Rezension – Wir Wochenendrebellen
Das FCSBlog 2.0 – 23.10.2017
Mit dem Papa ins Fußballstadion. Das ist der klassische Beginn vieler Fankarrieren. In „Wir Wochenendrebellen“ geht Vater Mirco mit seinem 2005 geborenen Sohn Jason ins Stadion. Jason ist Asperger-Autist und davon überzeugt, dass er erst einmal alle Vereine gesehen haben muss, um sich einen auszusuchen. Logisch, oder? ….Weiterlesen
Das Buch ist 2017 erschienen – jetzt kam gerade der Film in die Kinos.
Wir Wochenendrebellen – Ein Buch über die Liebe, Fußball, Autismus
wochenendrebell.de – 2023
Von Jason
Das erste Buch von Jason und Mirco von Juterczenka.
Unser erstes Buch ist ein Fußballbuch welches wiederum auch gar kein richtiges Fußballbuch ist. Es ist kompliziert. „Wir Wochenendrebellen“ ist im August 2017 im Benevento-Verlag erschienen und seit August 2019 im Goldmann-Verlag als Taschenbuch erhältlich. Der Drehbuchautor Richard Kropf hat sich die Filmrechte gesichert und das Buch stand auf der Shortlist für das Fußballbuch des Jahres 2018. Die von Marc Rothemund inszenierte Verfilmung mit Florian David Fitz, Cecilio Andresen und Aylin Tezel in den Hauptrollen wird 2023 in die deutschen Kinos kommen.
Das Buch erzählt von unseren Stadion-Abenteuern in Dortmund, Aue und in Kiel, sowie von unseren Erlebnissen beim VfR Aalen, dem FC St.Pauli und auf Schalke. Zudem gibt es ein Kapitel zum Auftritt von Papsis Lieblingsverein, der Fortuna aus Düsseldorf, die zu Gast waren bei der TSG 1899 Hoffenheim.
Die Fußballkapitel wechseln sich ab mit Abschnitten und Passagen über den Umgang meiner Eltern mit meinem Autismus, der Rolle meiner Mami und meiner Schwester innerhalb des Wochenendrebellen-Imperiums und dem Highlight des Buches, meiner ausführlichen Einleitung wie es zu der keinesfalls verrückten, sondern sehr logischen Idee kam, sich erst einmal alle Fußballvereine anschauen zu wollen, bevor ich mich für einen Lieblingsverein entscheide.
Das Buch kann behilflich sein um die Diversität innerhalb des Autismus-Spektrums besser zu verstehen und beschreibt auch meinen Lernprozess zu meinem heute sehr selbstbewusstem Umgang mit meiner Behinderung. Noch besser eignet es sich aber für Eltern, Angehörige und Menschen, die sich beruflich bedingt mit Autismus und Autisten beschäftigen.
Ich bin ein gutes Beispiel was möglich ist, wenn Beziehungen von bedingungsloser Akzeptanz geprägt sind und das Beste an dieser Erkenntnis ist, dass sie nicht für Autisten gilt, sondern in Beziehungen jeglicher Art ein Grundpfeiler des Fundaments für ihre effiziente Funktion ist. Klingt unromantisch, ist aber so. Alle Menschen sind gleich. Sie werden aber nicht im gleichen Umfeld geboren und verfügen nüchtern über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt nicht im geringsten über das Potential an Chancen und Möglichkeiten. Ich bin aufgewachsen mit der selbstverständlichen Verfügbarkeit von Wasser. Es für mich völlig unbegreiflich, wie wir mit dieser Situation so leben können, wie wir es tun. Deswegen unterstützten wir mit der Lesereise zu „Wir Wochenendrebellen“ die Neven Subotic Stiftung, die sich um die nachhaltige Wasserversorgung in Nord-Äthiopien kümmern. Du findest auf dieser Seite Rezensionen zum Buch, Bestellmöglichkeiten und Rückmeldungen von Blogs und Medien, sowie Videos von Auftritten, wo wir über das Buch sprechen durften. Viel Spaß, euer Jason.
(Hervorhebung von der Blogautorin)
© 2023 wochenendrebell.de

“Wochenendrebellen” im Kino: Ein Autist kann ein Vorbild sein!
