauhandschuhen und Schutzbrillen, in Overalls, ausgestopft mit Stroh oder Schaumstoff, ziehen hunderte Atomkraftgegner am Sonntagmorgen durch Wälder und Wiesen. So sehen also Schotterer aus. Am Ziel angekommen, wühlen die einen Steine aus dem Gleisbett, während die Umpolsterten Knüppel einstecken, um die Polizisten fernzuhalten. Stoppen können die Schotterer den Castor nicht. Aber sie zeigen: Protest ist nicht mehr nur Lichterkette. Das ist Wendland 2010: entschlossener Ungehorsam – wütend, friedlich. KONRAD LITSCHKO
Hunderte Castorgegner, von Schlagstöcken und Pfefferspray lädiert, ziehen nach einem Scharmützel zwischen Schotterern und Polizisten über einen Waldweg ab, an dem ein Wasserwerfer parkt. An dessen Windschutzscheibe ist ein Buch platziert: « Unter Linken » vom Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer, eine bitterböse Abrechnung mit dem linken Milieu. Nun beobachteten die Polizisten zufrieden, wie immer Demonstranten irritiert stehen bleiben. Doch, auch Polizisten können kreativ sein. CHRISTIAN JAKOB
Ich konnte dem Tod knapp von der Schippe springen. Schuld an meinem Beinahe-Ableben ist der Castor. Besser gesagt, die Polizei, die sich in den Wäldern um Gorleben einnistete, als wolle sie dort ihr Hauptquartier errichten. Das machte das Wild verrückt. Rehe und Hirsche wussten nicht mehr, wohin sie fliehen sollten. Bis ich kam. Fünfmal rannten mir Hirsche und Rehe vors Auto. Am Ende fuhr ich 20 und war nachts um drei im Quartier. SIMONE SCHMOLLACK
Bahnkilometer 188, westlich von Harlingen, in der Nacht von Sonntag zu Montag. Die Luft ist eisig, auf den Feldern liegt Raureif. Der Weg zum Gleis scheint endlos. In diesem einsamen Wald, bei dieser Kälte sollen 3.000 Menschen auf der Schiene sitzen? Kaum vorstellbar. Aber wahr. Die Menschen sind da. Dicht an dicht sitzen und liegen sie auf und neben dem Gleis, das in einer fünf Meter tiefen Schlucht liegt. Und: keine Spur von Tortur. Stattdessen Decken und Stroh. Suppe, Schokolade und Tee. Lagerfeuer, Gitarrenmusik und Gespräche. Und, anders als beim Campingurlaub, noch das Gefühl, das Richtige zu tun. MALTE KREUTZFELDT
Laase. Letzter Ort vor dem Zwischenlager. Als der Atommüll vorbeikommt und keine Chance mehr bleibt, ihn aufzuhalten, da stehen die Menschen in ihren Feldern und weinen. Und als es vorbei ist, spielen sie ein Lied: « Always look on the bright side of life. » Laase, das Synonym einer Demütigung: 17.000 Polizisten tagelang im Einsatz gegen das Gefühl des Einzelnen, etwas ausrichten zu können. Es sind jene letzten Minuten, die mich bedrücken und mir das Gefühl geben: Am Ende gewinnt doch der Stärkere. FELIX DACHSEL
Kalt ist es. Kaum Wind, der Wald schützt. Die mit Rauch gefüllte Riesenseifenblase steigt ruhig in den sternenklaren Himmel. Immer wieder blitzt sie durch die Partyscheinwerfer. Die Menge staunt, klatscht, jubelt. Zu Balkanbeats und Techno hab ich die letzten paar Stunden mit Mitgliedern meiner Bezugsgruppe Linden 22 am Musikwagen getanzt. Als die Party vorbei ist, um 22.30 Uhr, wollen wir noch nicht schlafen.
