gorleben im november

Schöne Nachrichten aus Frankreich:
Vendredi 5 novembre, le « train d’enfer » de onze CASTOR (conteneurs de déchets de très haute activité) a quitté le terminal ferroviaire de Valognes (Manche) pour retourner en Allemagne. 25 mobilisations sont prévues en France, dont 21 sur le trajet du train. Suite aux fortes mobilisations (blocage à Caen…) l’itinéraire a été modifié, mais nous publions les nouveaux horaires.

taz 07.11.2010
Castor und Protestkultur

Die Rebellion der Bürger

Etwa 35.000 Menschen demonstrieren am Wochenende im Wendland gegen den einfahrenden Castor-Transport. Etabliert sich die neue Protestbewegung? VON PETER UNFRIED

WENDLAND taz | Wenn die meisten der angereisten Protestbürger schon wieder zuhause sitzen, fängt die Arbeit für die Initiativen und für die Wendländer erst richtig an. Einen Termin für Montag ausmachen? Es gibt nur einen Termin, und den muss keiner in den Kalender eintragen: Protest gegen den einfahrenden Castor-Transport mit dem stark strahlenden Atommüll auf dem letzten Abschnitt ins Zwischenlager Gorleben. Zu dem Zeitpunkt haben dann auch die vormals kommunikativen Polizisten ihr Visier heruntergeklappt. Kein einheimischer Protestierender, heißt es, der in 33 Jahren noch nicht verprügelt worden wäre.
Der Protest gegen ein Endlager für schwer radioaktiven Atommüll im Salzstock von Gorleben sei inzwischen in der dritten Generation, wird gern gesagt. In manchen Familien ist es bereits die vierte Generation, die am Freitag früh bei einer Schülerdemo durch Lüchow ihr Demonstrationsrecht vor die Schulpflicht stellt. Ein jugendlicher Sprecher kündigt auf dem Marktplatz hartnäckigen Widerstand an, bis die Politik erkenne, « dass man Geld nicht essen kann ». Auch diese Indianer-Weisheit ist inzwischen in der vierten Generation im Repertoire deutscher Umweltaktivisten.
Das Castor-Wochenende mit seinen vielen « traditionellen » Veranstaltungen ist halt längst auch ein Ritual. Trotz 18.000 Polizisten hat es sehr schöne Momente und ist an der Oberfläche einer Kirmes nicht unähnlich – nur dass die Bierzelte fehlen und die Marketender auf der zentralen Protestveranstaltung Ökostrom, die grüne Partei und Bio-Apfelsaft verkaufen wollen. Veganes Schmalzbrot gibts umsonst. Schmeckt gut.
Genau in dem Moment, da die Kundgebung am Samstagnachmittag in Splietau nahe Dannenberg beginnt, knallt die Sonne durch. Es korrespondiert gut mit den tausenden gelben Anti-Atom-Fahnen und einer Schweigeminute für den im Oktober verstorbenen Hermann Scheer, den Propheten der solaren Revolution. Das Meiste, was von der Bühne hallt, ist Anti-Atom-Peptalk. Manches bleibt hängen.
Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative Umwelt Lüchow-Dannenberg, verkündet den kompletten Bruch zwischen Politik und Gesellschaft: « Wir haben den Glauben an die Regierungen verloren », sagt sie. Plural. Das geht nicht nur gegen Angela Merkel und die aktuelle Regierungskoalition aus Union und FDP, wie Grüne und SPD diesen Protest gern deuten wollen. Da ist auch rot-grüne Endlagerpolitik nicht vergessen und es wird, wie im Stuttgarter Konflikt, eine andere politische Kultur und eine neue Form von Bürgerbeteiligung bei zukunftsentscheidenden Großprojekten eingeklagt.
Dass Protestbürger aus Stuttgart gekommen sind, wird auf der Bühne gefeiert. Es ist wichtig, um eine Nähe der beiden großen Bewegungen dieser Tage zu belegen. In Stuttgart sitzt man inzwischen an einem Schlichtungstisch, für Gorleben ist so ein Anfang eines politischen Prozesses nicht in Sicht. Oder doch? « Stuttgart steht dafür, dass zurückliegende unverantwortliche Entscheidungen doch noch überprüfbar sind », sagt Rebecca Harms, « das hat man hier die ganze Zeit gewollt. » Stuttgart zeige, dass etwas gehe.
Harms ist Wendländerin und Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament. Sie war von Anfang an im Widerstand und hat vor vielen Jahren das getan, wonach in diesen Tagen gerufen wird: bürgerliches Engagement erweitern und in die Politik gehen, um dort für die Sache zu kämpfen. Was sie, obwohl « Ikone » (Bild) der Bewegung, für eine Demo-Rede disqualifiziert. Politiker dürfen bei der Großdemo nicht reden. Begründung: Sie redeten sonst schon genug.
Harms sieht zwar eine « neue Bereitschaft zum Konflikt mit der Bundesregierung » als Grundlage des wachsenden Atomprotestes; sie ist aber entgegen der derzeitigen Polarisierung der Ansicht, dass das Atomproblem nur im großen Konsens zu lösen sei, nicht durch Parteienstreit. Und auch « nicht mit einem schlichten Nein ». Die Alternative müsse eine klare Kontur haben. Die große Alternative, die Energiewende, mobilisiert indes nicht annähernd so viele Menschen wie eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Tja, sagt Harms, die Frage sei, was Bürger in Bewegung setze. Das Wichtigste sei, dass der Umbau beginne.