“Wochenendrebellen” ist ein deutscher Kinofilm über Fußball, Familie und Autismus. Mit den echten Wochenendrebellen haben wir über den tollen Film gesprochen.
gq-magazin.de – 28.09.2023
Von Anna Rinderspacher
Jason von Juterczenka ist genau richtig, so wie er ist: Klimaschützer, Astronom, Fußballfan und Autist. Seit seinem achten Lebensjahr ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsverein und reist dafür mit seinem Vater Mirco durch die Stadien Europas. Eine bemerkenswerte Geschichte, die nun verfilmt wurde.
Dass ihr Kind anders ist, als seine Altersgenossen, stellen Mirco (Florian David Fitz) und Fatime (Aylin Tezel) schon früh fest, weil Jason (Cecilio Andresen) beim Spielen unentwegt hin und her wippt – Stimming nennt man diese Aktivität, die dem Nervensystem hilft, sich im Fall einer Reizüberflutung zu regulieren und bei Autist:innen häufig zu beobachten ist. Wie niederschmetternd diese Diagnose für das Elternpaar ist, macht der Film von Marc Rothemund ohne viele Worte deutlich: In Fatimes hilflosen Blicken, in Mircos aufgebrachtem Gestikulieren, in den vielen Momenten der stillen Überforderung, die sie mit Jason von hier an täglich erleben.
Vom Alltagscrasher zum Wochenendrebellen
Mit der Diagnose brechen aber vor allem Ängste über das Paar herein. Können wir unser Kind vor der Welt beschützen? Wird ihn die Gesellschaft je so akzeptieren, wie er ist? Wer kümmert sich um Jason, wenn wir es einmal nicht mehr können? Zudem stellen auch die von Jason aufgestellten Familienregeln die Nordrhein-Westfalen vor große und kleine Herausforderungen: Unter anderem bringt den Jungen Lebensmittelverschwendung aus der Fassung und die einzelnen Bestandteile seines Essens dürfen sich auf dem Teller nicht berühren.
Als sein Sohn eines Tages erklärt, dass er einen Lieblingsfußballverein finden will und gedenkt, zu diesem Zweck jedes Wochenende in ein anderes Fußballstadion der ersten, zweiten und dritten Liga zu reisen, staunt Mirco daher nicht schlecht: Dichtes Gedrängel, lautes Grölen und unfreiwillige Bierduschen – ob das nicht ein bisschen zu weit außerhalb der Komfortzone seines autistischen Kindes ist? Oder ist es vielleicht am Ende außerhalb seiner eigenen?
Schonungslose Einblicke
Was im ersten Moment vielleicht wie eine kitschige Hollywood-Story klingt, ist die bemerkenswerte, tatsächliche Geschichte von Mirco und Jason von Juterczenka, die das Vater-Sohn-Gespann in seinem Buch “Wir Wochenendrebellen” festgehalten hat. Und soviel können wir garantieren: Die Verfilmung beschönigt die Einschränkungen, die ein Leben mit Autismus mit sich bringt nicht. Aufgrund seiner Kauzigkeit hat es der junge Jason schwer, bei seinen Klassenkameraden Anschluss zu finden; eine ältere Frau an der Haltestelle hält ihn für verzogen, weil er darauf besteht, immer auf demselben Sitz auf den Schulbus zu warten. Und als man ihm im Bordbistro der Deutschen Bahn einen Teller serviert, auf dem sich Nudel und Soße berühren und der Kleine daraufhin einen derartigen Tobsuchtsanfall bekommt, dass er und sein “Papsi” aus dem Zug geworfen werden, ist das selbst als unbeteiligter Zuschauer so unangenehm zu sehen, dass man sich der ein oder andere auf seinem Kinosessel winden wird. Für alle diese Dilemmata bietet der Film keine einfachen Lösungen an, weil es diese schlichtweg nicht gibt.
