Platz der Befreiung am Freitag

Glückliche Stimmung auf dem Tahrir-Platz
« Wir haben gesiegt »

Glückliche Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Präsident Mubarak ist zwar bislang nicht zurückgetreten, doch der Widerstand des morschen Systems scheint zusammengebrochen. Keine Schlägertrupps, keine neuen Straßenschlachten, alles blieb ruhig. Die Demonstranten fühlen sich als Sieger.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo 04.02.11

« Freiheit, Freiheit », ruft einer der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. « Wir haben gesiegt. » Er steht auf einem Steinhaufen und schwenkt eine ägyptische Fahne und zehntausende Menschen strömen an ihm vorbei. Zuvor mussten wir an der Nilbrücke eine Armeekontrolle passieren. Die Soldaten, die den Straßenschlachten auf diesem Platz tagelang tatenlos zusahen, begrüßen uns und sagen: « Welcome to Egypt » (Willkommen in Ägypten).

Da war schon klar, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat an diesem Freitag. Dass der Widerstand des alten morschen Regimes in sich zusammengebrochen sein muss und Ägyptens Demokratiebewegung hier an diesem Ort und in diesem Moment gerade ihre große Stunde erlebt: »Das ist der erste Tag Ägyptens », sagt einer und schüttelt uns dabei die Hand ohne loszulassen. « Das ist Ägypten. Moslems, Christen und alle anderen, die hier sind. Das ist das Ägypten. Ich bin so glücklich. »

« Es war so viel Gewalt »

Am Mittag hatten hier Tausende gebetet und andere einen behütenden Menschenring um die Knienden gebildet. Darunter auch viele christliche Kopten. Der Platz im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt wirkt wie ein Feld nach gerade geschlagener Schlacht. Verbrannte Autowracks, aufgerissene Straßen, verbeultes Blech, das während der blutigen Kämpfe mit den randalierenden Mubarak-Anhängern zu Barrikaden aufgetürmt wurden. Der Asphalt ist übersät mit faustgroßen Steinen, aufgerissen von Panzerketten, Brandspuren überall.

« Es war so viel Gewalt, Steine, Schüsse, Molotowcocktails », sagt einer, lacht und zeigt auf seinen blutgetränkten Kopfverband. Sie haben hier ausgehalten – trotz Steinhagel und Beschuss – drei Tage, zwei Nächte, solange wie die Gefolgsleute Mubaraks ihr letztes Aufgebot gegen die Demokratiebewegung mobilisierten: Totschläger, Semikriminelle, angeheuerte Schlägertrupps, die sich in dieser Weltmetropole tagelang austoben konnten.

Das Ausland protestierte, Washington machte Druck – aber hätten die Menschen hier am Tahrir-Platz nicht standgehalten, dann wäre ihr Aufstand zusammengebrochen – und mit ihm die Hoffnungen so vieler in der arabische Welt.

Militär als Ordnungsmacht

Wir wissen noch nicht, was hinter den Machtkulissen geschah und was dazu führte, dass das Militär auf einmal als wohlwollende Ordnungsmacht gegenüber den Oppositionellen auftritt. Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi war heute auf dem Tahrir-Platz, auch der Präsident der Arabischen Liga, Amr Moussa, kam zu Besuch. Als man ihn fragte, ob er nicht Mubaraks Nachfolger werden wolle, sagte er: « Ich habe die Nase voll davon, Präsident zu sein. » Das hat den Leute hier gut gefallen. Sogar den Muslimbrüdern, die hier auch demonstrierten und heute sagen, dass man vor ihnen keine Angst haben müsse: « Die Muslimbrüder sind doch nur ein Teil der Gesellschaft », sagt einer. « Wenn die Leute bei freien Wahl die Muslimbrüder wählen, ist das okay. Wenn sie ElBaradei wollen, ist das auch okay. »

Keine dreihundert Meter von hier entfernt, an der Nordseite des Tahrir-Platzes, steht das Ramsis Hilton. Aus diesem Hotel haben wir in den vergangenen Tagen von einem Balkon über die Straßenschlachten berichtet. Die Demonstranten waren nah. Und doch so weit entfernt, weil dazwischen die Schlägertrupps wüteten. Heute morgen wurden wir noch aus Sicherheitsgründen aus dem Hotel evakuiert. Viele Journalisten fuhren zum Flughafen und flüchteten aus Ägypten. Dabei sieht es inzwischen fast danach aus, als kehrten schon bald geordnete Verhältnisse ein: « Tee, wer will Tee », ruft ein Junge und macht schon wieder erste Geschäfte auf dem Tahrir-Platz, dem Platz der Befreiung.

Publicités

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s