Während tausende Polizeiwannen am Freitagnacht leere Straßen bewachen, sitzt in einem kleinen Weiler namens Kukate ein Kreis namens Grüne Werkstatt Wendland zusammen und diskutiert einen Umbau. Genauer gesagt: ein Kultur- und Kreativwirtschaftscluster für die Zukunft des 50.000 Einwohner kleinen Landkreises. Die These lautet: Nachhaltiges Design muss unternehmerisch integriert werden, um künftig nicht von mehr und mehr Märkten ausgeschlossen zu sein. Man solle beim Wort Wendland nicht nur an Trecker denken, sagt ein Teilnehmer. Oder an eine strukturschwache und verkehrsinfrastrukturell schwach angebundene Region. Oder an eine Künstlerenklave. Und eben auch nicht nur an den Endlager-Widerstand. Sondern an eine begehrenswerte Gegend, in der Zukunft klug, nachhaltig und schön gestaltet wird.
Samstags sieht man einige der Kreativwirtschaftler wieder in der Menge, die die Veranstalter mit 50.000 angeben. Demnach « die größte Demonstration der Anti-AKW-Bewegung im Wendland ». Sehr viel mehr als vor zwei Jahren. Die Zufahrtstraßen sollen zu sein, wie einst jene in Woodstock. Sind jene zurück, die vor vielen Jahren demonstrierten, weil Merkel den gesellschaftlichen Frieden gebrochen hat? Sind vormals Unpolitische da, die früher nie die Konfrontation mit dem Staat gesucht haben? Gehört ziviler Ungehorsam im 21. Jahrhundert zum selbstverständlichen Kanon der bürgerlichen Pflichten, Sitzblockaden zur Pflicht eines grünen Parteimitglieds, ist Schottern das neue große Bürgerrevolteding oder eine schlimme Chaoten-Straftat?
Der Kampf um Deutung und Deutungshoheit des Protest-Wochenendes zwischen Regierung, Opposition und außerparlamentarischer Opposition wird ähnlich verbissen geführt wie der zwischen den Premiumprotestierenden und der Polizei.
Als Reporter vor Ort kann man so viel sagen: Es sind sehr viele Menschen da, und es werden im Lauf der Kundgebung immer mehr. Stichproben ergeben: Es gibt Leute, die sagen, dass sie zum ersten Mal demonstrieren. Es gibt graue Veteranen mit « Brokdorf »-Pedigree, die jetzt wieder demonstrieren. Die Laufzeitverlängerung der Merkel-Regierung habe in ihnen « Dauerwut » ausgelöst. Nun planen sie « Dauerprotest ».
Auch der Hamburger Musiker und Schriftsteller Rocko Schamoni ist zum ersten Mal dabei. Er habe das Gefühl gehabt, angesichts des Gemauschels zwischen Regierung und Energiekonzernen sei es notwendig, Präsenz zu zeigen. Der erfolgreiche Künstlerprotest gegen die Gentrifizierung des Hamburger Gängeviertels habe gezeigt, « dass man Gelände zurückgewinnen kann, wenn man sich massiv zur Wehr setzt ».
Zwar versuchen praktisch alle Anti-Atom-Kommunikationstrategen die aktuelle Laufzeitverlängerung und die örtliche Endlager-Drohung als eine Sache zu sehen, die allen Protestierenden gleich wichtig sei; doch im Grunde sind es wohl selbst bei den Angereisten parallel laufende Proteste: gegen Laufzeitverlängerung. Gegen das, was als Arroganz und Ausverkauf der herrschenden politischen Klasse empfunden wird. Gegen die Regierung – von Bürgern, die sich ein Jahrzehnt damit schwertaten, weil andere Parteien Regierung waren. Gegen ein Endlager in Gorleben.
Für Leute, die am Abend oder nach ein paar Tagen wieder nach Hause fahren, verblasst das seltsame Gefühl womöglich wieder, das man hat, wenn man an den Anlagen südlich des kleinen Ortes vorbeifährt. Für die Protestbürger im Wendland ist es aber der permanente Antrieb allen Widerstands, dass Gorleben als Endlagerstandort aufgegeben werden muss. Denn auch zu rot-grünen Zeiten rollte der Castor und der « gesellschaftliche Großkonflikt » war ja nie wirklich erledigt. Manche Protestierende gruselt die Vorstellung, der frühere grüne Umweltminister Jürgen Trittin könne sich neben sie in eine Sitzblockade einreihen. Gewissensfrage: Müsste man ihn dann wegtragen?
Es gibt übrigens auch Wendländer Schülerinnen, die während der Lüchower Demo in der Kneipe sitzen und Karten spielen. Demo? Brummelbrummel. Sie sind alle blondiert, aber das kann Zufall sein. Es gibt einen Dissidenten in Dannenberg, der sich furchtbar aufregt über den Bürgerprotest. Gegen die gesellschaftliche Mehrheit im Café in der Langen Straße schreit er herum, dass der Protest nichts bringe, nie was gebracht habe, nur Milliarden koste und ihn persönlich 600 Euro. Die Verkäuferin sagt vorsichtig: « Was kostet heute kein Geld? » Und der Protestkritiker: « Aber es kostet mein Geld. »
Und dann gibt es noch etwas, was man die Veränderung der Bewertung des Polizeieinsatzes im öffentlichen Diskurs nennen könnte. Wenn die Polizei im Wendland die Wasserwerfer rausgeholt und bei minus 20 Grad auf höchsten Druck geschaltet hat, dann kratzte das an anderen Orten viele überhaupt nicht. Gorleben war weit weg. Als nun in Stuttgart nach einem Wasserwerfer-Einsatz schnell auch der Politik klar war, dass man mit Bürgern so nicht umgehen kann, da habe man « staunend dahingeschaut », sagt Rebecca Harms.
Es ist Sonntag. Sie steht im Wald. Leute drängen Richtung Schiene. « Was für Stuttgart gilt, muss auch für das Wendland gelten », sagt sie. Um sie herum werden die Wasserwerfer in Stellung gebracht.