Stattdessen, ist es Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Richard Kropf gelungen, das eigentlich Bewegende und Spannende an Jasons und Mircos Situation einzufangen: Die aktive Bemühung der beiden, die Bedürfnisse des jeweils anderen zu verstehen und zu achten. Anders gesagt: die immense Liebe zwischen dem sehr besonderen Jungen und seinem Vater. Am Ende von “Wochenendrebellen” steht aber auch eine Erkenntnis, die selbst Menschen bewegen wird, die bislang wenig bis gar keine Berührungspunkte mit dem Thema Autismus hatten: Autist:innen haben keine andere Wahl, als sie selbst zu sein, ganz egal wie unbequem das für ihr Umfeld ist. Und gerade weil ihre Besonderheiten auffallen, fordern sie uns heraus, unseren eigenen Blickwinkel auf die Welt und das Leben hin und wieder zu verändern – was könnte bereichernder sein als das?
In einer Szene des Films hat das echte Vater-Sohn-Gespann einen Gastauftritt (hintere Reihe).
Die echten Wochenendrebellen im Interview
Was das echte Vater-Sohn-Gespann über die Verfilmung seiner Geschichte und ein Leben mit Autismus denkt, haben uns Mirco und Jason von Juterczenka im Interview verraten.
GQ.de: Welche Szene in “Wochenendrebellen” hat Sie am meisten berührt, als Sie den fertigen Film das erste Mal gesehen haben?
Mirco von Juterczenka: Als Aylin Tezel, die meine Frau spielt, vor der Schulrektorin sitzt und ihr klar macht, dass ihr Sohn sich niemandem gegenüber bewähren muss. Zum einen, weil der Dialog sich so fast 1:1 zugetragen hat, und zum anderen, weil Aylin die echten Emotionen dieser Situation und das Kämpferische von Fatime über Mimik und Sprache so gut eingefangen hat.
Jason von Juterczenka: Ich kann es sogar auf einen Satz runterbrechen: “Der Jason ist schon richtig, so wie er ist.” Denn genau das ist die Message des Films: Es gibt nichts zu verbessern oder gar zu heilen; Autist:innen haben eine andere Perspektive auf die Welt, aber keine falsche, oder gestörte.
Welche Sorgen hattet ihr im Blick auf die Verfilmung eurer Geschichte?
Mirco von Juterczenka: Wie Autismus im Film dargestellt wird. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der autistischen Gemeinschaft. Denn falls der Film ein Erfolg wird, könnte es sein, dass er den Blickwinkel der Gesellschaft auf Autismus prägt.
Jason von Juterczenka: Im Blick auf meine Figur hatte ich Bedenken, dass Verhaltensweisen, die mit Autismus assoziiert werden ins Lächerliche gezogen werden könnten. Oder Klischees reproduziert werden.
Was hat Ihre Angst gelindert?
Jason von Juterczenka: Ich habe den Drehbuchautor Richard Kropf und den Regisseur Marc Rothemund schon vor Drehbeginn kennengerlernt, daher wusste ich, wem wir unsere Geschichte überlassen. Wir standen während der Entwicklung in direktem Kontakt und ich hatte ein großes Mitspracherecht, was die Inszenierung und das Wording betrifft. Tatsächlich konnte ich mir vorher nicht vorstellen, dass irgendjemand mich spielen kann. Als ich aber dann das Casting-Video von Cecilio Andersen, der mich spielt, gesehen habe – die Nudelszene im Bordbistro – war ich überzeugt. Es war so realitätsgetreu, dass ich beim Zuschauen wieder sauer auf Papsi geworden bin, weil ich mich so in die Situation zurückversetzen konnte, dabei war sie zu dem Zeitpunkt über zehn Jahre her.
Mirco von Juterczenka: Diese Szene tut unglaublich weh und wird glaube ich auch beim Publikum im Kino Beklemmung auslösen, weil sie wirklich grandios umgesetzt ist.
Haben Sie irgendwann aufgehört, Ihrem Umfeld das Verhalten Ihres Sohnes zu erklären?
Mirco von Juterczenka: Ja, sehr schnell sogar. Es gibt immer noch Momente, in denen mir Jasons Verhalten unangenehm ist, wobei ihm mittlerweile glaube ich auch mein Verhalten manchmal unangenehm ist. Erklärungen bringen einen in diesen Momenten aber nicht weiter, das ist verlorene Liebesmühe, zumal man Autismus nicht mal so eben in zwei Minuten erklären kann; dazu ist das Thema zu vielfältig.
Der Film begleitet Sie auf der Suche nach Jasons Lieblingsfußballverein, der jedoch besondere Kriterien erfüllen muss. Schnelle Fragerunde: In welchem deutschen Stadion gibt es die besten Fans?
