Ein Tag im Innern Dortmunds – NAZIS RAUS AUS DEN KÖPFEN

Gestern habe ich einfach mal mitgeschrieben, was an der Schützenstraße Ecke Kirchenstraße passierte – da wo laut DERWESTEN.DE: die friedlichen (Demonstranten) schafften es sogar ganz ohne Gewalt den Streckenverlauf der Rechten zu ändern – ein Tag, den ich nicht vergessen werde.
Nur, warum ist es so schwer, die Aufmärsche solcher Idioten in unserem Land zu verhindern? Viel mehr Menschen noch sollten sich diesem Spuk widersetzen.

Dortmund, 3. September 2011

7:00 an der Schützenstraße.
Zwei große Mannschaftsbusse der Polizei und viele Einsatzwagen rollen an. Aus allen Gegenden Deutschlands, wird sich später zeigen, zu Tausenden: Essen, Leipzig, NRW, Schleswig-Holstein, Ostholstein, Sachsen, Wiesbaden, Hamburg…So viel Aufwand! Die Einfahrt zur Schützenstr. erhält einen Kontrollposten, der wohl den meisten Verkehr umleitet.

7:30 auf der Schützenstr.
An jeder Querstraße stehen Wage mit Polizisten, bauen Straßengitter auf, kaufen Brötchen. Ich auch. Im Dutzend billiger? Nein, 10 für 2€ und zwei gratis, weil sie heute kleiner sind.
Kleinere Geschäfte tragen Schilder: Am 03.09. geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Abzweig Mallinckrodtstraße – Blücherstraße: Kann ich hier noch rein? – Ja sicher, viel Spaß beim Frühstück.

Eine Joggerin kommt mir entgegen: Sind wir hier jetzt eingesperrt?
Neues Gitter, im Aufbau, am Übergang zur Grünen Straße (= Rand des Sperrbezirks).
Komme ich hier gleich wieder rein? – Sie ja.
Die Einsatzwagen scheinen noch nicht wirklich im Einsatz – sie nehmen Aufstellung. Der erste Hubschrauber auch.

Durch KLICK auf die Karte vergrößern!
Das Kreuz markiert den Ort des Geschehens.
dssq Aktionskarte 03.09.11

9:30 auf der Schützenstraße zwischen dem Café Europa und der Pauluskirche
Erste Sitzblockade (die wird auch dort bleiben), ca. 60 Leute, darunter unsere 9 Mitschläfer. Setzen sich hin und wrden sofort umringt – gekesselt kann man nicht wirklich sagen, aber wir, 5 Minuten später, dürfen uns (erstmal) nicht dazu setzen, ein Beamter zeigt uns auf der Karte die Grenze des Sperrbezirks – wenn nicht freiwillig, würde man uns dorthin begleiten.
Die Gruppe wird von Transparenten umrahmt:

NAZIS RAUS AUS DEN KÖPFEN

HUMANISMUS ALS LEITKULTUR

KEINE TOLERANZ DER INTOLERANZ

DORTMUND BLEIBT UNSER HOOD
Andreas, von der Pauluskirche, wo ebenfalls 15 Personen übernachtet haben, will ihnen Wasser und Äpfel bringen: die Polizisten lassen ihn nicht durch, zögerlich gibt einer die Sachen weiter.
Kurz vor 10h wird die Sperrung gelockert – man darf sich jetzt dazu setzen, diese Versammlung ist angemeldet. KOMM DAZU, KOMM DAZU skandieren wir, sobald Neue auftauchen. Auf die ein oder andere Weise (s.u.) schaffen es tatsächlich noch ca. 150 weitere Personen im Laufe des Vormittags, die Absperrungen, auch innerhalb der Sperrzone, zu überwinden.
Neben mir sitzt ein älteres Ehepaar aus Essen – die wurden noch heute morgen noch in das Viertel gelassen, zwar kontrolliert (Wohin? – Wir wollen hier frühstücken), na, sind halt nicht die typischen Blockierer.

Der Hubschrauber kreist. Eine alte Dame taucht auf. Sie arbeitet schon lange in der Widerstandsbewegung (« meine erste Blockade habe ich 1958 mitgemacht ») und liest uns eins ihrer Gedichte vor, ihre Empfindungen vom 6.9.2008, heute noch genau so aktuell.

Heute marschieren sie wieder.
Hubschrauber dröhnen.
Polizei überall.

Heute marschieren sie wieder.
Hass predigen sie.
Unheil bereiten sie vor,
jung, ewig gestrig, brutal.

Heute marschieren sie wieder
in meiner Stadt.
Ich werde mich setzen – widersetzen.

…und setzt sich eine Weile zu uns.

Mein Nachbar ist blockadeerfahren, auf seinem 5.Sitzkissen – er hat sich schon oft den Nazis in den Weg gesetzt. In Dresden war er dabei, unter 20 000, so dass die Polizei aufgeben musste: der Naziaufmarsch wurde abgeblasen. Reichen die 10 000 erwarteten Gegendemonstranten hier???
le dagegen sein! – und das auch zeigen!

10:50 Erste Verwarnung per Lautsprecherdurchsage
Sie müssen diese Versammlung auflösen,da in Kürze eine « andere angemeldete Versammlung » über die Schützenstraße geleitet wird. « Das Blockieren einer angemeldeten Versammlung ist ein Straftatbestand laut § 21 Versammlungsgesetz. » Das ist die Auffassung des Polizeipräsidenten von Dortmund – warum unterscheidet sie sich von der der Staatsanwaltschaft, die hierin nur eine Ordnungswidrigkeit sieht???
Sie « machen den Weg frei » – für eine andere angemeldete Versammlung, wen auch immer. Wie gestern Abend bereits geschehen, als Sitzblockierer weggetragen wurden, um ca.200 Nazis eine Vorabenddemo zu ermöglichen.