taz 08.11.2010
Castor-Reaktionen in Frankreich

Medienbluff der Atomkraftgegner

Die Castorblockade ist nicht länger ein rein deutsches Thema. Auch in Frankreich findet der Protest gegen die Atomkraft zunehmend Raum in der Berichterstattung. VON RUDOLF BALMER

Selten haben französische Medien so ausführlich nicht nur über die Widerstandsaktionen gegen einen Castor-Atomtransport berichtet, sondern auch über die (ungelöste) Frage der Entsorgung des Atommülls.
Dank der intensiven Pressearbeit zwischen dem französischen Netzwerk Sortir du nucléaire und Greenpeace Frankreich und Deutschland, wurde auch deutlich, wie gut heute die deutsch-französische Freundschaft beim Widerstand gegen die Atomtransporte quer durch Europa funktioniert. Noch bis vor Kurzem wurden die Anti-Castor-Demonstrationen vorwiegend als deutsches Thema gesehen.
Schon vor der Abfahrt des schwer bewachten Zugs in Valognes zeigten öffentliche und private Fernsehsender nicht nur die üblichen Kurzsequenzen von Demonstranten in Anti-Atom-Overalls, sondern ließen Greenpeace-Sprecher Pascal Husting und verschiedene Mitglieder von Sortir du nucléaire zu Wort kommen.
Die Nachrichtensendungen zeigten auch, wie entlang der Strecke Strahlen gemessen wurden und wie Aktivisten in Caen den Zug blockierten. Sechs von diesen « Störenfrieden » drohe nun laut Le Figaro am 8. Dezember ein Prozess. Die konservative Zeitung betont zudem, dass wegen der Aktionen rund tausend Beamte im Einsatz standen, was sich im Vergleich zum Polizeimarsch in Deutschland allerdings schon fast bescheiden ausnimmt.
Le Figaro zitiert im Bemühen um eine ausgewogene Berichterstattung wie die meisten Zeitungen auch den Sprecher des Atomkonzerns Areva, der sich über den « Medienbluff » der Atomkraftgegner ärgert, welche seiner Meinung nach « die Angst der Leute missbrauchen ». Er spielt damit auf die Warnung an, dass dieser Zug wegen der außerordentlich großen Mengen radioaktiver Rückstände ein « rollendes Tschernobyl auf Schienen » sei.
Die Sonntagszeitung Journal du Dimanche hob auch die « Rekorde » hervor: « Es handelt sich um die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres. Es ist auch der am schwersten bewachte Zug zwischen Valognes (am Ärmelkanal), von wo der Castor am Freitag aufgebrochen ist, und Gorleben im Norden Deutschlands, wo er zu einem noch unbekannten Zeitpunkt eintreffen soll. » Bemerkenswert sei auch, dass es dem Absender Areva nicht mehr gelinge, den Castortransport in aller Heimlichkeit zu organisieren und abzuwickeln.
Es ist nicht zuletzt einigen gut recherchierten Reportagen zu verdanken, dass in letzter Zeit auch in Frankreich, wo 58 Reaktoren fast 80 Prozent der Elektrizität produzieren, die Entsorgungsfrage kein Tabu mehr ist. Diese Informationsarbeit hat unter anderem zur Folge, dass die Urantransporte aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Tomsk in Sibirien eingestellt werden.
Umgekehrt wächst nun der Druck auf die Anwohner von Bure, einer Ortschaft in Lothringen, der als Standort für eine Endlagerung in Lehmschichten in 500 Metern Tiefe designiert wurde. Denn die Polemik um die Castortransporte hat auch der französischen Atomlobby klargemacht, dass ohne dauerhafte und glaubwürdige Lösung für die Endlagerung die Kerntechnologie selbst in Frankreich die Zustimmung der öffentlichen Meinung verlieren kann.

10.11.2010
Die taz unterwegs im Wendland

Mein Castor

Aufblasbare Tierchen, fast-tödliche Hirsche, Azteken-Kakao und Schienenblockaden: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der taz über ihr schönstes Castorerlebnis. Oder über ihr hässlichstes. VON DER TAZ-CASTOR-GRUPPE