Mirco von Juterczenka: FC St. Pauli.
In welchem wird besonders nachhaltig vorgegangen?
Jason von Juterczenka: Von den Bundesliga-Vereinen bei Mainz 05. Die Trinkbecher sind aus Maisstärke und sie verwenden erneuerbare Energie.
Und wo gibt es das coolste Maskottchen?
Mirco von Juterczenka: Jason mag den Geißbock vom 1. FC Köln; das geht natürlich für mich als Fortuna Düsseldorf-Fan nicht. Deswegen würde ich sagen, der Adler von Frankfurt.
Abgesehen von Fußball interessieren Sie, Jason, sich sehr für Klimaschutz. Welche Hoffnung haben Sie diesbezüglich aufgegeben?
Jason von Juterczenka: Die Hoffnung auf die Menschen. Wir werden die Erderwärmung nicht auf 2 Grad reduzieren können, auch wenn es physikalisch gesehen möglich wäre. Aber Optimismus ist finde ich auch gar nicht so wichtig, sondern, dass wir Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel die Wasserversorgung in Äthiopien auszubauen. Das wird Menschenleben retten. Auch wenn klar ist, dass sehr viele Menschen aufgrund der Klimaveränderungen sterben werden; das muss man auch so aussprechen.
Wie sieht eine bessere Welt denn aus?
Jason von Juterczenka: Eine bessere Welt muss in erster Linie gleicher und gerechter sein. Im Großen und Ganzen sind wir uns glaube ich alle sogar einig, wie das aussehen müsste: Kein Hunger, keine Armut, Trinkwasserversorgung für alle, Restauration von Ökosystemen, globale Partnerschaften und Frieden. Die Nachhaltigkeitsziele der UN bilden das eigentlich sehr gut ab.
Mirco von Juterczenka: In der Theorie sind ja auch fast alle Menschen diesbezüglich solidarisch; nur wenn es dann darum geht, sich tatsächlich persönlich einzuschränken, wird es schwierig.
Was möchten Sie anderen Autist:innen und ihren Familien mitgeben?
Mirco von Juterczenka: Eltern von Kindern auf dem Spektrum würde ich raten, mehr Zeit in das Stärken von Stärken zu investieren und Räume zu schaffen, die Entfaltung möglich machen.
Jason von Juterczenka: Und ich möchte Autist:innen sagen, dass sie sich nicht auf ihre Defizite reduzieren lassen sollen. Ihr seid nicht gestört und auch keine Last. Autismus ist eine andere Verschaltung des Gehirns, die mit vielen Behinderungen einhergeht. Aber er geht auch mit viel Behilflichkeit einher. Wenn man Autist:innen den Raum gibt, sich zu entfalten, können diese der Welt eine Menge geben. Wir brauchen Autisten.
© 2023 gq-magazin.de
Florian David Fitz über seinen Film “Wochenendrebellen”, Autismus, und warum er ein Herz für Außenseiter hat
Vor allem eine Erkenntnis hat Florian David Fitz vom Dreh mitgenommen: « Man kann Autismus nicht wegerziehen. »
gq-magazin – 5. Oktober 2023
Von Anna Rinderspacher
GQ.de: Herr Fitz, Sie sind selbst kein Fußballfan. Was hat Sie an diesem Crashkurs Fankultur überrascht?
Florian David Fitz: Am meisten hat mich überrascht, wie schön ich es im Stadion fand. Diese Reise hat mir gezeigt, was ich als Fußballmuffel verpasse, nämlich dieses Gemeinschaftserlebnis, das etwas ganz Liebevolles und Essenzielles für den Menschen ist. Für einen Verein sein Leben lang zu brennen, kann einem viel Halt im Leben geben.
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© 2023 gq-magazin.de
« Ich finde, wir zeigen ganz gut, dass Autismus keine Störung ist »
Die Wochenendrebellen kommen ins Kino.
ZEIT – 28.09.2023
Interview: Fabian Scheler
ZEIT ONLINE: Eure Geschichte läuft ab heute in den Kinos. Seid ihr zufrieden mit dem Film?
Jason: Ich weiß nicht, ob ein Film in die Kinos hätte kommen können, mit dem ich nicht zufrieden gewesen wäre. Die Stellen, die ich nicht gut fand, wurden fast alle abgeändert oder sind rausgeflogen.