11:05 Zweite Durchsage der Polizei
« Die Personengruppe auf der Schützenstr. hat sich unverzüglich in Richtung der Mallinckrodtstr. (Ende des Sperrbezirks) zu entfernen », sonst ist mit polizeilichen Maßnahmen zu rechnen.
Reaktion: eine Runde Ayran vom Besitzer des Trabzon-Grills.
Teşekür ederim!
und weitere Skandierungen HINSETZEN, HINSETZEN.
« Der Trabzon-Grill versorgte die Blockade-Teilnehmer mit Getränken. »
Foto (c) WAZ (wurde gelöscht)
Hier findet sich noch eine Bildergalerie => 60 Photos von der Demo
Am Rande der Blockade
Es gibt Gespräche mit dem Einsatzleiter: Sie werden nicht räumen, bevor die Nazis unterwegs sind (das kann noch 2 Stunden dauern), und vielleicht wird der Aufmarsch umgeleitet. Es ist auch zu viel Presse da, ein MdB, mindestens – während zwei Kreuzungen weiter 400 Personen gekesselt werden, aufgrund gewalttätiger Ausschreitungen von Autonomen, heißt es. Hier empfiehlt jemand, wir sollten uns lieber auflösen, falls Leute mit Wurfgeschossen dazu kämen.
Vorerst, bei sehr gutem Wetter, hat die Versammlung jetzt eher Volksfestcharakter: Seifenblasen, dribbelnde Teilnehmer, Volleyballrunde, eine junge Frau jongliert mit Bällen, Döner und Lahmacun sind gefragt.
Nächste Anwohneraktion: Kartenspiele werden verteilt – obwohl, das gehörte zu den Vorbereitungen, was man eigentlich mitnehmen sollte (bin ganz froh, dass wir keine Umziehklamotten brauchen, da bei uns weder Regenfälle noch Wasserwerfer auftauchen) – und was nicht…
Danach gibt’s Kreide…DORTMUND NAZIFREI steht jetzt auf der Straße, bestimmt für Hubschrauberpiloten erkennbar, und
NAZIS ESSEN HEIMLICH DÖNER

Ist es schon vorbei? Bis 14 h sollen wir mindestens noch bleiben, geben die Organisatoren im Büro durch, die den Überblick haben. Die Polizisten haben sich längst zurückgezogen, sind anscheinend nur noch zur Beobachtung da.

14:15 Der Aufmarsch zieht zwei Blöcke weiter in nördlicher Richtung vorbei, die Paulus-Kirchenglocken setzen sich in Bewegung, wie bei Sturm oder Feuersbrunst, wir skandieren NAZIS RAUS.

14:40 Neue Info, neues « Angebot » der Polizei:
keine Änderung der Route vorgesehen, wir sollen die Straße halb (!!) freigeben, oder nach der 3.Räumungsankündigung gehen, oder geräumt werden. Es bleiben alle.

Zwischenberichte: Andere Kleingruppen, die auch im Sperrbezirk übernachtet haben, sind heute morgen durch Kellereingänge oder über Garagendächer zu unserem Punkt gekommen, z.T. tatkräftig unterstützt vom Referenten des Bürgermeisters.
Man hört von aufgelösten Blockaden an anderen Stellen, von Steinewerfern, einem schwerverletzten Polizisten.

15:15
Inzwischen sind es etwa 200 Leute, die wieder sitzen, sich widersetzen. Presse/TV ist wieder aufgetaucht, der Kreis der Polizisten, die sich vervielfacht haben, hat sich zusammengezogen.
« Powerfanfaren », teilweise sehr melodisch eingesetzt, die sich ein wenig wie Vuvuzelas anhören, unterstützen unser Skandieren
FÜR DIE FREIHEIT, FÜR DAS LEBEN – NAZIS VON DER STRASSE FEGEN
Ab und an wird noch jemand raus- oder reingelassen, wie jetzt der Pfarrer von St.Paulus in seinem Talar, der uns den Platz um seine Kirche anbietet, « wenn die gleich kommen ».
Es ist ruhig geworden – gibt nichts mehr zu sagen – wir warten.

15:40
Jubel, Erleichterung, Glocken, Vuvuzelas, Parolen: die Strecke wurde doch geändert, die Nazis marschieren jetzt die Parallelstraße (Blücherstr.) hoch – WENIGSTENS DAS HABEN WIR GESCHAFFT!

Die « Personen auf der Schützenstraße » werden noch bis 16 h festgehalten, dann wird per Lautsprecherdurchsage die Umschließung geöffnet, zum Kirchengelände, und 10 Minuten später auch ganz.

Hiermit endet der Bericht aus dem Innern der sich querstellenden Stadt.

Berichte und Fotostrecken von anderen, auch von weniger friedlichen Schauplätzen bei
Radio 91.2, dort auch Radiofeatures,
oder
Der Westen

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5 réflexions au sujet de « Ein Tag im Innern Dortmunds – NAZIS RAUS AUS DEN KÖPFEN »

  1. Hi, habe gerade deinen blog gelesen und die interessanten links dazu. Ich war fast wieder mitten im Geschehen.
    Danke für diese großartige Erinnerung an einen unvergesslichen und wichtigen Tag. Auf ein Neues im nächsten Jahr! Venceremos!

  2. Erdfresser treten Negersklaven – ein italienischer Horrorkrimi ohne Kommissar« Wir wollen sie nicht wieder », sagte gegenüber AFP Giuseppe, ein Landbesitzer in Rosarno, von mehreren Freunden umgeben. « Die Neger, wir haben sie angezogen und gefüttert, gaben ihnen die gleichen Mahlzeiten an Weihnachten », sagt er, überrascht, dass m…

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