Sonntagmorgen auf den Schienen bei Harlingen. Sitzblockade. Auf den Gleisen sitzt ein Pärchen. Die beiden sind über sechzig und um Deeskalation bemüht. Sie befragen den Polizisten, der vor der Sitzblockade steht. Besonders die Frau gibt sich Mühe. Nach fünf Minuten hat sie herausbekommen, dass der Beamte aus Sachsen kommt und irgendwie ja auch gegen Atomkraft ist, sich aber Sorgen macht, wenn der Castor wegen der Blockade so lange in der Landschaft steht und alles verstrahlt. Er mache eben nur seinen Job.
Die Demonstrantin sagt: « Aber man kann seinen Job so oder so machen, das ist wie als Kassiererin im Supermarkt. » Der Polizist schaut zu seinem Kollegen nach rechts. « Man kann freundlich sein und grüßen und danke sagen », sagt die Frau. « Oder die Leute anblaffen. » Als sie ihn überreden will, von dem Kitkat, das er gerade ausgepackt hat, auf Fairtrade-Süßigkeiten umzusteigen, sagt der Polizist nichts mehr. LUISE STROTHMANN
Bahnhof Berg. Südblockade am Samstag. 12.30 Uhr. Es ist kalt und nass. Es herrscht Windstärke 12 (gefühlt). Egalité pur: Es frieren die Demonstranten, die Polizisten, die Journalisten. Dann kommt ER und schwingt die Alarmglocke: Der fetteste Bäcker der Südpfalz. Der ein Näschen fürs dicke Geschäft hat. In seinem Van stapeln sich Hörnchen, Brötchen und Brezeln. Hunderte stürzen sich darauf. Gerettet auch ich: Ein Schokostückchen und zwei Brezeln erbeutet. Eine Brezel biete ich einer leer ausgegangenen schönen Polizistin an. Sie blickt mich bitterböse an und beißt mir dann fast in die Hand. KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT
Mit Luftmatratzen und aufblasbaren Tierchen, mit Bauhandschuhen und Schutzbrillen, in Overalls, ausgestopft mit Stroh oder Schaumstoff, ziehen hunderte Atomkraftgegner am Sonntagmorgen durch Wälder und Wiesen. So sehen also Schotterer aus. Am Ziel angekommen, wühlen die einen Steine aus dem Gleisbett, während die Umpolsterten Knüppel einstecken, um die Polizisten fernzuhalten. Stoppen können die Schotterer den Castor nicht. Aber sie zeigen: Protest ist nicht mehr nur Lichterkette. Das ist Wendland 2010: entschlossener Ungehorsam – wütend, friedlich. KONRAD LITSCHKO
Hunderte Castorgegner, von Schlagstöcken und Pfefferspray lädiert, ziehen nach einem Scharmützel zwischen Schotterern und Polizisten über einen Waldweg ab, an dem ein Wasserwerfer parkt. An dessen Windschutzscheibe ist ein Buch platziert: « Unter Linken » vom Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer, eine bitterböse Abrechnung mit dem linken Milieu. Nun beobachteten die Polizisten zufrieden, wie immer Demonstranten irritiert stehen bleiben. Doch, auch Polizisten können kreativ sein. CHRISTIAN JAKOB
Ich konnte dem Tod knapp von der Schippe springen. Schuld an meinem Beinahe-Ableben ist der Castor. Besser gesagt, die Polizei, die sich in den Wäldern um Gorleben einnistete, als wolle sie dort ihr Hauptquartier errichten. Das machte das Wild verrückt. Rehe und Hirsche wussten nicht mehr, wohin sie fliehen sollten. Bis ich kam. Fünfmal rannten mir Hirsche und Rehe vors Auto. Am Ende fuhr ich 20 und war nachts um drei im Quartier. SIMONE SCHMOLLACK