Mirco: Es gab in der Entstehung und Produktion Höhen und Tiefen. Aber das Ergebnis ist besser, als ich es mir je hätte denken können.
(…)
ZEIT ONLINE: … euer zweites Buch erscheint demnächst und jetzt sehen euch sehr viele Menschen auf der Kinoleinwand. War das für euch nie ein Problem, dass euer Leben so öffentlich stattfindet?
Mirco: Ich sehe das entspannt, weil alles, was mit meinem Job zu tun hat, sehr getrennt davon stattfindet. Die Entscheidung wurde uns auch in dem Moment abgenommen, als wir für den Grimme Online Award nominiert gewesen waren. Ich hatte vorher zu Jason gesagt: Wir gehen dahin und danach ist wieder Ruhe. Er war sich aber sicher, dass wir gewinnen. So kam es und unsere Klarnamen waren in der Welt. Dahinter zurück können wir nicht mehr. Deshalb geht es heute eher darum, zu gucken, ob ich damals Dinge geschrieben habe, bei denen Jason denkt: Was hast du da eigentlich für einen Mist gebaut?
Jason: Natürlich hast du Unsinn geschrieben. Zum Beispiel, dass ich in meiner kurzen Zeit als aktiver Fußballer schlecht gespielt hätte.
Mirco: Du warst schlecht.
Jason: Ich war nicht gut, aber ich war besser als alle anderen auf dem Platz.
Mirco: Du warst der schlechteste.
Jason: Nein, ich war der Beste. Es war ein einziges Durcheinander. Alle liefen wild herum, es gab keine Taktik. Und ich war einfach nicht schnell, also was sollte ich machen, außer den anderen zu sagen, was sie zu tun haben? Das habe ich getan, ich war schließlich auch Kapitän. Aber in diesem Umfeld von inkompetenten Mitspielern war ich einfach unfähig, meine Fähigkeiten zu entfalten. Papsi hat also Unsinn geschrieben, aber keinen schädlichen Unsinn. Nur eben seine beschränkte Meinung.
ZEIT ONLINE: Eine Szene, die auch im Film vorkommt. Wann hast du eigentlich erfahren, dass du auf dem Autismus-Spektrum bist?
Jason: Bis 2011 hatten wir meine Regeln und Routinen als « besondere Logik » zusammengefasst. Auf einem Festival hat Papsi mir dann zwei Bücher in die Hand gedrückt: « Colines Welt hat tausend Rätsel » und « Schattenspringer ». In beiden Büchern geht es um autistische Mädchen. Endlich normale Leute! Papsi hat mich einfach über die Bücher reden lassen und ich bin mehr oder weniger selbst draufgekommen, dass auch ich Autist bin. Sehr früh, ich war gerade sechs Jahre alt, aber das war auch gut so.
ZEIT ONLINE: Als deine Eltern die Diagnose im Film mitgeteilt bekommen, wirken sie sehr betroffen.
Mirco: Ich bin sehr froh, dass die Szene gleich am Anfang kommt und schnell vorbei ist. Es braucht sie für den Film, und im Vergleich mit anderen Diagnoseszenen, die mal angedacht waren, ist sie gut, so wie sie ist. Aber sie ist ein Mix aus mehreren Situationen, die wir selbst auf der Suche nach der Diagnose erlebt haben. Da ging es für uns als Eltern sehr barsch und ruppig zu. Das hätte man auch zeigen können.
ZEIT ONLINE: Fatime, deine Frau, sieht man im Film fast nur zu Hause, sie übernimmt am Anfang die meisten Aufgaben. Ist ihr Einsatz damit hinreichend gewürdigt?
Mirco: Ich war nach unserem ersten Buch schon nicht glücklich, dass sie nur ein Kapitel bekommen hat. Deshalb war es mir enorm wichtig, dass meine Frau als die starke Person gezeigt wird, die sie ist. Aylin Tezel, die Fatime spielt, wollte länger mit ihr telefonieren, um ihre Rolle besser zu verstehen. Also hat Fatime erzählt. Wie sie jeden Tag mit Jason aus dem Haus ist, um die 300 Meter zur Bushaltestelle zu laufen. Eine dreiviertel Stunde, bevor der Schulbus kam. Nur, damit er der Erste dort ist, weil er sonst tobt. Oder wie sie zum einhundertsechsundzwanzigsten Mal die DVD von der Zugfahrt zwischen Gütersloh und Hamm, aufgenommen aus dem Zugführerstand, mit ihm geguckt hat. Es war seine Lieblings-DVD und alleine wollte er sie eben nicht gucken.