Doch wer nachts in der Blockade nicht schläft, friert. Nur an den Feuertonnen – fünf Tonnen hat die Polizei auf der Straße zwischen dem Dorf Gorleben und dem Zwischenlager genehmigt – lässt es sich aushalten. Sogar ohne Jacke. Sogar ohne Pulli, als die Flammen kurz aufflackern. Pizza hatten wir schon, Waffeln auch und die Gemüse-Flatrate sowieso. Der kulinarische Höhepunkt dann an der Tonne: « Kakao wie bei den Azteken », sagt einer, was aber nicht stimmt. Die Azteken hatten doch keinen Schoko-Nuss-Harmonie-Kakao aus selbst gemachter Sojamilch. Deswegen: Kakao – noch besser als bei den Azteken. JULIA SEELIGER
Das Beeindruckendste an diesem Wochenende ist, wie müde die Polizei aussieht. Eines muss ja auch mal raus: Auch wenn viele dieser Beamten im Göhrder Wald übel, fies und mopsig gegen rund 3.500 weitgehend friedliche Demonstranten vorgingen und diese mit einigen wenigen Autonomen verwechselten, war das Gros der Polizei völlig überfordert, überstrapaziert und oft schlecht organisiert. Nur bemitleidenswerte Statisten in einem Schauspiel, das andere dirigierten: Da drüben Angela Merkel, hier all diese Widerständler. Das war so traurig, da hilft nur eins, meine Damen und Herren Beamten: sabotieren, demonstrieren, mitmarschieren. Aber auf der richtigen Seite. Und wenn nicht – dann trotzdem mein herzlichstes Beileid. MARTIN KAUL

taz 10.11.2010

Der beste Castor aller Zeiten

BILANZ Der größte, teuerste und umstrittenste Castoreinsatz der deutschen Geschichte erreicht mit anderthalb Tagen Verspätung sein Ziel
WENDLAND taz | Jetzt ist es vorbei. Als am Dienstag um 9.46 Uhr die elf weißen Castortieflader ins Zwischenlager Gorleben rollen, ist es ruhig geworden im umliegenden Wald. Jochen Stay, das Gesicht des Anti-Atom-Widerstands, steht in seiner gelben Regenjacke hinter Polizeigittern gegenüber den großen Gittertoren des Lagers und guckt zu. Die vergangene Nacht hat er bei der Sitzblockade verbracht. Er hat keine Minute geschlafen. « Früher war ich in diesem Moment immer frustriert », sagt er. « Diesmal irgendwie ganz und gar nicht. »
Nach 96-stündiger Fahrt und mit anderthalb Tagen Verspätung ist der langwierigste, teuerste und vermutlich am stärksten umkämpfte Atommüll-Transport in der deutschen Geschichte am Dienstag im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben eingetroffen.
Der Zug, der am Freitag im französischen Valognes gestartet war, wurde von großen Demonstrationen und Blockadeaktionen begleitet, die den Koloss bereits seit Frankreich immer wieder aufhielten (siehe unten).
Hinter Jochen Stay und all den anderen Atomkraftgegnern liegen drei Tage, in denen sie dem Staat einiges abverlangt haben. Denn diese Proteste waren größer und wirksamer als alle vorherigen.
Bereits in der Nacht zu Montag hatten bis zu 5.000 Menschen über 20 Stunden teils bei Minusgraden auf einem Schienenstück in der Nähe der Ortschaft Harlingen den Tross für eine ganze Nacht lang aufgehalten. Als der Zug nach der Räumung am Montag dann wieder rollen konnte, um die Castoren am Verladekran in Dannenberg für das letzte Straßenstück auf Schwertransporter zu verladen, folgten zwei weitere Blockaden: Keine 300 Meter vom Zwischenlager in Gorleben entfernt hielten es bis zu 4.000 Menschen auf Stroh, Isomatten und Decken bis Dienstagmorgen aus, ehe die Polizei die bis dato längste Sitzblockade der Wendlandgeschichte auflöste. Zu diesem Zeitpunkt hatten manche Demonstranten es bereits 43 Stunden am Stück in der Blockade ausgehalten.
Mit einem weiteren Coup sorgte Greenpeace in der Nacht zu Dienstag dafür, dass der Transport eine weitere Nacht stillstehen musste: Am Montagabend hielt ein zunächst unscheinbarer Biertransporter auf der zentralen Weggabelung vor dem Verladekran. Im Inneren des Fahrzeugs hatten Greenpeace-Leute ein kompliziertes Stahlbetonsystem errichtet: Aus dem vermeintlichen Lieferwagen heraus senkten sie zwei mit Beton gefüllte Stahlschächte bis auf den Straßenasphalt hinab. Darin standen, miteinander verkettet, in Beton eingelassene Umweltschützer. Weil diese von innen zudem mit Bohrhaken den gesamten Laster an den Asphalt befestigt hatten, benötigte die Polizei 13 Stunden, ehe sie die Aktivisten befreien und den Lkw entfernen konnte.