Bahnkilometer 188, westlich von Harlingen, in der Nacht von Sonntag zu Montag. Die Luft ist eisig, auf den Feldern liegt Raureif. Der Weg zum Gleis scheint endlos. In diesem einsamen Wald, bei dieser Kälte sollen 3.000 Menschen auf der Schiene sitzen? Kaum vorstellbar. Aber wahr. Die Menschen sind da. Dicht an dicht sitzen und liegen sie auf und neben dem Gleis, das in einer fünf Meter tiefen Schlucht liegt. Und: keine Spur von Tortur. Stattdessen Decken und Stroh. Suppe, Schokolade und Tee. Lagerfeuer, Gitarrenmusik und Gespräche. Und, anders als beim Campingurlaub, noch das Gefühl, das Richtige zu tun. MALTE KREUTZFELDT
Laase. Letzter Ort vor dem Zwischenlager. Als der Atommüll vorbeikommt und keine Chance mehr bleibt, ihn aufzuhalten, da stehen die Menschen in ihren Feldern und weinen. Und als es vorbei ist, spielen sie ein Lied: « Always look on the bright side of life. » Laase, das Synonym einer Demütigung: 17.000 Polizisten tagelang im Einsatz gegen das Gefühl des Einzelnen, etwas ausrichten zu können. Es sind jene letzten Minuten, die mich bedrücken und mir das Gefühl geben: Am Ende gewinnt doch der Stärkere. FELIX DACHSEL
Kalt ist es. Kaum Wind, der Wald schützt. Die mit Rauch gefüllte Riesenseifenblase steigt ruhig in den sternenklaren Himmel. Immer wieder blitzt sie durch die Partyscheinwerfer. Die Menge staunt, klatscht, jubelt. Zu Balkanbeats und Techno hab ich die letzten paar Stunden mit Mitgliedern meiner Bezugsgruppe Linden 22 am Musikwagen getanzt. Als die Party vorbei ist, um 22.30 Uhr, wollen wir noch nicht schlafen.
Doch wer nachts in der Blockade nicht schläft, friert. Nur an den Feuertonnen – fünf Tonnen hat die Polizei auf der Straße zwischen dem Dorf Gorleben und dem Zwischenlager genehmigt – lässt es sich aushalten. Sogar ohne Jacke. Sogar ohne Pulli, als die Flammen kurz aufflackern. Pizza hatten wir schon, Waffeln auch und die Gemüse-Flatrate sowieso. Der kulinarische Höhepunkt dann an der Tonne: « Kakao wie bei den Azteken », sagt einer, was aber nicht stimmt. Die Azteken hatten doch keinen Schoko-Nuss-Harmonie-Kakao aus selbst gemachter Sojamilch. Deswegen: Kakao – noch besser als bei den Azteken. JULIA SEELIGER
Das Beeindruckendste an diesem Wochenende ist, wie müde die Polizei aussieht. Eines muss ja auch mal raus: Auch wenn viele dieser Beamten im Göhrder Wald übel, fies und mopsig gegen rund 3.500 weitgehend friedliche Demonstranten vorgingen und diese mit einigen wenigen Autonomen verwechselten, war das Gros der Polizei völlig überfordert, überstrapaziert und oft schlecht organisiert. Nur bemitleidenswerte Statisten in einem Schauspiel, das andere dirigierten: Da drüben Angela Merkel, hier all diese Widerständler. Das war so traurig, da hilft nur eins, meine Damen und Herren Beamten: sabotieren, demonstrieren, mitmarschieren. Aber auf der richtigen Seite. Und wenn nicht – dann trotzdem mein herzlichstes Beileid. MARTIN KAUL