Jason: Es ist aber auch eine schöne Strecke.
(…)
ZEIT ONLINE: Ist es ein Aufklärungsfilm über Autismus geworden?
Jason: Die Kriterien dafür erfüllt er nicht ganz. Nur in der ersten Szene wird medizinisch über Autismus gesprochen, danach geht es um unsere Geschichte. Und die hat vielleicht automatisch eine gewisse aufklärende Funktion. Ich mag es zum Beispiel, dass es dem Film gelingt, bei den Problemen zu Hause keinen rein defizitären Blick auf Autismus zu haben. Sondern dass er auch meine Stärken zeigt und mich als Persönlichkeit darstellt, ohne die mich behindernden Aspekte zu vergessen.
ZEIT ONLINE: Also ist nicht Autismus das Problem, sondern der Umgang der Menschen damit.
Jason: Autismus ist nicht heilbar, heißt es immer. Stimmt, das ist es auf keinen Fall. Aber unsere Geschichte stellt ja die Frage, die wir zu selten stellen: Wieso sollte man Autismus eigentlich heilen? Ich finde, wir zeigen ganz gut und ohne es explizit zu sagen, dass man das nicht muss und Autismus keine Störung ist.
(…)
ZEIT ONLINE: Im Film sagt deine Mutter am Bahngleis: « Habt ihr alles? », woraufhin du sagst: « Natürlich nicht, man kann nie alles haben. » Antwortest du da mittlerweile anders?
Jason: Wenn ich eine Frage zum ersten Mal höre, dann beantworte ich sie logisch. Also nein, wir haben nicht alles. Wenn ich die Frage schon mal gestellt bekommen habe, dann weiß ich, wie sie gemeint ist, auch wenn sie unsinnig ist. Dann erledige ich die Aufgabe, die eigentlich mein Gesprächspartner übernehmen sollte, nämlich die Frage anständig zu stellen: Habt ihr alles, was ihr benötigt? Oder wenn jemand eben einen Clown gefrühstückt hat oder seinen Verein in die Wiege gelegt bekommen hat. Ich weiß mittlerweile, was damit gemeint ist und dann lerne ich das auswendig. Bei bestimmten Floskeln weigere ich mich aber weiterhin, sie praktisch zu entkernen. « Wie geht es dir? » beantworte ich immer noch exakt so, wie die Frage zu beantworten ist.
ZEIT ONLINE: Man sieht euch im Film immer wieder streiten. Etwa, wenn sich im Zug Nudeln mit Soße vermischen, obwohl es anders bestellt war, weil es gegen deine Regeln verstößt. Haben sich eure Streits durch das gemeinsame Reisen verändert?
Jason: Selbst die heftigsten Ausraster wurden für den Film abgemildert. Wahrscheinlich, weil man mit mir irgendwie noch sympathisieren muss. Und weil der Film FSK 16 sein soll. Und unsere Streits werden relativ asymmetrisch dargestellt. Es ist nicht so, dass einer den anderen komplett demütigt und der andere lässt es über sich ergehen. So läuft das nie ab. Häufig ist es eine beidseitige Sache, über Minuten und Stunden. Die Frequenz hat sich jedenfalls nicht geändert. Und noch immer ist es manchmal komplett enthemmt. Das einzige, worauf ich achte, ist, dass ich keine diskriminierenden Schimpfwörter verwende. Ansonsten ist alles dabei. Bei Papsi aber auch. Zum Glück findet das oft im Ausland statt. Mittlerweile nehmen wir uns manches weniger zu Herzen, weil wir beide gelernt haben zu verstehen, wann der andere einen schlechten Tag hat.
ZEIT ONLINE: Das setzt Empathie voraus. Fällt dir empathisch sein mittlerweile leichter?