Und das war längst nicht alles: Nachdem bereits im September bis zu 100.000 Menschen in Berlin gegen Atomkraft auf die Straße gegangen waren, kamen am Samstag 50.000 Demonstranten nach Dannenberg, in eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Und 4.000 Schotterer versuchten am Sonntag, die Gleise zu unterhöhlen. Eine Schäferin trieb 1.700 Schafe und Ziegen auf die Transportstrecke. Robin-Wood-Aktivisten hingen in den Bäumen. Ein Protest-Paraglider schwebte über dem Castortransport. Und die Bauern aus dem Wendland blockierten mit ihren Treckern Verkehrskreuzungen und ketteten sich in Blockadepyramiden auf der Strecke fest. Das ist die Protestbilanz.
Die Bilanz des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann (CDU) lautet hingegen: 20.000 Polizisten im Einsatz, darunter 78 durch « Störer » verletzte Beamte, zudem 8 Festnahmen, 1.316 Ingewahrsnahmen, 172 eingeleitete Strafverfahren und 117 beschlagnahmte Traktoren. Schünemann hält den Einsatz für schwierig und kräftezehrend: « Die Polizisten sind bis an die Grenzen ihrer Belastung gekommen. »
Ehrenamtliche Sanitäter erhoben am Dienstag Vorwürfe gegen die Polizei. Polizisten hätten am Sonntag verhindert, dass eine schwerverletzte Frau abtransportiert werden konnte. Auch seien Sanitäter selbst mit Schlagstöcken traktiert worden.
Während Schünemann über die Zahl der verletzten Atomkraftgegner keine Angaben machen wollte, zählte allein die Kampagne « Castor schottern » rund 1.000 Verletzte auf ihrer Seite, von denen viele Augenreizungen durch Pfefferspray, Knochenbrüche und Kopfplatzwunden erlitten haben sollen.
Vorwürfe gegen die Polizei erhob auch die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Die unter freiem Himmel errichtete Gefangenen-Sammelstelle, die vor Ort errichtet und mit Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern abgesichert war, sei rechtswidrig gewesen. Die Menschen seien bei Minusgraden ohne Kälteschutz festgehalten worden.
Damit sind im Wendland beispiellose Protesttage zu Ende gegangen, die in Berlin nicht unbeachtet blieben. Kaum wurde von Aktivisten im Wendland am Wochenende kritisch bemerkt, dass Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sich seit Amtsantritt noch nicht in Gorleben habe blicken lassen, sicherte dieser zu, noch in diesem Jahr einen Ortsbesuch zu machen.
« Wir haben gezeigt, dass mit uns gerechnet werden muss », sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek. Sie sieht die Pläne von Bundesregierung und Energiewirtschaft, hochradioaktiven Atommüll in den Salzstock Gorleben zu bringen, angesichts der Proteste als gescheitert an. Der Atomexperte von Greenpeace, Mathias Edler, bilanzierte: « Das war der Anfang vom Ende der Castortransporte ins Wendland, der Anfang vom Ende des Endlagerstandortes Gorleben und der Anfang vom Ende der Atompolitik. »
Doch die Frage bleibt: Nach einem Protestaufmarsch, den es so noch nie gegeben hat – wie kann es danach weitergehen? Anti-Atom-Veteran Jochen Stay setzt seinen Rucksack auf. Man kann zufrieden sein mit dem Erreichten dieser letzten Tage, sagt er. « Wir haben ein Signal gesetzt, das die Regierung nicht mehr ignorieren kann. » Jetzt werde der Protest auch weitergehen. Zu Stuttgart 21, zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, und wenn das Pannen-AKW in Krümmel Anfang 2011 tatsächlich wieder ans Netz gehen soll. « Die Diskussion hat jetzt erst richtig begonnen », glaubt Stay.
Doch auch Gegenseite wird nicht untätig bleiben: Nur wenige Stunden nach dem Castortransport ordnete das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie an, die Erkundungsarbeiten für das mögliche Atommüllendlager in Gorleben wieder aufzunehmen.
JÖRN ALEXANDER, FELIX DACHSEL,
CHRISTIAN JAKOB, MARTIN KAUL,
MALTE KREUTZFELDT, KONRAD LITSCHKO,
REIMAR PAUL, JULIA SEELIGER

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