taz 10.11.2010

Der beste Castor aller Zeiten

BILANZ Der größte, teuerste und umstrittenste Castoreinsatz der deutschen Geschichte erreicht mit anderthalb Tagen Verspätung sein Ziel
WENDLAND taz | Jetzt ist es vorbei. Als am Dienstag um 9.46 Uhr die elf weißen Castortieflader ins Zwischenlager Gorleben rollen, ist es ruhig geworden im umliegenden Wald. Jochen Stay, das Gesicht des Anti-Atom-Widerstands, steht in seiner gelben Regenjacke hinter Polizeigittern gegenüber den großen Gittertoren des Lagers und guckt zu. Die vergangene Nacht hat er bei der Sitzblockade verbracht. Er hat keine Minute geschlafen. « Früher war ich in diesem Moment immer frustriert », sagt er. « Diesmal irgendwie ganz und gar nicht. »
Nach 96-stündiger Fahrt und mit anderthalb Tagen Verspätung ist der langwierigste, teuerste und vermutlich am stärksten umkämpfte Atommüll-Transport in der deutschen Geschichte am Dienstag im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben eingetroffen.
Der Zug, der am Freitag im französischen Valognes gestartet war, wurde von großen Demonstrationen und Blockadeaktionen begleitet, die den Koloss bereits seit Frankreich immer wieder aufhielten (siehe unten).
Hinter Jochen Stay und all den anderen Atomkraftgegnern liegen drei Tage, in denen sie dem Staat einiges abverlangt haben. Denn diese Proteste waren größer und wirksamer als alle vorherigen.
Bereits in der Nacht zu Montag hatten bis zu 5.000 Menschen über 20 Stunden teils bei Minusgraden auf einem Schienenstück in der Nähe der Ortschaft Harlingen den Tross für eine ganze Nacht lang aufgehalten. Als der Zug nach der Räumung am Montag dann wieder rollen konnte, um die Castoren am Verladekran in Dannenberg für das letzte Straßenstück auf Schwertransporter zu verladen, folgten zwei weitere Blockaden: Keine 300 Meter vom Zwischenlager in Gorleben entfernt hielten es bis zu 4.000 Menschen auf Stroh, Isomatten und Decken bis Dienstagmorgen aus, ehe die Polizei die bis dato längste Sitzblockade der Wendlandgeschichte auflöste. Zu diesem Zeitpunkt hatten manche Demonstranten es bereits 43 Stunden am Stück in der Blockade ausgehalten.
Mit einem weiteren Coup sorgte Greenpeace in der Nacht zu Dienstag dafür, dass der Transport eine weitere Nacht stillstehen musste: Am Montagabend hielt ein zunächst unscheinbarer Biertransporter auf der zentralen Weggabelung vor dem Verladekran. Im Inneren des Fahrzeugs hatten Greenpeace-Leute ein kompliziertes Stahlbetonsystem errichtet: Aus dem vermeintlichen Lieferwagen heraus senkten sie zwei mit Beton gefüllte Stahlschächte bis auf den Straßenasphalt hinab. Darin standen, miteinander verkettet, in Beton eingelassene Umweltschützer. Weil diese von innen zudem mit Bohrhaken den gesamten Laster an den Asphalt befestigt hatten, benötigte die Polizei 13 Stunden, ehe sie die Aktivisten befreien und den Lkw entfernen konnte.
Und das war längst nicht alles: Nachdem bereits im September bis zu 100.000 Menschen in Berlin gegen Atomkraft auf die Straße gegangen waren, kamen am Samstag 50.000 Demonstranten nach Dannenberg, in eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Und 4.000 Schotterer versuchten am Sonntag, die Gleise zu unterhöhlen. Eine Schäferin trieb 1.700 Schafe und Ziegen auf die Transportstrecke. Robin-Wood-Aktivisten hingen in den Bäumen. Ein Protest-Paraglider schwebte über dem Castortransport. Und die Bauern aus dem Wendland blockierten mit ihren Treckern Verkehrskreuzungen und ketteten sich in Blockadepyramiden auf der Strecke fest. Das ist die Protestbilanz.