Jason: Ich lerne dazu, aber das Wissen darüber, was bestimmte Gesichtsausdrücke bedeuten und was bestimmte Aussagen meinen, das scheint vielen angeboren zu sein. Mir nicht. Ich werde in meinem ganzen Leben nie anhand des Gesichtsausdrucks deuten können, wenn jemand mir etwas sagen will, was ich vorher noch nie gehört habe. Ich verstehe nicht, wie das funktionieren soll. Alle können das anscheinend, aber für mich hat das fast schon etwas Mystisches.
ZEIT ONLINE: Du hast gesagt, du erzählst deine Geschichte gerne, weil du stolz auf sie bist. Was ist Stolz für dich?
Jason: Ich stehe dem kritisch gegenüber. Wenn man die ganze Welt betrachtet, gibt es wahrscheinlich eher zu viel Stolz und zu wenig Demut. Bei mir überwiegt immer der Blickwinkel auf das, was noch getan werden muss und die Relation zwischen dem, was ich geschafft habe und was ich eigentlich schaffen müsste. Damit werde ich aber mein ganzes Leben lang nicht zufrieden sein. Also versuche ich das große Ganze im Blick zu behalten, erinnere mich aber nebenbei ab und zu mal daran, dass es nicht nichts ist, wenn 1.000 Menschen durch uns Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten haben. Das ist schon richtig, um nicht komplett zu verzweifeln, aber es ist nicht meine primäre Denkweise. Es geht immer um das, was noch geschafft werden muss. Deshalb ist Stolz ein recht seltenes Gefühl, aber dass es in bestimmten Situationen etwas Positives sein kann, das habe ich mittlerweile gelernt.
ZEIT ONLINE: Dass du deinen Verein vielleicht nie finden wirst, macht dich das nicht manchmal rasend?
Jason: Das ist tatsächlich unüblich. Wenn es eine Aufgabe gibt, wäre ich eigentlich ziemlich nervös, wenn ich sie nach zwölf Jahren noch nicht erfüllt habe. Es ist eine Ausnahme, weil ich sehr gut damit leben könnte, wenn wir den Verein nie finden. Dann suchen wir eben immer weiter. Und immer weiter zu suchen, das macht mich auch glücklich.
ZEIT ONLINE: Neben dem Versprechen, solange zu suchen, bis du deinen Lieblingsverein gefunden hast. Was hat dein Vater denn noch versprochen?
Jason: Da ist zunächst das schöne Anschlussversprechen, dass, wenn wir meinen Verein gefunden haben, eine Saison lang alle Heim- und Auswärtsspiele des Clubs und das Trainingslager besuchen müssen.
Mirco: Da hatte ich relativ explizit meinen Lieblingsverein, Fortuna Düsseldorf, im Sinn und dachte, Jason hat Angst davor, dass die Suche und damit unsere Reise endet.
Jason: Diese Versprechen …
Mirco: Ja?
Jason: Unter meinen Bedingungen war mir schnell klar, dass das Versprechen « Wir gucken uns alle Vereine an, bis du einen Lieblingsverein gefunden hast » zu einer Lebensaufgabe werden würde. Ich war überrascht, wie einfach ich das von dir bekommen habe. Heute bist du zwar schlauer, aber es fehlt noch die Fahrt mit dem Shinkansen-Zug in Japan. Anreisen dürfen wir wegen der Klimavereinbarungen nur per Zug. Und einmal warst du auch noch richtig voreilig und unvorsichtig.
Mirco: Nein, nicht unvorsichtig.
Jason: Definitiv warst du das. Du hast versprochen, dass wir die Welt verbessern.
Mirco: Es war der einzige Ausweg, weil es dir richtig beschissen ging.
Jason: Man gibt keine Versprechen, um irgendetwas kurzfristig zu beruhigen.
Mirco: Das war 2014. 2014 bin ich davon ausgegangen, dass …
Jason: Siehst du: unvorsichtig.
Mirco: Ja, okay.
Jason: Du hattest nicht die ausreichende Kenntnis der Fakten. Die Weltverbesserung war fast noch fahrlässiger als das Versprechen mit dem Lieblingsverein.
Mirco: Findest du?Jason: Auf die Suche nach dem Lieblingsverein hast du noch Einfluss. Auf eine bessere Welt muss man sich erst mal Einfluss verschaffen.
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