Die Bilanz des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann (CDU) lautet hingegen: 20.000 Polizisten im Einsatz, darunter 78 durch « Störer » verletzte Beamte, zudem 8 Festnahmen, 1.316 Ingewahrsnahmen, 172 eingeleitete Strafverfahren und 117 beschlagnahmte Traktoren. Schünemann hält den Einsatz für schwierig und kräftezehrend: « Die Polizisten sind bis an die Grenzen ihrer Belastung gekommen. »
Ehrenamtliche Sanitäter erhoben am Dienstag Vorwürfe gegen die Polizei. Polizisten hätten am Sonntag verhindert, dass eine schwerverletzte Frau abtransportiert werden konnte. Auch seien Sanitäter selbst mit Schlagstöcken traktiert worden.
Während Schünemann über die Zahl der verletzten Atomkraftgegner keine Angaben machen wollte, zählte allein die Kampagne « Castor schottern » rund 1.000 Verletzte auf ihrer Seite, von denen viele Augenreizungen durch Pfefferspray, Knochenbrüche und Kopfplatzwunden erlitten haben sollen.
Vorwürfe gegen die Polizei erhob auch die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Die unter freiem Himmel errichtete Gefangenen-Sammelstelle, die vor Ort errichtet und mit Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern abgesichert war, sei rechtswidrig gewesen. Die Menschen seien bei Minusgraden ohne Kälteschutz festgehalten worden.
Damit sind im Wendland beispiellose Protesttage zu Ende gegangen, die in Berlin nicht unbeachtet blieben. Kaum wurde von Aktivisten im Wendland am Wochenende kritisch bemerkt, dass Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sich seit Amtsantritt noch nicht in Gorleben habe blicken lassen, sicherte dieser zu, noch in diesem Jahr einen Ortsbesuch zu machen.
« Wir haben gezeigt, dass mit uns gerechnet werden muss », sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek. Sie sieht die Pläne von Bundesregierung und Energiewirtschaft, hochradioaktiven Atommüll in den Salzstock Gorleben zu bringen, angesichts der Proteste als gescheitert an. Der Atomexperte von Greenpeace, Mathias Edler, bilanzierte: « Das war der Anfang vom Ende der Castortransporte ins Wendland, der Anfang vom Ende des Endlagerstandortes Gorleben und der Anfang vom Ende der Atompolitik. »
Doch die Frage bleibt: Nach einem Protestaufmarsch, den es so noch nie gegeben hat – wie kann es danach weitergehen? Anti-Atom-Veteran Jochen Stay setzt seinen Rucksack auf. Man kann zufrieden sein mit dem Erreichten dieser letzten Tage, sagt er. « Wir haben ein Signal gesetzt, das die Regierung nicht mehr ignorieren kann. » Jetzt werde der Protest auch weitergehen. Zu Stuttgart 21, zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, und wenn das Pannen-AKW in Krümmel Anfang 2011 tatsächlich wieder ans Netz gehen soll. « Die Diskussion hat jetzt erst richtig begonnen », glaubt Stay.
Doch auch Gegenseite wird nicht untätig bleiben: Nur wenige Stunden nach dem Castortransport ordnete das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie an, die Erkundungsarbeiten für das mögliche Atommüllendlager in Gorleben wieder aufzunehmen.
JÖRN ALEXANDER, FELIX DACHSEL,
CHRISTIAN JAKOB, MARTIN KAUL,
MALTE KREUTZFELDT, KONRAD LITSCHKO,
REIMAR PAUL, JULIA SEELIGER

❗ ❗ taz-Live-Ticker in ganzer Länge: http://www.taz.de/castorticker

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